Nr. 2, 21. Januar 2000

Eine Würdigung der neutralen Schweiz
Die Schweiz als Hilfsland Europas
Aus einem Aufsatz von Stefan Zweig (1881-1942)

Im Lichte des Bergier-Berichts, der die Fehler, die Behörden und Politiker der Schweiz während des Zweiten Weltkriegs in der Flüchtlingsfrage gemacht haben, einseitig in den Vordergrund rückt und die Verdienste unseres Landes in dieser schwierigen Zeit weitgehend unterschlägt, geht oft vergessen, dass die Schweiz nicht  erst im Zweiten Weltkrieg, sondern bereits in früheren internationalen Konflikten und Kriegen ihre Neutralität zu wahren wusste und auf humanitärem Gebiet eine wichtige Rolle spielte. In seiner 1918 erschienenen Aufsatz- sammlung «Auf Reisen» hat Stefan Zweig ein Kapitel den grossen materiellen und morali- schen Leistungen der Schweiz im Ersten Weltkrieg gewidmet. Zweigs beeindruckende Würdigung der neutralen Schweiz bildet einen interessanten Kontrast zu den Bestrebungen massgeblicher politischer Kreise, unser Land mittels Diffamierung der Neutralität politisch und militärisch in supranationale Gebilde zu drängen.

Zwischen die kriegführenden Staaten gebettet, anteilnehmend nur mit dem Gefühl an der Tragö, die Europas, abseits mit ihrer Wehrmacht streng bemüht, die Neutralität nicht nur im blutigen, sondern auch im geistigen Kampfe aufrechtzuerhalten, hat die Schweiz in diesen Jahren vielleicht nicht weniger Energie verbraucht und durch ewig neue Hingabe beständig ersetzt als die anderen Nationen. Nur dass dieses Energie nicht zur Zertrümmerung, sondern zum Aufbau, nicht zur Verwundung, sondern zur Heilung verwandt wurde. Und weil diese ungeheure Energie ganz im stillen, ohne die Fanfaren des Ruhms, wirkte, ist sie heute vielleicht noch verborgener geblieben als sie es verdiente: was im Sinn- lichen wirkt, wird leicht offenbar, um dafür der Vergänglichkeit rauher anheim zu fallen. Die Taten des Geistes und des Herzens sind weniger sichtlich für den Blick. Aber ihre Dauer ist gewährleistend durch die fortwirkende Kraft, die ethische Macht der unsterblichen Idee, die dem Leiden, dem unendlichen menschlichen Leiden die einzige Tröstung entgegensetzt: das Mitleid. Haben die anderen Völker dieser Zeit das Leiden geschaffen, so schuf die Schweiz das Mitleid. Und weil unerträglich, unabsehbar viel Leiden in der Welt war in diesen vier Schreckensjahren, musste ihre Leistung eine ganz gewaltige sein.

Bedeutung des Roten Kreuzes
Und das ist sie gewesen. Das ist sie noch. Die Stunde ist noch nicht gekommen, das ganze Werk zu überschauen, aber schon das, was wir wissen, wäre gross, selbst für ein grosses Land und ist über- dimensional für die wenigen Kantone. Im Mittelpunkt steht die Leistung des Roten Kreuzes: ich habe versucht, in einer kurzen Broschüre («Das Herz Europas», Rascher & Co. «Le coeur de l'Europe», Editions du Carmel) nur einen ersten Eindruck festzuhalten, den ich in Genf im Musée Rath, der Urzelle des ungeheuren Arbeitsgewerbes, empfing, und ich würde es als Verwegenheit empfinden, in noch engeren Rahmen dies gewaltige Bild einzupressen. Die Kriegsverwundeten aller Staaten und aller Nationen, sie waren die Sorge des Roten Kreuzes von je, seit es vor einem halben Jahrhundert in Genf von Schweizer Bürgern begründet wurde.

Und nur für sie, diese Millionen zu sorgen, über die Konventionen zu ihrem Schutze zu wachen, wäre schon Leistung genug gewesen. Aber sie trat noch zurück gegen die gigantische Aufgabe, die durch die Gefangenen erwuchs. Jeder Vermisste ist eine Sorge. Ungewissheit ist Qual und diese Ungewissheit um die Millionen der Angehörigen vermehrt, ergab eine Summe von Erregung, die - die man glücklicher- weise nicht errechnen kann. Das Rote Kreuz nun übernahm es, den Angehörigen möglichst rasche Kunde von dem Schicksal zu übermitteln. Es kundete sein Gefangenenlager aus, überwachte durch Vertrauenspersonen die Behandlung, nahm Beschwerden entgegen, führte ihnen Liebesgaben zu - kurz es vermittelte in der ungeheuren Ungewissheit, die ja das Symbol dieser Zeit und der Inhalt fast jedes Schicksals ist, ein gewisses Gefühl des Schutzes. Man spürte die übernationale Macht der Gerechtig- keit und der Menschlichkeit über dem Getümmel. Aber aus dieser Vermittlung erwuchs der Schweiz eine schwere Last, wie sie, als sie anfangs sie übernahm, ihr in ihrer Grösse nicht bewusst gewesen sein dürfte - wer hat solche Dauer, solche Dimensionen dieses Krieges erahnt! - nämlich die Postver- mittlung, die sie - und das ist zu wenig bekannt - unentgeltlich besorgte. Unentgeltlich, das klingt ein wenig dieses Wort, aber welche Resonanz hat es, welche ungeheuerliche Resonanz, wenn man bedenkt, dass die Schweiz in diesen vier Jahren über fünfhundert Millionen Briefe, an 100 Millionen Pakete, 10 Millionen Postanweisungen umsonst befördert hat. Rechnet man den normalen internatio- nalen Tarif dafür, so kann man wohl getrost sagen, dass die Schweiz durch den Verzicht auf jedes Entgelt den kriegsführenden Staaten ein Geschenk von 100 Millionen Franken gemacht hat, abgesehen von der gigantischen Arbeit, die nur eine so meisterlich organisierte Postverwaltung bewältigen konnte, die Postverwaltung des Lands, in dem die internationale Weltpost begründet wurde und ihr Denkmal hat.

Betreuung von Gefangenen
Aber nicht Ziffern messen die moralische Leistung der Schweiz ganz aus. Wie dies ausdrücken, was es den Schwerverwundeten bedeutet, dass sie dank der Intervention der freien Republik seit 1915 ständig ausgetauscht und in ihre Heimat zurückbefördert wurden. An den Bahnhöfen erwarteten sie Ehren- kompagnien, Gaben wurden ihnen gebracht und Tausende, viele Tausende haben erzählt, dass diese erste Minute eine der seligsten ihres Lebens war.

Und nicht minder wichtig war die Schaffung des Interniertenwesens, ein Unikum bisher in der Kriegs- geschichte, dass ein unbeteiligter, ein neutraler Staat es übernahm, kranke und erholungsbedürftige Gefangene bei sich zu bergen. Die schönsten Landschaften, die reizvollsten Gegenden wurden ihnen bestimmt, möglichst auch darauf Rücksicht genommen, nationale Nähe im Umgang mit der Bevölke- rung zu ermöglichen. Die Franzosen wurden am Genfersee und in der Westschweiz, die Deutschen am Vierwaldstättersee und in der Ostschweiz untergebracht, Engländer und Belgier gerade in jenen Land- schaften, die früher von ihren Landsleuten die besuchtesten waren. Die schon Geheilten durften Arbeit tun, sich ein wenig zu ihrem Sold verdienen, den Schwerkranken wurden die Sanatorien von Davos und der anderen Kurorte zur Verfügung gestellt und - was das Wichtigste für das seelische Wohlbefinden war - ihren Angehörigen gestattet, sie auf kürzere oder längere Zeit zu besuchen.

Unmöglich, den menschlichen Wert dieser Leistungen auch nur irgendwie statistisch oder numerisch ausdrücken zu wollen. Unmöglich, in engem Raum all der einzelnen Institutionen, der einzelnen Menschen zu gedenken, die durch ihr Zusammenarbeiten diesen einzigartigen Betrieb erschufen, der nicht nur Tüchtigkeit forderte, sondern auch unendlich viel Taktgefühl. Wie schwer war es, ewig das Gleichgewicht zwischen den Ansprüchen der Nationen zu halten, die Parität auch des Gefühls zu wahren - vielleicht werden einmal in Jahrzehnten die Akten veröffentlicht werden, die zeigen, wieviel ungesehene diplomatische Arbeit inmitten der caritativen notwendig war. Und ein Gelingen dieser absolut vorbildlosen Organisation, die aus dem Nichts, aus der Theorie geschafft werden musste, war nur denkbar, wenn das ganze Land diesen Gedanken lebte, wenn von dem Bundespräsidenten bis hinab zu dem einzelnen Sanitätssoldaten jeder einzelne sich der ungeheuren Pflicht bewusst war; wenn die Schweiz sich als übernational empfand. Und jeder einzelne wusste, verstand es, dass diese Leistung für den Schweizer keine zufällige war, sondern dass sie den Sinn dieses Landes darstellte, den hohen Sinn, in dem von nun ab durch die Jahrhunderte die Schweiz immer für Europa verstanden werden wird. Nicht mehr als Panoramalandschaft, nicht mehr als Fremdenparadies, nicht mehr als Hochzeitsreisendenziel: sondern als Idee der Gemeinschaft, die Nationen und Sprachen in Liebe eint. Als tätige Idee der Einigung, als Hilfsland Europas, das die Verantwortung fühlt, den brüderlichen Gedanken nicht erlöschen zu lassen, auch im furchtbarsten Sturme nicht, der jemals über diese Welt gefahren. Nie war das Schweizer Wappen - das weisse Kreuz auf rotem Grunde - so sehr das Symbol des Friedens inmitten des Bluts. Und in diesem Sinne wird eine zukünftige Menschheit immer diese Fahne grüssen.

Stefan Zweig