Nr. 14, 17. Juni 2005

Roter Totalitarismus als Schlüsselereignis des 20. Jahrhunderts
Verharmlosung des roten Massenmords

Von Paul Rothenhäusler und Hans-Ueli Sonderegger

Die jüdisch-amerikanische Historikerin Anne Applebaum wurde während eines Besuchs in Prag von einem seltsamen Phänomen berührt. Auf der Karlsbrücke stiessen angebotene Reliquien der untergegangenen Sowjetherrschaft auf grösstes Kaufinteresse westeuropäischer und amerikanischer Touristen. «Alle wären empört beim Gedanken, ein Hakenkreuz zu tragen. Keiner aber hatte etwas dagegen, sein T-Shirt oder den Hut mit Hammer mit Sichel zu schmücken.»

Die Aussage könnte nicht deutlicher sein: «Während das Symbol des einen Massenmörders uns mit Schrecken erfüllt, bringt uns das Symbol des anderen Massenmörders zum Lachen.» Zum selben Thema gehöre, dass Hollywood Filme über nationalsozialistische Konzentrationslager gedreht habe, nie jedoch einen über Stalins Gulag. Bezeichnend sei auch, dass der deutsche Philosoph Martin Heidegger, der Jahre vor den NS-Greueltaten kurz mit den Nazis liebäugelte, bis heute stigmatisiert bleibt, während seinem französischen Kollegen Sartre die «aggressive Unterstützung des Stalinismus» nicht im geringsten schadete, obwohl dessen Verbrechen jedermann bekannt waren.

Nur deformiert
Applebaum selber nennt zahlreiche Ursachen dieser schiefen Optik, die das Schicksal eines dem vorsätzlichen Hungertod preisgegebenen ukrainischen Kindes nicht auf die selbe Stufe stellen mag, wie den Tod eines jüdischen Kindes in Auschwitz, so der sozialistische französische Ex-Premier Jospin,
ein ehemaliger Trotzkist. Und für seinen Gesinnungsgenossen, den ehemaligen Labour-Abgeordneten und heutigen Londoner Bürgermeister Livingston, sind die Nazis das Böse, die Sowjetunion dagegen war nur deformiert.

Einer der Hauptgründe für diese bewusst unterschiedliche Wahrnehmung und Deutung liegt in politisch-ideologischen Affinitäten. Auch hierzulande ist es der politischen Linken gelungen, den Roten Holocaust von der Bühne des Erinnerns zu verdrängen und die Einmaligkeit des Braunen Holocausts in ritueller Beschwörung in der öffentlichen Wahrnehmung zu zementieren. «Das grösste Verbrechen der Menschheit», kann unwidersprochen einer ihrer erfolgreichen Multiplikatoren, der Alt-Achtundsechziger Frank A. Meyer, ex cathedra über den Fernsehäther von DRS verkünden. Zwar werden von der Linken die Massenmorde in der Sowjetunion nicht explizit geleugnet. Doch um ihre ideologische Heimat nicht zu beschmutzen, werden diese vollumfänglich dem Stalinismus, einer Pervertierung des «guten» Kommunismus, angelastet - ein dialektischer Kniff, der heute quer durch alle Medien kolportiert wird. Als ob der Kommunismus nicht in all seinen Spielarten weltweit Ströme von Blut verursacht hätte.

13 Millionen Tote unter Lenin
Dabei ist heute unzweifelhaft, dass der rote Massenmord nicht mit dem abtrünnigen Stalin, sondern dem Verkünder der reinen Lehre, Lenin, begann. Bevor sein Nachfolger die russische Bühne betrat, hatten dreizehn Millionen Menschen das grosse menschheitsbeglückende Experiment des Kommunismus mit ihrem Leben bezahlt. Von Lenin unwidersprochen, fasste dessen Mitstreiter
Sinowjew das Ziel der Sowjetherrschaft lapidar zusammen: «Wir müssen neunzig von hundert Millionen der Bevölkerung in Sowjetrussland auf unsere Seite bringen. Mit dem Rest kann man nicht reden, ihn muss man vernichten.» Zum Terror gehörten die Lager. «Alle Klassenfeinde sollen in Konzentrationslagern isoliert werden», proklamierte die Sowjetregierung schon am 5. September 1918. Als Lenin 1924 starb, hatte seine Revolution mindestens dreizehn Millionen Menschenleben gekostet, davon nur rund 800 000 im Bürgerkrieg. Millionen fielen dem Klassen-Terror zum Opfer, der nicht danach fragte, was die Menschen taten, sondern wer sie waren.

Nichts Neues im Stalinismus
Stalin hatte für sein 1925 beginnendes Regime nichts Neues zu erfinden und nur das Erbe Lenins anzutreten. Mit der bekannten revolutionären Willkür ging Stalin daran, seine alten Mitkämpfer und jetzigen Machtrivalen als Abweichler und Verräter zu liquidieren und mit den von Lenin erprobten
Zwangsrequisitionen von Getreide fünf Millionen als Volksfeinde denunzierte ukrainische Bauern vorsätzlich dem Hungertod preiszugeben. Auch das Lagersystem des Gulag brauchte er nur ins Gigantische zu steigern.

Wie viele Millionen Menschenleben Stalins Regime forderte, lässt sich nicht genau ermitteln. In den endlosen Weiten Sibiriens verlieren sich zu viele Spuren. Anne Applebaum schätzt, dass zu Stalins Zeiten 28,7 Millionen Menschen als Zwangsarbeiter im Gulag schmachteten. Wie viele von ihnen
qualvoll umkamen, weiss niemand. «Wir wussten nur, dass Menschen in ungeheuren Zahlen starben», schreibt Chruschtschew, selber in den Sowjet-Terror verstrickt, in seinen Memoiren. Einigermassen gesicherte Zahlen nennt der britische Historiker Robert Conquest über Stalins im Zuge
der Zwangskollektivierung geführten Vernichtungskrieg gegen die Bauern. Danach sollen zwischen 1930 und 1937 14,5 Millionen Bauern umgekommen sein, davon alleine durch die vorsätzlich ausgelöste Hungersnot in der Ukraine fünf Millionen. Schliesslich muss auch Stalins Massenmord an den Kaukasus- und Krim-Völkern erwähnt werden, die in den vierziger Jahren mit brutalsten Mitteln deportiert wurden. Genozide, von denen niemand spricht. Solschenizyn zitiert in seinem «Archipel Gulag» den emigrierten Statistikprofessor Kurganow, der die Opfer des kommunistischen Experiments in der Sowjetunion von 1917 bis 1959 auf 66 Millionen Menschen beziffert. Das «Schwarzbuch des
Kommunismus» rechnet sehr zurückhaltend mit zwanzig Millionen Toten, wobei wohl die Opfer des Leninschen Machteroberungskampfes nicht mitgezählt sind. Der britische Foreigns Affairs Circle nennt einschliesslich der Ziviltoten des Bürgerkriegs 35 Millionen Getötete.

Zu den Betroffenen des stalinistischen Terrors müssen aber auch noch die Opfer der sowjetischen Besetzungs- und Unterdrückungspolitik in Ost- und Mitteleuropa gezählt werden, die das «Schwarzbuch» auf rund eine Million Menschen beziffert.

Das Monster Mao
Als in der Sowjetunion die brutalste Phase des Massenterrors sich zu Ende neigte, begann in China ein neues kommunistisches Gesellschaftsexperiment, dessen Führer seine sowjetischen Lehrmeister bald in den Schatten stellen sollte. Mao Zedongs fanatisches Ziel, aus 600 Millionen Chinesen neue
Menschen zu machen, ein neues, noch weisses Blatt in der Geschichte aufzuschlagen, hatte das Riesenreich schon zwei Jahrzehnte lang mit einem blutigen Bürgerkrieg überzogen, bis er 1949 seinen Widersacher Tschiang Kai-Scheck endgültig vom Festland vertreiben konnte. Was nun folgte, war die
gnadenlose Liquidierung der «Klassenfeinde». Der kommunistische Unterdrückungsapparat umfasste ein unzähliges Heer von Partei-Aktivisten, Propagandisten und Informanten, die jede Bewegung der Bewohner registrierten.

Die Hungersnot des «Grossen Sprungs»
Vom Sommer 1950 an löste eine Kampagne die andere ab, gegen «konterrevolutionäre Elemente», gegen westliche Intellektuelle, «zur Reform des Denkens», die alle zu Massenvernichtungen führten. 1951 wurden allein in Kanton innerhalb von zehn Monaten 89 000 Menschen verhaftet, von denen 23
000 zum Tode verurteilt wurden. Mao selber sprach 1957 von 800 000 liquidierten Konterrevolutionären. Tatsächlich dürften die Opfer dieses maoistischen Roten Terrors der ersten Jahre nach dem Sieg der Revolution in die Millionen gehen. Hinzu kommen die Millionen, die in sogenannten
Umerziehungslagern landeten und Hunderttausende von Menschen, die dem psychischen Terror der Stigmatisierung als Volksfeinde und Ungeziefer nur durch den Freitod zu entgehen wussten. 1958 setzte Mao in seinemrücksichtslosen ideologischen Fanatismus zur Zwangskollektivierung der
Bauern in den sogenannten Volkskommunen an, welche die wohl grösste Hungersnot Chinas auslöste. Statt Felder zu bewirtschaften, wurden ganze Bauernarmeen zu nutzlosen Dammbauten abkommandiert. Offiziell wird die Opferbilanz dieses «Grossen Sprungs nach vorn» mit 20 Millionen Toten angegeben, andere Schätzungen sprechen von bis zu 43 Millionen Toten.

Max Frisch begrüsste Kulturrevolution
Wenige Jahre nach dieser vorsätzlich verursachten Katastrophe blies Mao zur Kulturrevolution mit ihren brutalen Exzessen, nur um die ausser Rand und Band geratenen Jung-Revolutionäre nach getaner Arbeit ebenso rücksichtslos von der Armee zusammenschiessen zu lassen. Eine Million Tote. Obwohl vom ideologischen Pfad der sowjetischen Vorbilder abgewichen, eiferte der «Grosse Steuermann» Lenin und Stalin auch in der Errichtung eines eigenen Lagersystems nach. Der chinesische Bürgerrechtler Harry Wu schätzt, dass seit 1949 mehr als fünfzig Millionen Chinesen ins Laogai-System gesperrt wurden; Millionen davon bleiben für immer verschollen. Gegenüber diesem unvorstellbaren Massenterror ist, wie Harry Wu festhält, das Massaker auf dem Tiananmen-Platz «eine Bagatelle».

Kein Wunder, nicht wenige der heute massgeblichen Politiker und Intellektuellen waren bekennende Maoisten oder standen dem Massenmörder gedanklich nahe. «Es dürfte nicht richtig sein, von einer Unterdrückung des Volkes zu reden», schreibt der bereits erwähnte Frank A. Meyer nach eine Reise in Maos Reich, wenige Jahre nach der blutigen Kulturrevolution. Man habe «in China nie den Eindruck, sich in einer Atmosphäre der Unterdrückung zu bewegen. Die Menschen bewegen sich ungezwungen, sind fröhlich». Und noch eins drauf setzt der Grossvater der 68er, Max Frisch: «Wie kaum je auf
Reisen in der Roten Welt begleitete mich (in China) ein Glücksgefühl.» Der angebliche Humanist entdeckt, ungetrübt durch Massenmorde und Lagerwelten, im Lande des «Grossen Steuermanns» «eine Politik, die über den Ökonomismus hinauszielt und in erster Linie eine sozialethische Einstellung anstrebt ...»

Auf 1,6 Millionen Tote wird die Bilanz des grausamen und bis heute andauernden kommunistischen Regimes in Nordkorea geschätzt, ein Land, dessen angebliche Idylle den heutigen SP-Nationalrat und Bahn-Lobbyisten Peter Vollmer einst ans Emmental erinnerte.

Zwei Millionen Ermordete
Unmittelbare Folge des amerikanischen Rückzugs aus Südostasien war schliesslich der Sieg der Roten Khmer in Kambodscha («Über Phnom Penh weht die Flagge der Freiheit», titelte Sartres Zeitung «Libération»). Blindwütig, von einem kruden ideologischen Mischmasch von Marx und Mao getrieben,
schafften es die roten «Befreier» Kambodschas, in vier Jahren zwei Millionen ihrer Landsleute auf brutale Weise umzubringen. Der kambodschanische Völkermord ist für die heutigen Generationen nicht ferne Vergangenheit, sondern war miterlebte Gegenwart. Doch deren Opfer lassen die heute
jederzeit nach Menschenrechten rufenden Gutmenschen merkwürdig unberührt. Wie übrigens auch die Opfer des sowjetkommunistischen Eroberungsdrangs in Afghanistan, Angola, Äthiopien oder Moçambique. So verdrängt eine Generation ihr Mitwissen an Völkermorden, deren Ursachen im globalen
Gültigkeitsanspruch einer Ideologie liegen, die schliesslich von nicht wenigen im Westen als gesellschaftlicher Fortschritt, wenn nicht gepriesen, so doch akzeptiert wurde.

Jean Zieglers Lobgesang auf Massenmörder

Und in dieses Kapitel gehört wohl auch das Kuba Fidel Castros, der bis heute zwar nicht mehr als Revolutionsheld bewundert und gefeiert, doch mit grösster Nachsicht behandelt wird. Zwischen 15 000 und 17 000 Kubaner haben Castros Menschheitsbeglückung mit dem Leben bezahlt, Zehntausende in seinem Tropen-Gulag geschmachtet, mehr als eine Million flüchteten aus seinem roten Paradies. Sein anti-imperialistischer Fanatismus, der die Welt im Oktober 1962 an den Rand eines nuklearen Krieges
führte, kann dem Nimbus des Fanatikers ebensowenig schaden wie der Ikonen-Bildung um seinen Mittäter Che Guevara. «Was uns fehlt, ist die Überzeugung Guevaras, anderen das Leben zu nehmen sei eine Tat, die manchmal notwendig, oft sogar heroisch ist», so der heute als globaler Moralprediger
in Uno-Diensten tätige Ex-Nationalrat Jean Ziegler. Und in solchem Schlepptau sparen sich westliche Publizistik und Politik ihre moralische Entrüstung für den greisen General Pinochet auf, dessen Regime zwar auch rund 3000 Menschen zum Opfer fielen. Immerhin aber ist Chile seit zwanzig Jahren wieder Demokratie. In den letzten Reservaten des kommunistischen Wahns, in Nordkorea und Kuba, darf derweil gehungert, gedarbt und weiter gelitten werden.

Verdrängen, verharmlosen, verhöhnen

Die Verdrängung und Verharmlosung des roten Massenmordens, dieses Schlüsselereignisses des letzten Jahrhunderts, dem während achtzig Jahren wohl hundert Millionen Menschen zum Opfer fielen, in welchem Millionen Freiheit und Gesundheit verloren und das Hunderte von Millionen in eine
lebensfremde und verlogene ideologische Zwangsjacke steckte, derweil überall nur Massenelend, verwüstete Landschaften, seelisch geschädigte Menschen und Zynismus zurückliess, ist wohl eines der unfassbarsten Phänomene der Geschichte. Und es ist über allem eine Verhöhnung seiner unschuldigen Opfer.

Die Opferbilanz des Kommunismus in Zahlen vermag, wie Anne Applebaum in ihrer Geschichte des Gulag zu Recht schreibt, das unermessliche Leid dieser Menschheitsbeglückungs-Ideologie, dieses ersten und einmaligen globalen Verbrechens nicht wiederzugeben. Doch angesichts einer Erinnerungskultur, die ausschliesslich, permanent und fast rituell die jüdischen Opfer des
anderen, des braunen Massenterrors in Zahlen beschwört, mag eine Quantifizierung des weltweiten, jahrhundertlangen roten Massenmordes angebracht sein.

Paul Rothenhäusler, Hans-Ueli Sonderegger