Nr. 16, 30. Juni 2006

Was Globalisierung wirklich bedeutet
Markt oder Tod

Von Roland Baader, Waghäusel / Deutschland

Um zu verstehen, in welcher wirtschaftlichen und demographischen Situation sich die Welt heute befindet, muss man einen Blick zurück werfen auf den Ursprung des modernen Kapitalismus in Europa, auf die Zeit der "Industriellen Revolution". Bis zum heutigen Tag ist die klare Sicht auf jene Epoche durch dilettantische Literatur und geschichtsverfälschte Vorstellungen verstellt.

Besonders das Buch von Friedrich Engels "Die Lage der arbeitenden Klassen in England" (Leipzig 1845) hat es dabei zu zweifelhaftem Weltruhm gebracht. Seit 150 Jahren wird mit diesem - die wahren Ereignisse verdeckenden - Lügenkram eine Schülergeneration nach der anderen indoktriniert.


Armut und Elend

Es wird unter anderem behauptet, der Kapitalismus hätte die Menschenmassen erst geschaffen, die er dann "verelendet" habe. In Wirklichkeit hatte sich die Bevölkerung Mitteleuropas vom 15. Jahrhundert bis zum Jahr 1800 von 28 Millionen Köpfen auf rund 60 Millionen mehr als verdoppelt. Besonders dramatisch verlief die Entwicklung in England. Dort war in der relativ kurzen Zeitspanne zwischen 1770 und 1831 eine Bevölkerungsexplosion von 8,5 Millionen auf 16 Millionen eingetreten. Dem standen permanent gesunkene Reallöhne - vom Faktor 100 des Jahres 1450 auf 50 im Jahr 1800 - gegenüber. War schon der mittelalterliche Lebensstandard mehr als kärglich, so bedeutete diese Halbierung eine Hölle aus Armut und Elend.

Mit Beginn der Industrialisierung setzte eine geradezu dramatische Umkehr ein. Obwohl das Bevölkerungswachstum ungebremst weiterlief und sich die Menschenzahl in Mitteleuropa zwischen 1800 und 1900 nochmals verdoppelte, stiegen die Reallöhne vom Faktor 50 auf rund 125 (um 1900) und auf 210 im Jahr 1925. Millionen von Menschen wurden vom Hungertod errettet und aus tiefstem Elend befreit. Die zunehmende Bevölkerung war nun aber weniger eine Folge steigender Geburtenzahlen als vielmehr das Ergebnis einer rapide sinkenden Sterblichkeitsrate (in England von 55,8 je Tausend Einwohner im Jahr 1740 auf 21 im Jahr 1821). Hierzu trugen vor allem bessere Ernährung, verbesserte sanitäre Verhältnisse, die Verlagerung gesundheitsschädlicher Herstellverfahren aus den Heimarbeiter-Häusern in die Fabriken, sowie der vom Kapitalismus induzierte Fortschritt der Medizin bei.

Natürlich hatte die Konzentration der Menschenmassen in den industriellen Ballungszentren schreckliche Zustände im Gefolge. Die Städte, deren Infrastruktur noch mittelalterlich war (ungepflasterte Strassen, mangelhafte Wasserversorgung, fehlende Kanalisation etc.) wurden zu Schreckensorten aus Schmutz, Russ, Fäkalien und Raumnot. Besonders die Stadt Manchester, deren Bevölkerung sich von 1750 bis 1830 verzehnfachte (von 17 000 auf 180 000 Einwohner) wurde zu einem planlos wuchernden Moloch aus Fabriken und Elendshütten. Doch die ungezählten Landarbeitermassen haben sich gewiss nicht in dieses Inferno gedrängt, weil es ihnen dort schlechter ging als in ihren Heimatorten, sondern besser. Die Einkommen der Fabrikarbeiter waren ausnahmslos höher als die der vorangegangenen Agrar-Generationen. Der Londoner Wirtschaftshistoriker T.S. Ashton hat es trefflich formuliert: "Auch mit dem besten Willen der Welt hätte der Übergang vom Acker und von Bauernkaten zu Fabriken und Städten nicht sanft sein können."

Mit dem ersten kapitalistischen Jahrhundert ging zugleich eine Epoche der Globalisierung einher. Das Volumen des Welthandels ist zwischen 1800 und 1913 um das 25fache gestiegen, während sich die Weltproduktion im selben Zeitraum nur verdoppelt hat. Auch der Handel ist eine Wohlstandsquelle, nicht nur die Produktion - und zwar sowohl was das Beschäftigungsvolumen als auch die Einkommensgenerierung und die Versorgung der Konsumenten anbelangt.


Chinas Industrielle Revolution

Von besonderer Bedeutung bei der Betrachtung der Industriellen Revolution ist die Tatsache, dass der neu entstehende Industriesektor die Menschenmassen aus dem Agrarsektor wie ein gigantischer Schwamm aufsog und auf diese Weise vor dem Hungertod bewahrte und ihre Existenz im Lauf der Zeit dramatisch verbesserte. Heute können wir eine fast identische Entwicklung in China beobachten. Dass Deng Xiaoping dafür gesorgt hat, dass dem Kapitalismus ein Torflügel zum Riesenreich geöffnet wurde, hat in weniger als zwei Jahrzehnten mindestens 400 Millionen Chinesen vor dem Hungertod bewahrt. (Maos sozialistisches Experiment vom "Grossen Sprung" hingegen hatte zuvor 70 Millionen Chinesen das Leben gekostet; der grösste Massenmord der Weltgeschichte).

Während nun also China und andere asiatische Länder ihre verspätete Industrielle Revolution erleben, steht Europa vor einer ähnlich gross dimensionierten, aber sektoral ganz anders gearteten Revolution (so man sie denn zuliesse), nämlich vor der Dienstleistungs-Revolution. Die Globalisierung (das heisst einfach "mehr Marktwirtschaft auf dem Globus") sorgt zwar auch in den hochentwickelten Industrieländern für mehr Produktion - die deutsche Export-Weltmeisterschaft ist ein deutlicher Beleg dafür, aber speziell in den Massenproduktions- und Billigbranchen werden vermehrt Leute freigesetzt. Deshalb müssten nun endlich die Tore zum Sektor der Dienstleistungen weit geöffnet werden. Kommt es nicht (wie bei der Industriellen Revolution des 19. Jahrhunderts) zur "Schwammfunktion" (Aufsaugen der freigesetzten Menschenmassen eines Sektors durch den anderen), so droht dem beruflich gering qualifizierten Teil der Bevölkerung ein Verarmungsprozess. Damit geht politische Destabilisierung einher - und letztlich Diktatur und Zerfall der Zivilisation.


Reichtumsmaschine Kapitalismus

Sollte die Globalisierung - und damit die Reichtumsmaschine Kapitalismus weltweit zurückgedrängt werden und müssten die nunmehr 6,5 Milliarden Menschen auf dem Globus so leben, wie es sich die meisten Markt- und Globalisierungs-Feinde wünschen, so würden sie den Hunger- und Elendstod finden, erst zu Hunderttausenden, dann zu Millionen, und schliesslich in Milliardenzahl. Und sollten die europäischen Nationen nicht endlich die grossen Dienstleistungssektoren wie das Bildungs- und das Gesundheitswesen den Kräften des freien Marktes öffnen, so wird die wohlstandsschaffende Kraft der Globalisierung konterkariert und die Arbeitslosenzahl sukzessive steigen. Die Befreiung der Telekommunikation aus der erstickenden Faust des Staates hat gezeigt, welches Feuerwerk an Erfindungen, technischen Neuerungen, Massenverbreitung und unzähligen neuen Beschäftigungsmöglichkeiten freie Märkte entfachen und erzeugen können. Entsprechendes könnten wir erleben, würde die staatsgeknebelten sozialistischen Sektoren Bildung und Gesundheit vollständig und konsequent der Reichtumsmaschine Kapitalismus und dem Fortschritts-Turbo Marktwirtschaft überlassen.

Geben wir dieser "zweiten Revolution" keine Chance, dann werden wir die Früchte der "ersten (industriellen) Revolution" teilweise wieder verspielen; mit üblen Folgen. "Sozialismus oder Tod" lautete die Parole der kubanischen Revolution. Die Realität zeigt eine andere Wahrheit: Sie lautet "Kapitalismus oder Tod".

Roland Baader


Roland Baader ist den Lesern der "Schweizerzeit" seit vielen Jahren als herausragender Freiheitsdenker bekannt. Seine letzten beiden Publikationen "Geld, Gold und Gottspieler" und "Das Kapital am Pranger" wurden hier bereits vorgestellt und sind nach wie vor über den Bücherdienst der "Schweizerzeit" zu beziehen.