Nr. 16, 20. August 1999

Im Rückblick auf den Rütli-Rapport vom 25. Juli 1940
«Wir wollen Herr bleiben im eigenen Haus»
Nachdruck eines vor vierzehn Jahren erschienenen «Brückenbauer»-Interviews mit
Dr. Alfred Schäfer

Vor gut vierzehn Jahren, am 31. Juli 1985, in einer Zeit also, da Landesver-
teidigung und Unabhängigkeit der Schweiz einer aggressiven Fundamen-
talopposition ausgesetzt waren, erschien im «Brückenbauer» ein Interview
von ganz besonderem Gehalt. Der damalige Ehrenpräsident der Schweize-
rischen Bankgesellschaft, Dr. Alfred Schäfer, äusserte sich darin zum Rütli-
Rapport, zu welchem General Guisan die gesamte Armee-Spitze auf den 25.
Juli 1940 aufgeboten hatte. Schäfer nahm als einer der damals jüngsten Offi-
ziere an diesem Rapport teil. Auch wenn vor vierzehn Jahren von besserwis-
serischen «Jung-Historikern» und ihrer überbordenden Kritiklust an den
Entscheidungsträgern der Weltkriegsgeneration noch kaum etwas zu sehen
war, so formuliert Schäfer in diesem «Brückenbauer»-Interview Antworten,
deren Weitblick beeindruckt. Durch eine Leserin auf dieses bedeutende
Interview aufmerksam gemacht, druckt es die «Schweizerzeit» heute in voller
Länge ab - mit Genehmigung der «Brückenbauer»-Redaktion und des sei-
nerzeitigen Interviewers Dr. Hans Eberhart.

Herr Dr. Schäfer, welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Teilnahme
am Rütli-Rapport vom 25. Juli 1940?

Dr. Alfred Schäfer: Sicher behält das Gedächtnis nicht alles, was während eines
langen Lebens erinnerungswürdig wäre. Doch die Erinnerungen an den Rütli-Rapport
sind bei mir deshalb noch so frisch, weil ich einer der jüngsten Teilnehmer war.
Damals zählte ich 35 Jahre und führte als Hauptmann interimsweise eine Kavallerie-
Abteilung. Mit meiner Einheit stand ich auf dem Rotberg im Jura, als ich den Befehl
erhielt, mich am Vormittag des 25. Juli 1940 auf dem Bahnhofplatz von Luzern ein-
zufinden.

Überfahrt
Was haben Sie bei Ihrer Ankunft in Luzern vorgefunden? Waren Sie irgend-
wie überrascht?
Schäfer: «Überrascht» ist ein zu schwaches Wort. Man stelle sich vor, hier die ganze
«Generalität» vorzufinden, mitsamt unserem General an der Spitze! Darauf war ich
in keiner Weise vorbereitet. Bestürzt, ja fast entsetzt war ich, und mit mir zusammen
die meisten, als alle einschliesslich der ganzen Armeespitze auf das Flaggschiff des
Vierwaldstättersees, die «Stadt Luzern», geheissen wurden und dieses verhältnis-
mässig schwere und langsame Schiff wegfuhr.
«Was soll das?» fragte ich mich. Entlang der Route hätte von einem der so friedlich
scheinenden Ruderboote ein Torpedo abgefeuert werden können, und die Armee
wäre «ohne Kopf» gewesen. Allmählich wurde mir klar, dass wir das Rütli ansteuer-
ten. Erst dann begannen wir, die Umrisse der «Übung», die da im Gang war, zu
erahnen.
Es wird heute erklärt, dass bis zur Ankunft auf dem Rütli eine Verspätung
eingetreten sei, die den General zur Kürzung seiner Ansprache gezwungen
habe. Hatte sich der besammelten Offiziere eine gewisse Hast bemächtigt?
Schäfer: Nein. Freilich sollten wir, um Benzin zu sparen, in Luzern die Abendzüge
erreichen. Doch daraus entstand kein zeitlicher Druck, der den General irgendwie
beengt hätte. Oben auf der Rütli-Wiese angekommen, wurden wir, nach Divisionen
gegliedert, zu jenem Halbkreis formiert, der dann durch die historischen Bilder be-
rühmt wurde. Nein, wirklich, die gemessene Ruhe, der sonnige Tag, die Abwesenheit
jedwelcher Hast prägten das Ereignis, seine unvergessliche Grösse, mit.

Generalsrede
Als Sie in dieser Formation dastanden, kam der General. Und was sagte er?
Schäfer: Vorab weiss ich sicher, dass er sich lediglich eines kleinen Notizzettels be-
diente. Nichtsdestoweniger sprach er wie gewohnt präzise, etwa zwanzig bis dreis-
sig Minuten lang. Er zitierte aus eigenen, ihm zugekommenen Briefen. Davon abge-
sehen, sagte er im wesentlichen, was dann sechs Tage später in den Tagesbefehl
zum 1. August eingegangen ist.

Wirkung
Sagte der General nichts, was über das eigentlich Militärische hinausging?
Schäfer: Meine klare, aus sicherer Erinnerung fliessende Antwort lautet: Nein. Diese
Begrenzung auf den militärischen Aspekt war mit das Grosse dieses Ereignisses.
Innerhalb dieser zwanzig Minuten änderte sich bei uns Teilnehmern die Stimmung,
genau so, wie sie sich dann im ganzen Volk geändert hat. Genauer gesagt: Sie
festigte sich neu, sie entwickelte sich hin zur unverrückbaren Entschiedenheit. Es
gab wohl kaum einen, auch nicht unter den härtesten Rapport-Teilnehmern, der nicht
Tränen in den Augen hatte und sie auch nicht verbarg. Es waren Tränen der Ergrif-
fenheit, die sich in Entschlossenheit wandelte.
Jetzt verstanden und akzeptierten wir das mit der Schiffahrt in Kauf genommene
Risiko. Gezeigt und symbolisiert werden sollte, was der General von da an immer
wieder sagte: «Wir wollen Herr bleiben im eigenen Hause - was immer das kosten
und fordern mag.»

Rückfahrt
Dann verlief die Rückfahrt stimmungsgemäss anders als die Hinfahrt?
Schäfer: Ja, jetzt waren wir, die Teilnehmer, eine verschworene Kampfgemeinschaft.
Der General ging von einer Gruppe zur anderen, begrüsste jeden einzelnen mit Na-
men und mit Handschlag. Nochmals prägte er uns den Auftrag ein, aus dem Geiste
dieses Rapports heraus die Moral der Truppe zu pflegen und zu festigen. Kaum
zurück auf unseren Posten, lagen die entsprechenden Réduit-Befehle vor.
45 Jahre später sind Stimmen laut geworden, die an der demokratischen und
sogar loyalen Grundhaltung des Generals zweifeln.
Schäfer: Wie haltlos jeder Vorwurf, jede Verdächtigung einer nicht grundsätzlich auf-
richtigen und beispielhaften Haltung ist, beweist doch das: Vom Rütli-Rapport an
hätte sich General Henri Guisan jederzeit mit einer Handvoll seiner Leute im Bundes-
haus versammeln und erklären können:
«Von heute an bin ich - das verlangt die innere und äussere Situation des Landes -
der General-Präsident oder der General-Landammann der Eidgenossenschaft!»
Das Schweizer Volk hätte er hinter sich gehabt. Nicht nur hat Henri Guisan nie mit
einem solchen - wenn man so will faschistoiden - Gedanken gespielt, sondern er hat
der Landesregierung und der Verfassung des Landes gegenüber eine beispielhafte
Loyalität bewiesen.

Weitere Absichten?
Nun wird argumentiert: Immerhin stünden solche demokratisch nicht ganz
lupenreine Gedankengänge im Entwurf des Chefs seines persönlichen
Stabes, der doch nicht einfach drauflosgeschrieben habe?
Schäfer: Bernard Barbey war im zivilen Beruf ein sensibler Schriftsteller. Er erwies
seinem Chef grosse Dienste. Die jeweils so treffende Form all dessen, was der
General äusserte, entsprang der Zusammenarbeit Guisan/Barbey. Trotzdem geht es
nicht an, irgendwie den General bereits für den Redeentwurf dieses jüngeren Mitar-
beiters verantwortlich zu machen.
Barbey stand damals im ersten Monat in dieser Stellung. Dieser Monat war, weiss
Gott, bewegt. Es ist unwahrscheinlich, dass Guisan und sein neuer Stabschef zu jener
Zeit einen langen, ungezwungenen Austausch über ihre gegenseitigen politisch-welt-
anschaulichen Ansichten pflegen konnten.
Wir, die damals noch junge Generation, also Männer wie Bernard Barbey und ich,
standen unter dem Eindruck der gerade eben überwundenen Wirtschaftskrise, die
Hitler den Machtaufstieg erleichtert hatte. Wer sich da Gedanken über Alternativen
machte, war noch lange nicht grundsätzlich nazistisch oder faschistisch angekränkelt.
Und gerade beim Kreis um Barbey, der mit seinen Ideen umfassende Arbeitsbe-
schaffungsprojekte verband, Kanalbauten etwa, war das zudem der Beweis für eine
tatkräftige Entgegnung auf die Krise.
Macht man sich denn heute noch ein Bild, welchen Schock der Zusammenbruch
Frankreichs damals bewirkte? Nun also hatte die moderne parlamentarische Demo-
kratie - nach Italien, nach dem Deutschland von Weimar und nach Spanien - auch da
versagt, die Probleme der Gegenwart zu meistern. Indem Guisan diesen Rapport auf
dem Rütli wagte, verwies er auf die selbstbestimmenden Werte der Schweiz. Sicher,
das war politisch. In gewissem Sinne war von da an unser General ein politischer
General. Aber er war das mit dem Höchstmass jenes Taktes, der seine hervorste-
chendste Eigenschaft war.

Beispiel
Sie denken hier vermutlich an das von Ihrem Freund Carl J. Burckhardt gern
zitierte Wort des Prinzen Eugen an seine Offiziere: «Meine Herren, Sie müs-
sen jederzeit als Beispiel dienen, aber in einer Weise, die niemanden be-
schwert.»
Schäfer: Besser könnte man das, was Henri Guisan verkörperte und zum Leitmotiv
seines Verhaltens machte, nicht umschreiben. Wir rühren hier an einen dunklen oder
zumindest grauen Punkt. Die sogenannte Opposition gegen den General war in der
Armee lange Zeit viel grösser und breiter, als man gemeinhin annahm oder heute
annimmt. Mit den zwei, drei Namen, die in diesem Zusammenhang geläufig sind, hat
es nicht sein Bewenden. Ich will hier jetzt aber keine weiteren Persönlichkeiten nen-
nen, aus Rücksicht auf den inneren Frieden des Landes.
Es gab eine beträchtliche Zahl unsicherer Kantonisten, die von den Erfolgen des
«Führers» fasziniert waren. Sie wären in der militärischen Hierarchie zum Teil sehr
hoch zu orten. Keiner wusste das besser als der General. Er hätte sofort eine Reihe
von Entlassungen vornehmen oder erzwingen können. Er ging aber den anderen
Weg. Er glaubte und vertraute darauf, dass die Kraft seiner Haltung, seines Stils und
seiner sachlichen und menschlichen Güte zu der rechten Zeit siegreich sein würden.

Neu-Interpretationen
Um so mehr ist es berechtigt, einzelne Punkte des Barbey-Entwurfes unter
die Lupe zu nehmen. Da ist die angebliche Freundlichkeit gegenüber soge-
nannt «kooperativen» Gedankengängen . . .
Schäfer: Sehen Sie: das berühmte Friedensabkommen zwischen den Sozialpartnern
in der schweizerischen Maschinenindustrie und der Rütli-Rapport mit seinen durch-
greifenden Konsequenzen für das ganze Volk - sie sind miteinander, ineinander
verwoben. Das kann ich aus persönlicher und beruflicher Erfahrung sagen. Ob man
nun hier von «kooperativen» Gedanken spricht, kommt letztlich auf das gleiche hin-
aus. Guisan hat sich ausdrücklich dafür eingesetzt, den Arbeiterkindern in der Armee
die selben Aufstiegschancen zu öffnen wie allen anderen. Das gehörte zu seinem
geistigen Vermächtnis, obschon er als Oberstkorpskommandant seit 1932 und damit
Mitglied der Landesverteidigungskommission mit ansehen musste, wie spät sich die
Schweizer Sozialdemokratie voll und ganz zur Landesverteidigung bekannte.

Ein letzter Punkt: Gab es in General Guisans Denken einen antisemitischen
Ansatz?
Schäfer: Wer hier glaubt, etwas hervorklauben und daraus historischen Tadel ablei-
ten zu können, sollte immerhin diese Tatsache mitbedenken: Zwei der engsten Mitar-
beiter und Kameraden von Henri Guisan als Oberbefehlshaber der Schweizer Armee
waren gebürtige Juden: der Generaladjutant Dollfuss und der 1943 zum Korpskom-
mandanten beförderte Constam, den Guisan als «meinen besten Korpskommandan-
ten» zu bezeichnen pflegte.

(Interview: Hans Eberhart)

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