Nr. 03, 06. Februar 2004

Zum 80. Geburtstag von Prof. Eduard Stäuble
«Leiste dem Jahrhundert, was es braucht»

Von Pirmin Meier, Schriftsteller, Beromünster LU

Anno 1941 veröffentlichte ein Schüler des Lehrerseminars Rorschach beim legendären Redaktor Johann Baptist Rusch («Schweizerische Republikanische Blätter») in Bad Ragaz seinen ersten Artikel. Damit artikulierte sich eine publizistische Stimme, die heute, im siebenten Jahrzehnt ihres Wirkens,
unerschrocken wie eh und je vom Grundrecht der Gedankenfreiheit Gebrauch macht. Am 12. Februar wird Prof. Dr. Eduard Stäuble 80 Jahre alt. Der Leserschaft der «Schweizerzeit» sind die pointierten Kolumnen wie auch die gehaltvollen Vorträge des Jubilars bestens bekannt.

Bildungsbürger
Eduard Stäuble ist ähnlich wie sein langjähriger Weggefährte Erwin Jaeckle (1909­1997) und der frühere Zürcher Stadtpräsident Sigmund Widmer keine leicht zu fassende, in gängige Muster zu klassierende Persönlichkeit. In wichtigen Phasen seines Lebens betätigte sich der Verfasser von rund zwanzig
Büchern als Essayist, Dramatiker, Redaktor, Herausgeber und Geschäftsleitungsmitglied von Verlagen und Zeitungen. Während 21 Jahren (1964­1985) war er gar Leiter der Abteilung Kultur in einer so diffizilen und umstrittenen Institution wie dem Schweizer Fernsehen. Darüber hinaus
Mitglied von Stiftungen, international tätiger Kulturförderer und Redner, sei es in der Würdigung von Persönlichkeiten wie Walter Nigg, dem mutigen Zürcher Kirchenhistoriker; Nello Santi, dem Musiker, oder Angelo Codevilla und Stephen Halbrook, den amerikanischen Geschichtsschreibern mit Sinn für
die historischen Proportionen der schweizerischen Wirklichkeit. In «Stromaufwärts ­ Ein Kulturauftrag» bilanzierte Stäuble 1993 auf Wunsch der von Hans und Gertrud Jenny gegründeten Stiftung für abendländische Besinnung einen Teil seiner diesbezüglichen Fördertätigkeit.

Der patentierte Primarlehrer und promovierte Literat Stäuble ist bei festlichen Schulanlässen, etwa zum Verabschieden einer Matura-Klasse, als ebenso anregender wie gelegentlich humorvoller Redner gefragt. Das klingt nach Bildungsbürgertum und ist es auch. Der Begriff, seit der 68er Zeit unter Ideologieverdacht, wird bei der zunehmenden Funktionalisierung der Bildung bei weitem nicht mehr so geschätzt wie einst. «Bildungsbürger» hat bei Prof. Stäuble, entgegen einem 68er-Klischee, am allerwenigsten mit «Spiessbürger» zu tun. «Grosse Schweizerinnen und Schweizer. Erbe als
Auftrag» lautet der Titel einer charakteristischen Publikation (1990), die zu den wertvollen Beiträgen zum Jubiläumsjahr 1991 gehörte. «So dass keiner mehr die Sprache des anderen versteht», steht über einer neueren Auseinandersetzung mit den Nebelbänken der politsprachlichen Landschaft. Stäuble, einer der frühesten Spezialisten über Max Frisch (den er in mehreren Publikationen zu würdigen wusste), hat sein Urteil über kulturelle Leistungen nie von vordergründigen Gesinnungsprüfungen abhängig gemacht. War
er von einer publizistischen oder literarischen Leistung überzeugt, konnte er zum Beispiel selbst einem kleinen Zürcher Kommunisten die Gerechtigkeit des Kritikers widerfahren lassen. Auf der anderen Seite schreckt er nicht davor zurück, Abgeschmacktheiten und schalen Snobismus in der kulturellen
Szene mit spitzer Feder anzuprangern, wenn Kulturfunktionäre in Verbindung mit anscheinend unanfechtbaren öffentlichen Geldern mit im Spiel sind. Und wie nur wenige Publizisten seines Ranges kümmert sich Eduard Stäuble kaum um die sogenannte politische Korrektheit im Sinne eines pseudointellektuellen Konsenses unter Intellektuellen. Sonst hätte er es sich nicht leisten
können, zum Beispiel der «Schweizerzeit» Kolumnen zur Verfügung zu stellen. Das damit verbundene Risiko, vor der Öffentlichkeit als «Blocher-Anhänger» dazustehen, war unlängst in mancher Kulturszene ein berüchtigter, moralisch kaum zu überlebender Vorwurf. Im Vergleich zu dieser unheimlichen
Verdächtigung verströmten Ikonen wie Fidel Castro, Che Guevara oder Mao unter Ähnlichgesinnten einen geradezu wohligen Stallgeruch. Mit der Totschlagformel «Blocher-Anhänger» sollten die Skeptiker und Kritiker der Euro-Bürokratie und die unter Kulturschaffenden gar nicht seltenen Liebhaber
der bedingungslosen, dezidiert Nato-kritischen Neutralität eingeschüchtert werden. Zu einem Gelehrten von Format gehört es indessen, den hohen Wert der Unabhängigkeit des Vaterlandes mit einem geistigen Europa-Bild zu verbinden. Auch dazu hat Stäuble, zum Beispiel in seiner Förderung des Schrifttums von Erwin Jaeckle (1909­1997) und als Mitglied internationaler kulturpolitischer Gremien, das Seine beigetragen.

Ein «homo pro se»
Für Eduard Stäuble gilt zu seinem 80. Geburtstag, dass er wie eh und je als ein «homo pro se», ein Mann für sich, Anerkennung verdient, was als Abgrenzung gegenüber dem «homo factionis», dem Mann einer Partei, zu verstehen ist. Die Formulierung kennzeichnet bei Stefan Zweigs berühmter
Erasmus-Biographie den Humanisten. Dabei steht Stäuble seinem beherzten frühen Mentor Johann Baptist Rusch (1886­1954) aus Bad Ragaz näher als dem elitären Humanisten-Fürsten aus Rotterdam. Im Alter von siebzehn Jahren schickte der Leser der «Republikanischen Blätter», die im Lesesaal des
Seminars Rorschach auflagen, dem Redaktor Rusch einen ersten selbstgeschriebenen Beitrag: «Politik steht jenseits von Gut und Böse». Für den politischen Publizisten Stäuble ist diese frühe Überschrift eine Formel fürs Leben geworden. Ganz gewiss bedarf der Publizist einer fundierten Haltung, steht er nicht einfach «jenseits von Gut und Böse». So weit aber dem Weisen die Dinge so schmecken, wie sie tatsächlich sind (Thomas von Aquin), gehört die objektivierende Betrachtung der Dinge «jenseits von Gut
und Böse» zu den Voraussetzungen jeder ernstzunehmenden Zeitanalyse. Für das Schreiben orientierte sich Eduard Stäuble nach einem Motto von Friedrich Schiller: «Künstler, leiste deinem Jahrhundert, was es braucht, nicht was es will».
Geboren am 12. Februar 1924 in St. Gallen als Sohn eines Konkursbeamten und einer aus dem süddeutschen Langenargen stammenden Mutter wurde der Bürger von Egnach zum Mitstreiter und Nachfahren von Johann Baptist Rusch. Letzterer noch ein Publizist im Stil des 19. Jahrhunderts, der über Jahrzehnte den einstigen «Republikaner» als Einmannzeitung führte. Zuvor war Rusch Redaktor beim katholischen «Aargauer Volksblatt» in Baden gewesen, wo er zur Zeit des Ersten Weltkrieges einen entschieden deutschlandkritischen Kurs steuerte. Die Übernahme der «Republikanischen Blätter» nach dem Tode Ruschs durch Dr. James Schwarzenbach mit der Umbenennung in den ursprünglichen Titel «Republikaner» war nicht gerade Stäubles Wunschtraum gewesen.

Spuren seines Schaffens
Als junger Autor tat sich Eduard Stäuble mit Theaterstücken und Novellen hervor, zum Beispiel «Das Dreifragenspiel. Ein Spiel vom rechten Leben» und «Die Bürger von Schilda», eine noch heute gelegentlich gespielte Komödie. In den fünfziger Jahren veröffentlichte er bei Prof. Emil Staiger mit höchster Auszeichnung die Dissertation «Albrecht von Haller: Der Ursprung des Übels», eine lesenswerte und philosophisch höchst anregende Arbeit. 1954 wurde er Redaktor der BBC-Hauszeitung in Baden. Zehn Jahre später wurde er zum Leiter der Abteilung Kultur des Schweizer Fernsehens berufen, einer Tätigkeit, die u. a. in einer wertvollen Produktion über Goethe in der Schweiz gipfelte.
«Fluch und Segen. Fernsehen ­ Macht und Ohnmacht» lautete in diesem Zusammenhang der Titel eines Buches, das Stäuble 1979 in Österreich veröffentlichte. In den siebziger und achtziger Jahren sah er sich mit seiner Haltung beim Schweizer Fernsehen zunehmend isoliert. Nach seinem Rücktritt 1985 wirkte er noch ein gutes Jahrzehnt lang als Verwaltungsratsmitglied und ständiger Mitarbeiter des damals expandierenden und florierenden «Badener Tagblatts». In diese Jahre fiel auch die Blüte-
und Erntezeit von Stäubles Aktivität als Kulturförderer. Unter den neueren Buchpublikationen des Jubilars ragt die 2002 im Novalis Verlag Schaffhausen gedruckte Studie «Die Tragik Gottes» hervor. Wie wenige Schweizer Publizisten der Gegenwart realisiert der Verfasser ein spirituelles Defizit und ein Wert-Defizit als eine gewaltige Orientierungslücke unserer Zeit. Im Grunde hat Stäuble damit die
Fragestellung seines Buches über Albrecht von Haller wieder aufgegriffen.
Prof. Dr. Eduard Stäuble und seiner musisch engagierten Gattin Maria wünschen wir im heimatlichen St. Gallen einen schönen Festtag. Dieser fällt sinnigerweise mit dem 200. Todestag des Philosophen Immanuel Kant (1724­1804) zusammen. Sapere aude ­ wage zu denken lautete das Lebensmotto
des Alten von Königsberg. Der Jubilar ist dieser Wegweisung seinerseits treu geblieben. Ad multos annos! Nicht als beschaulicher Rentner, sondern wie eh und je als kritischer und wacher Zeitgenosse mit einem grossen Herzen für das geistige und politische Leben in der Schweiz.


Pirmin Meier