Massenbesäufnis olé, Eigenverantwortung ade

Die Schweiz horcht auf. Da hat doch tatsächlich ein siebzehnjähriger Junge aus Nänikon die Frechheit, ein Massenbesäufnis in Zürich zu organisieren. Mich als Jugendlichen schreckt diese Meldung ehrlich gesagt genau so wenig ab, wie wenn berichtet würde, dass in China ein Sack Mehl umgekippt sei. Was ist denn daran so neu? Genau genommen finden überall Woche für Woche Massenbesäufnisse statt. Nur mit dem Unterschied, dass diese jeweils unter einem anderen Namen stattfinden (z. B. Streetparade, Chilbi, Jugendtreffs, etc.), kann ich keinerlei Differenzen feststellen. Die ganze Medienhysterie und die Ankündigung der Zürcher Polizeivorsteherin Esther Maurer - welche ja ausgiebig an der Streetparade tanzte - den Anlass zu verbieten, scheint mir demzufolge mehr als geheuchelt.

Vielmehr schockiert mich die Reaktion der Mutter des Organisators der Sauforgie. Sie sei zwar gar nicht glücklich über den von ihrem Sohn organisierten Anlass. "Ich hoffe, dass es an diesem Tag in Strömen regnet und dass der Stadtrat dem Besäufnis einen Riegel schiebt", lässt sie sich zitieren. Angesichts dieses Statements mache ich mir schon schwere Sorgen um die Erziehungssituation in unserem Land.

Offenbar liegt es nicht mehr in den Händen der Eltern, ihrem minderjährigen Sohn zu verordnen, diesen Anlass wieder abzusagen und ihm die Teilnahme daran zu verweigern. Ihm ins Gewissen zu reden und ihn vor allem über die Konsequenzen seines Handelns aufzuklären, liegt wohl auch nicht mehr im Bereich der Erziehungsverantwortung. Dass die Mutter auch noch nach dem Staat ruft, diesen von ihrem Sohn geplanten "Massenabsturz" zu verhindern, zeigt uns doch klar, welch obrigkeitsgläubige Züge unsere Gesellschaft mittlerweile angenommen hat. Die Eigenverantwortung ging flöten und Erziehung wurde seit der überbordenden und ins Gegenteil umschlagenden Emanzipation ein Fremdwort.

Olivier Kessler, Wollerau SZ