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HIPPOKRATES

 

Haschisch ist nur der Anfang

 

Die Kiffer wittern Morgenluft

 

Als die Haschischraucher und ihre kommerziellen Hintermänner und -frauen vor wenigen Jahren Unterschriften für eine Volksinitiative sammelten, welche die Freigabe von Cannabis in der Bundesverfassung festschreiben wollte, scheiterten sie kläglich.

Sie brachten nicht einmal die erforderliche Unterschriftenzahl zusammen, obwohl man sonst in der heutigen Schweiz für jeden Hafenchäs locker 100000 Dumme findet. Die Kiffer und ihre Lobby liessen sich jedoch durch die Schlappe nicht beirren. Kaum war die Volksinitiative «Jugend ohne Drogen» abgelehnt, kündigte die Berner SP-Nationalrätin Ruth-Gaby Vermot eine parlamentarische Initiative an: Der Handel mit Hanfprodukten sowie Konsum und «Kleinhandel» (was immer damit gemeint sein soll) sollen straffrei werden. 

 

Marketing aus dem Lehrbuch

So lange mögen die Rauschgifthändler aber nicht warten. Was haben sie denn in einem Staat zu befürchten, dessen Regierung tagtäglich ihre Hilf-, Konzept- und Orientierungslosigkeit neu einübt? So liess sich beispielsweise das einstmals renommierte Gartenmarkt-Geschäft Samen Mauser willig vor den Karren der sich betulich «Hanffreunde» nennenden Kommerz-Kiffer spannen und organisierte eine Schweizer Hanfmeisterschaft. 15000 Tüten mit Hanfsamen (ohne THC) liegen in den Läden bereit, Stückpreis Fr. 4.90. Ebenfalls in Samen Mausers Angebot: Hanf-Pflanzsets inklusive Dünger für Fr. 19.80. Und so wird denn in diesen warmen Tagen gesät, was das Zeug hält, weil am 19. September Gartencenter und Hanfläden in der ganzen Schweiz die höchste Hanfpflanze prämieren. Und allen ist damit gedient: Samen Mauser wird sein altväterisches Image los, und Cannabis wird salonfähig. Und um Kritiker in die Ecke der politisch Unkorrekten zu manövrieren, spenden die beteiligten Firmen pro gemessenen Meter der zur Prämierung eingereichten Hanfstauden einen Rappen an SwissAid, ans Lighthouse und an den Beobachter. Wer darf denn da noch dagegen sein?

Damit ist der Einfallsreichtum der Cannabis-Lobby aber längst nicht erschöpft. An der Mustermesse in Basel fand in Halle 222 eine «Sonderschau Hanf» statt. Aussteller aus der ganzen Schweiz durften bei ihrer zukünftigen Kundschaft Rauschgiftgelüste wecken, verpackt unter dem Deckmäntelchen, Cannabis sei nichts anderes als eine der ältesten Kultur- und Nutzpflanzen. Davon profitieren jetzt jene Hanfpflanzer und Cannabisdealer, welche THC-haltiges Kraut pflanzen und – mit Riesengewinnen – auf den Markt werfen. So ist denn die Schweiz mit dem ausdrücklichen Segen des Bundesamtes für Gesundheit(!) zum einzigen Land in ganz Europa geworden, das den Anbau von THC-haltigem Hanf erlaubt.

 

Blühendes Geschäft

Im malerischen Zürcher Dörfchen Ossingen züchten die Gebrüder Markus und Andreas Walther in der Gärtnerei «Enetbrugg» in 14 Treibhäusern 10 Sorten Hanf mit teilweise hohem THC-Gehalt. Rund 70 Angestellte – teilweise vom Arbeitsamt vermittelt – erwirtschafteten 1997 in der Ossinger Rauschgiftplantage bei knapp 10 Millionen Umsatz einen Reingewinn von rund einer Million Franken. Der wegen Rauschgiftschmuggels mit 5 Jahren Zuchthaus vorbestrafte Churer Ex-Rechtsanwalt Jean-Pierre Egger brüstet sich, dass er 1997 mit Cannabishandel bei 3,5 Millionen Franken Umsatz einen Reingewinn von über 900000 Franken erwirtschaftete.

 

Die Schweiz als Querschläger

Mit diesem geschickten Marketing ist es der Cannabis-Lobby gelungen, dieses Land in eine Situation zu manövrieren, in welcher die offizielle Drogenpolitik und die daraus abgeleitete Gesetzgebung (die immerhin auf verbindlich abgeschlossenen völkerrechtlichen Verträgen beruht!) nur noch verlieren können: Wird das Cannabisverbot beibehalten, kann es nicht mehr durchgesetzt werden, weil die verantwortlichen Behörden viel zu lange tatenlos zugeschaut haben. Wird das Cannabisverbot aufgehoben, so wird die Schweiz zum Haschischmekka Europas und, was ebenso schlimm ist, zum einsamen Querschläger in weltweit ratifizierten Vertragswerken. Inwieweit wir dann noch eurokompatibel sind, haben uns die Euroturbos bislang noch nicht erklärt. Aufmerksam verfolgen wird diese Entwicklung der Internationale Rauschgiftkontrollrat (INCB), der unter anderem für die Erteilung der Einfuhrbewilligungen für das staatlich abgegebene Heroin zuständig ist. Hippokrates würde sich nicht wundern, wenn die Art und Weise, wie die Schweiz mit ihrer völkerrechtlich verbindlichen Verpflichtung umgeht, Cannabis zu ächten, den INCB zum Nachdenken darüber veranlassen könnte, wie vertragstreu das Hanfland Schweiz eigentlich ist ...

 

Haschisch – und dann?

Holland toleriert Cannabisanbau und -handel seit vielen Jahren, wenn auch nicht derart schamlos vertragsverletzend wie die Schweiz. Und immer wieder preisen selbsternannte Drogenfachleute (das Wort «Rauschgift» haben sie aus ihrem Wortschatz entfernt) die Erfolge der holländischen Rauschgiftpolitik. Die Wirklichkeit spricht eine andere Sprache.

Haschisch hat in Holland nicht etwa die sogenannten «harten» Rauschgifte ersetzt. Es ist nicht einmal so, dass zusätzlich zu den harten Rauschgiften noch Cannabis verbraucht wird. Es ist viel schlimmer: In holländischen Treibhäusern werden Hanfpflanzen mit einem derart hohen THC-Gehalt gezüchtet, dass man ganz klar von «hartem» Rauschgift sprechen kann. Dieser Superhanf hat bei der holländischen Bevölkerung den Appetit auf mehr, auf Neues und auf Exotischeres geweckt. Wie (Gift-)Pilze schiessen sogenannte «Smart Shops» aus dem Boden. Im Sortiment führen sie Cloud Nine, Xplore, Kräuter-Ecstasy, Energy Drinks, Amphetamine, Lachgas, psychedelische Pilze, Kava Kava und Yohimbe. Wir können uns freuen.

 

Holland als Vorbild

Die in der holländischen Jugend weitverbreitete und europaweit deutlich über dem Durchschnitt liegende Rauschgifteinnahme hinterlässt Spuren. Nicht nur in Form eines harten Kerns von langzeitarbeitslosen Rauschgiftgeschädigten, sondern auch statistisch in einem relativ geringen Bruttoinlandprodukt. Die in dieser Hinsicht unverdächtige niederländische Notenbank wies unlängst warnend auf den markanten Inaktivitätsgrad der Bevölkerung hin sowie auf die geringe Zahl an Arbeitsstunden pro Kopf.

Hippokrates würde diese Kolumne gerne mit dem tröstlichen Hinweis schliessen, die Schweiz sei nicht Holland und man dürfe Äpfel nicht mit Birnen vergleichen. Aber welchen ernstzunehmenden Hinweis gibt es denn, dass die Schweiz, welche ihre Identität und ihr Selbstbewusstsein verloren hat, welche genau die Regierung hat, die sie verdient, sich nicht auf einer noch viel rasanteren Talfahrt befindet?

 Hippokrates


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