Nr. 4, 9. Februar 2007

Wenn der Westen den Islamisten den Strick liefert, mit welchem sie ihn erdrosseln
Hegel und der Islam

Von Dr. Johann Ulrich Schlegel, Zürich

Nie hat ein Mensch allein dadurch, dass er Lehrer war, philosophierte und Bücher schrieb, eine derartige Macht über den Verlauf der Weltgeschichte erlangt wie der Schwabe Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Er wurde in seinem Jahrhundert als der "philosophische Diktator über Deutschland" bezeichnet.

Und bis heute wird er für fast alles verantwortlich gemacht, was auf der politischen Bühne Deutschlands und schliesslich weltweit seit seinem Tod vor 175 Jahren zu beklagen oder zu begrüssen war.

Es gibt Anzeichen dafür, dass ein Wetterleuchten, ja ein grosses Donnergrollen unserer Zeit die Begegnung des westlichen Denkens mit dem östlichen Denken im Sinne Hegels aufwühlt und die Karten neu mischt.


Was ist Wahrheit?

Damit gelangen wir zu dem berühmten Satz von Hegel, der sich in der Vorrede zur "Phänomenologie des Geistes" befindet: "Die Wahrheit ist das Ganze".

Auf der Suche nach der Wahrheit spielt der dialektische Prozess eine ergänzende Rolle. Hegel erläutert diesen an einem Beispiel aus der Biologie: Geschlossene Knospe, offene Blüte und Frucht folgen aufeinander. Die Frucht ist die Synthese der zwei vorangegangenen und gegensätzlichen Entwicklungsschritte. Die Wahrheit ist somit nicht mehr etwas Fixes, sondern sie löst sich auf, wird zur Bewegung und Fortentwicklung. Hegel entdeckt diese dialektische Bewegung überall. Vor allem glaubt er, sie in der Geschichte zu erkennen.

Und damit erfolgt der gewaltige Schritt Hegels zur Philosophie der Geschichte. Er sieht im Leben der Völker einen allgemeinen Endzweck, der sich zur Geschichte verdichtet.


Hegels Versöhnung mit der Welt

Hegel sichert sich im wiedergefundenen Weltgeist, dem Einen und Einigenden, in Gott, die Harmonie. Hegel empört sich gemäss dem Ablauf der dialektischen Entwicklungsschritte nicht mehr. Die Opposition gegen die Welt und ihre Geschichte fällt in der Wahrheit, im Ganzen, in Gott, zusammen. Hegel versöhnt sich und die Welt.

Damit prallen völlig gegensätzliche Systeme aufeinander. Das Buch Hiob ist hierfür ein ebenso uraltes wie berühmtes Beispiel. Der Gedanke der sogenannten Theodizee, dass wir letztlich in der besten aller möglichen Welten leben, steckt auch in Hegels Denken.

Folgendes supponierte Beispiel illustriert den Gedanken der Theodizee: Ich kann morgen Abend in Rom das Glück meines Lebens machen. Da verunfalle ich morgen Vormittag auf dem Weg zum Flughafen mit meinem Taxi. Statt fristgerecht in Rom zu sein, liege ich mit einem Beinbruch im Spital. Das ist ein grosses Unglück für mich. Da höre ich am Abend, dass das Flugzeug, das mich nach Rom hätte bringen sollen, abgestürzt ist.

Die Hegelsche, bescheidene Warte, dass ich als Mensch nie den Überblick über das absolut Ganze oder Weltganze haben kann, zeigt mir, dass vermeintliches Unglück - hier symbolisch das Verpassen des Flugzeugs und der Beinbruch - sich letztendlich eben in diesem Weltganzen als Glück erweist. Hegel und die Theodizee unterwerfen sich diesem Weltganzen, einer höheren, dem Menschen aber verborgenen Warte. So betrachtet, amputiert der glaubensbefreite Liberale in einer gewissen Vermessenheit tatsächliches, die Wirklichkeit mittragende Element des Ganzen, welches erst die Wahrheit ist. Die technisierte Vernunft erklärt einerseits gerne nur das, was ihr passt, für vernünftig. Andererseits ist diese angebliche Vernunft, von der gesamten Wirklichkeit her betrachtet, gerade unvernünftig. Es kann ja nicht sein, dass ich den Flug nach Rom meinem Beinbruch gegenüber vorgezogen hätte, wenn ich dabei das Leben hätte verlieren müssen.


Moses gegen das Goldene Kalb

Wer ist der Moses, der diese von Gott verlassenen Tänzer um das Goldene Kalb verjagen möchte?

Es gibt etwas, das niemand in den letzten hundert Jahren für möglich gehalten hätte. Günter Rohrmoser hat den Kassandra-Ruf gewagt. Der Ruf dieses Philosophen gipfelt in einer furchtbaren Feststellung über unsere angeblichen Eliten: "Sie (diese Eliten, der Verfasser) verstehen offenbar nicht, dass die Fragen des ‚Kampfes der Kulturen' nicht mehr aus der Politischen Ökonomie, also aus den Sozial- und Politikwissenschaften formulierbar sind, sondern dass mit dieser Auseinandersetzung Theologie und Religion auf die Weltbühne und in die Weltgeschichte zurückgekehrt sind."


"Kampf der Kulturen"

Nun ist Rohrmoser nicht Moses. Er ist ein schlichter Zeitgenosse, wenn auch immerhin ein bedeutender Professor der Philosophie. Mit dieser Rückkehr des Weltgeistes im umfassenden Hegelschen Sinn, mit der neuen Inthronisierung Gottes ist der Islam gemeint. Dort ist anscheinend der neue Prophet zu suchen. Dort ist die neue Kraft.

In der Geschichte sind stets Kraft und Macht, welche sich auch durchsetzen, die gestaltenden Faktoren. Durch stetige Schläge hat sich die Weltgeschichte entwickelt und geformt. Wenn nun gemäss Hegel dieses Wirkliche auch vernünftig ist, dann muss unweigerlich jener Moses, der sich im Islam zeigt, welthistorisch ebenfalls vernünftig sein. Bis jetzt jedenfalls diktiert er dem Westen das Handeln. Samuel Huntington hat das Buch unserer Zeit aufgeschlagen mit seinem "Kampf der Kulturen". Er lässt den Ausgang dieses Kampfes offen.

Nun kämpft Amerika im Gegensatz zu Europa schon fast heroisch. Aber es erinnert an einen Elephanten, der wild um sich schlägt und sich seiner Mücken nicht zu erwehren vermag. Warum versagt eine derartig respekteinflössende Weltmacht und Militärmacht so eklatant? Amerika versagt in einer ähnlichen Lage, wie wir sie in Europa haben. Den übermächtigen technischen Waffen unserer westlichen Soldaten korrespondiert ein völliger Mangel an kriegspsychologischer Motivation. Wir sind, wie der Berliner Politologe Herfried Münkler es sieht, heute als Soldaten nicht mehr bereit zu sterben.


Islamischer Krieger

Der islamische Krieger ist im Gegensatz zu uns bereit, sein Leben zu opfern. In der Weltgeschichte zählen jene, die sowohl mit der Waffe in der Hand als auch tief im Herzen erfüllt kämpfen. Ist das bei den vielen Söldnern des Westens der Fall? Und als ein Söldner muss auch jener verzweifelte Latino gesehen werden, dem die US-Army hohen Sold und die Niederlassung im Land verspricht, wenn er sich vorher als GI anschliesse. Das ist das Aufwühlende bei Hegel, die "ungeheuerliche Zumutung", von der Friedrich Heer spricht, dass mit dem Weltgeist sich nicht mehr spassen lässt, ja dass das Moralisieren trotz heutiger rhetorischer Allgegenwärtigkeit so viel an Kraft verliert, weil es nur eine Seite der Medaille der Weltgeschichte und nicht einmal die Entscheidende ist. Um mit der Moderne, mit der ja die islamischen Intellektuellen auch konfrontiert sind, ins Reine zu kommen, lesen diese in der Tat weniger Immanuel Kant. Sie lesen in ihrer Mehrheit Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Wenn wir im Westen im bisherigen und sich anscheinend verschärfenden Trott geistiger Beliebigkeit und einem rein technisch ausgerichteten Materialismus fortfahren, so werden vitalere und durchsetzungsstärkere Kulturen es eher leicht haben, mit ihrer härteren Gangart unser Vakuum aufzufüllen. Das Vakuum ist der Strick, an welchem mindestens ein Teil unserer westlich orientierten Länder Gefahr läuft, erdrosselt zu werden. Vae Vicits! Wehe den Besiegten!

Johann Ulrich Schlegel