Nr. 6, 9. März 2001

Zigeunerbanden am Werk
Kriminelle Kinder
Von Thomas Meier, Zürich

Die Strafuntersuchungs-Behörden und die Gerichte sehen sich seit einigen Jahren mit der Tatsache konfrontiert, dass der Anteil derjenigen Delikte, die von Straftätern im Jugend- oder Kindesalter begangen werden, massiv ansteigt. Von der Zunahme der Jugend- und Kinder- kriminalität sind praktisch alle Straftatbestände betroffen, besonders dramatisch ist die Entwicklung indes beim Einbruchsdiebstahl.

Für die Taten sind in der überwiegenden Zahl der Fälle organisierte Kinderbanden verantwortlich, die in Zigeuner-Camps im Elsass hausen und von dort gezielte Raubzüge in Schweizer Städte unternehmen. Die Einbruchstouren laufen nach stets dem gleichen Muster ab. Begleitet von einem älteren Jugend- lichen am Steuer fahren die in der Regel 12- bis 16jährigen Kinder in einem oder mehreren Autos vom Zigeuner-Camp, das an der Rue de Bâle im elsässischen Mulhouse gelegen ist, direkt in den ausge- wählten Schweizer Ort, wobei die Einreise illegal erfolgt. Am Ziel angelangt, suchen die Kinder gleich ganze Strassenzüge heim, wobei sie die im obersten Stock gelegenen Wohnungen von Mehrfamilien- häusern bevorzugen. Charakteristisch für die Einbrüche ist ein Ohrabdruck auf halber Höhe der Wohnungstüre, der dadurch entsteht, dass die kindlichen Diebe zuerst die Wohnung aushorchen. Mit einfachsten Einbruchwerkzeugen, meistens einem Schraubenzieher, gelangen die Kinder in die Wohnung, die sie nach Bargeld, Schmuck und teuren Kleidern durchsuchen. Überwacht werden die Kinder auf ihren Diebestouren durch die älteren Begleiter. Diese setzen sich mit der Beute als erste ab, falls der Bande die Polizei auf der Spur ist. Die eingesetzten Autos, oft nicht mehr als fahrender Schrott, werden notfalls stehen gelassen. Das ist allein schon deshalb kein Problem, weil rasch ein neuer Wagen zur Hand, will heissen gestohlen ist.

«Mobile ethnische Minderheiten»
Bei der Staatsanwaltschaft Basel und der Bezirksanwaltschaft der Stadt Zürich füllen die Aktenordner mit der Aufschrift «Mobile ethnische Minderheiten» mittlerweile ganze Regale. Was früher unter dem Stichwort «Zigeuner» registriert worden war, legte man später in der Rubrik «Fahrende» ab. Weil aber offensichtlich auch dieser Begriff nicht mehr als «politisch korrekt» gilt, hat irgendein kluger Beamten- kopf den Ausdruck «Mobile ethnische Minderheiten» (MEM) erfunden, und dieser neutrale Begriff ist heute die amtliche Bezeichnung für die Kinder- bzw. Zigeuner-Kriminalität.

In der Stadt Basel verursachten Zigeuner-Kinder aus dem Elsass allein im Jahre 1997 Einbruchsschä- den von über 1,5 Millionen Franken. Mit gezielten Massnahmen ist es den Behörden der beiden Basler Kantone in den letzten Jahren gelungen, diese neue Form der Einbruchskriminalität etwas einzudäm- men - mit dem Ergebnis, dass die jungen Diebe ihr Wirkungsfeld jetzt auf die angrenzenden Gebiete, insbesondere die Kantone Aargau und Zürich ausgedehnt haben.

Gewaltdelikte
Die jugendlichen Straftäter beschränken sich seit einigen Jahren nicht mehr auf Wohnungseinbrüche, sondern begehen auch schwere Delikte. Der «Kriminalstatistik 2000» des Kantons Basel-Landschaft kann entnommen werden, dass es der Polizei gelungen ist, «eine Serie von 21 Raubüberfällen auf Passanten aufzuklären». Gemäss Bericht handelte es sich bei den Tätern «um insgesamt 31 Jugend- liche im Alter von 12 bis 19 Jahren».

Überfordertes Strafrecht
Der Einsatz von Minderjährigen als Kriminaltouristen in der Schweiz erfolgt ganz gezielt. Unser Straf- system ist auf Kinderkriminalität nicht vorbereitet. Der Gesetzgeber dachte offensichtlich nicht im entferntesten daran, dass es diese Form der Kriminalität je geben wird. Die jugendlichen Delinquenten wissen denn auch bestens, dass sie kaum etwas zu befürchten haben; in der Schweiz können Kinder nicht bestraft werden, und Haftstrafen für Jugendliche bis 18 Jahren dürfen nicht länger als ein Jahr dauern. Die üblichen Massnahmen unseres Strafvollzugs, nämlich Erziehung und Fürsorge in speziellen Heimen für straffällig gewordene Jugendliche, sind wirkungslos und in den meisten Fällen gar nicht durchführbar. Auch die Einschliessung und Freilassung erst gegen Bezahlung einer happigen Kaution ist problematisch und ethisch fragwürdig; das zu bezahlende Geld dürfte mit Sicherheit aus Diebes- touren stammen.

Obwohl die Kinderbanden aus Zigeunerlagern seit nunmehr fünf Jahren in der Schweiz ihr Unwesen treiben, wird das Thema in den Medien stiefmütterlich behandelt. Noch skandalöser ist die Untätigkeit der Behörden und der gesetzgebenden Politiker: Das Schweizer Strafrecht, dessen Vollzug einseitig auf die Wiedereingliederung von resozialisierungsfähigen und besserungswilligen Straftätern ausgerichtet ist, müsste dringend an die neue Form der Kriminalität angepasst werden.

Thomas Meier