Offener Brief an Stadtpräsident Elmar Ledergerber
Herr Stadtpräsident, am Sechseläuten hat Ihnen eine hübsche Appenzellerin in Tracht eine Rose überreicht mit den Worten: «Fies haben Sie es den beiden Stauffacherinnen im Zürcher Sozialamt gemacht, Herr Stadt Präsident!» Die Botschaft war von mir. Sie antworteten mit einem «gar nicht fies!» und haben das Trachtenmädchen ungestüm abgeküsst. Sie sind eben ein Verwandlungskünstler: Ganz Proletarier und Sansculotte am 1. Mai, aber auch Charmeur und Bourgeois am Sechseläuten.
Dabei hat der Stadtrat es den beiden Stauffacherinnen und über zehn Jahre im Sozialamt angestellten Beamtinnen hundefies besorgt: Verhaftung und Vorführung am Arbeitsplatz, Hausdurchsuchung unter entwürdigenden Umständen, Entlassung fristlos, Straf- und Administrativverfahren (mit dem Antrag der nicht aufschiebenden Wirkung eines allfälligen Rekurses). Alles in der Hoffnung die mutigen Frauen auszupowern und finanziell auszuhungern. Im Sozialdepartement sagt man einem kalt lächelnd, man wolle in allen Verfahren den Instanzenweg auskosten. Was heisst da: «kosten»? Der Stadtrat schmeisst ja das Geld auf Kosten der Bürger zum Fenster hinaus.
Dabei, hätten Sie das Buch «Whistleblowing unter dem Aspekt der Korruptionsbekämpfung» von Zora Ledergerber – wenn ich mich nicht täusche Ihre Tochter – gelesen, dann hätten Sie gewusst, was Anstand ist. Die Handlungsweise des Stadtrats ist jedoch derart daneben, dass Ihre Tochter an diese, Ihre, Form des Rausschmisses in ihrem Buch nicht einmal im entferntesten gedacht hat.
Mit sozialem Gewissen und gutbürgerlichem Gruss, auch an Kollegin Stocker, die Ihnen diese trübe Suppe eingebrockt hat. Bis zum Sechseläuten 2009.
Hans Scharpf, Zürich