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Bergier-Kommission: Moralische Wertungen statt historische Untersuchung


Bedenkliche Schwächen


Eine Stellungnahme des Arbeitskreises «Gelebte Geschichte»

Der Arbeitskreis «Gelebte Geschichte», zu welchem sich kompetente Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs zusammengefunden haben, hat zuhanden der Bergier-Kommission eine fundierte Kritik an deren erstem Teilbericht, jenem über die Goldtransaktionen, formuliert. Die in sieben Teilbereiche gegliederte Kritik hat folgenden Wortlaut:

1. Wer erwartet hatte, im Vorwort einleitend eine Skizze der damaligen prekären Lage der Schweiz zu lesen, sieht sich enttäuscht. Schon im ersten Abschnitt wird indes (bezeichnenderweise?) direkt auf die «widerrechtliche Aneignung fremden Goldes» zugesteuert.

Vorverurteilung

2. Störend ist auch die massive Kritik, die ebenfalls im Vorwort an den Verantwortlichen
der Nationalbank geübt wird, Kritik, die nicht belegt ist und einer Vorverurteilung gleichkommt. Zwar liest man im Bericht, er sei keine «Anklageschrift», doch im gleichen Atemzug wirft man den damals Verantwortlichen «Routine, Weg des geringsten Widerstandes, fehlende Vorstellungskraft, fehlende Weitsicht» vor und erklärt: «Sie haben nicht begriffen, welche Verbrechen und welche tragischen Schicksale sich hinter ihren Worten, ihren Argumenten, ihrem Kalkül, ihrer Engherzigkeit und ihrer Überzeugung verbergen.»

Dem Leser wird auf diese Weise schon auf den ersten Seiten klargemacht, mit welch traurigen Akteuren er es bei der Lektüre zu tun haben wird. A priori wird dem Leser eine Wertung eingeträufelt, lange bevor er aufgrund der Lektüre selbst zu erkennen vermag, worum es sich eigentlich handelt. Damit werden im In- und Ausland Vorstellungen in die Köpfe projiziert, die nachträglich, wie die Erfahrungen immer wieder zeigen, kaum mehr zu korrigieren sind.

Die Rechtsfrage

3. Völlig unverständlich ist die Verschiebung der Würdigung der rechtlichen Aspekte auf eine spätere Expertenkonsultation. Dabei steht für Zeitzeugen fest, dass just die rechtliche Argumentation, etwa bei den Verhandlungen des Washingtoner Abkommens, eine entscheidende Rolle gespielt hat (beispielsweise die von den USA bekämpfte schweizerische Absicht, die Rechtsfrage durch ein internationales Schiedsgericht entscheiden zu lassen, dessen Urteil möglicherweise zugunsten der Schweiz ausgefallen wäre).

4. Weshalb wird bei der Untersuchung der nachträglichen Rechtfertigungsgründe der Nationalbank jede Interpretation offengelassen? Weshalb soll die Untersuchung der Neutralitäts-Argumentation erst später erfolgen? War die Erfüllung währungspolitischer Aufgaben nicht ein gewichtigeres Argument als die Gewinnsucht? Welche Handlungsalternativen bestanden damals?

Mitglieder unseres Arbeitskreises vermögen sich aus ihrer Studienzeit und aufgrund der damaligen Urteile ihrer Hochschulprofessoren noch gut zu erinnern, wie sehr Behörden und Nationalbank in kritischer Lage versuchten, eine Wirtschaftspolitik zu führen, in deren Mittelpunkt Währungsstabilität und Zahlungsfähigkeit und somit die Landesinteressen standen.

Alle diese Fragen gehören in eine gleichzeitige Gesamtwertung aufgenommen und nicht fragmentiert, «scheibchenweise» beurteilt. Dieses fragwürdige Vorgehen hindert die Kommission jedoch nicht daran, schon heute strenge Urteile zu fällen und öffentlich weltweit zu verkünden.

5. Man wird bei der Lektüre den Verdacht nicht los, dass die Kommission die unrichtige Meinung des Eizenstat-Berichts teilt, dass die Berufung auf die Rechtsordnung juristischer Starrköpfigkeit und mangelndem moralischem Sensorium gleichkomme. Wir Zeitzeugen erinnern uns noch gut, wie sehr man in den Kriegs- und Nachkriegsjahren in Verwaltung und Wirtschaft darauf bedacht war, auf rechtlich einwandfreie Weise zu handeln. Das Rechtsempfinden war damals offensichtlich sensibler als heute.

Wenn die Überzeugung vertreten wird, der Holocaust dürfe nur mit moralischen Massstäben gemessen werden, so wäre es in erster Linie Pflicht der Historiker zu untersuchen, ob diese Meinung auch schon in den Kriegsjahren vorherrschend war, und welche Schlüsse daraus weltweit seitens der Alliierten und der Schweiz gezogen wurden.

6. Die Rechtsfragen sind subtiler und bedeutsamer, als gewisse Historiker zu glauben scheinen. Ihre Kommission ist gerade für die Untersuchung dieses Fragenkomplexes wenig geeignet. Wir sind jedenfalls der Meinung, dass die Auswahl der Rechtsexperten, die beigezogen werden sollen, nicht allein der Kommission überlassen werden darf. Von Bedeutung ist auch die Formulierung des Auftrags zuhanden der Experten. Auch diese Frage sollte nicht allein der Kommission anvertraut werden.

Seltsame Kontakte

7. Schliesslich gibt die Rolle zu ernsthaften Bedenken Anlass, die Prof. J. Picard bei der Redaktion des Berichts der Wiesenthal-Center «Survey of Nazi and Pro-Nazi Groups in Switzerland» spielte. Auch wenn Herr Picard gemäss NZZ abwiegelt, seine Mitarbeit habe lediglich aus einem Hinweis auf öffentliche Archive in der Schweiz bestanden, muss man sich in guten Treuen fragen, ob es Sache eines Mitglieds Ihrer Kommission ist, einem «Historiker» der Art eines Herrn Schom bei der Beschaffung von Unterlagen behilflich zu sein, ohne sich zuvor über den Autor und die Arbeit näher zu erkundigen, und damit zum schweren Schaden beizutragen, den das perfide Machwerk weltweit angerichtet hat.

Dieser Fall zeigt auch die Verbindungen auf, die offenbar hinter den Kulissen zwischen gewissen schweizerischen Historikern und unseren Gegenspielern im Ausland bestehen.

Die schweizerische Öffentlichkeit hat jedenfalls Anspruch darauf zu erfahren, welche genaue Rolle Prof. Picard (und möglicherweise auch Mitarbeiter des Bundesarchivs) in dieser leidigen Angelegenheit gespielt haben. Wie schon im Falle der schweizerischen Mitarbeit beim schändlichen BBC-Film trägt auch diese Panne nicht dazu bei, das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Expertenkommission zu stärken, wie Reaktionen aus dem Volke klar erkennen lassen.

Arbeitskreis Gelebte Geschichte


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