Strafe heute
Der Artikel „Strafe heute“ (Schweizerzeit, Nr. 23, Freitag, 19. November 2010) von Herrn Kantonsrat Hermann Lei hat mir gerade aus der Seele gesprochen! Vielen Dank für seine gute Beobachtung und Analyse.
Mit dem unten stehenden Kurzkrimi „Zur falschen Zeit am falschen Ort für die richtige Tat“ aus meiner Feder vor gut einem Jahr (Die Originalfassung war chinesisch) möchte ich hiermit als Leserecho Herrn Leis Beitrag beipflichten.
In der Hoffnug, dass die SVP-Iniative guten Erfolg erzielt, damit die ausländischen Schwerverbrecher und Gewalttäter ausgeschafft werden und die Schweiz dem „Paradies der ausländischen Kriminellen“ fernbleibt, verbleibe ich mit freundlichen Grüssen.
Zur falschen Zeit am falschen Ort für die richtige Tat
Das Hämmerchen in seiner Jackentasche kam ihm genauso erregt vor wie er selbst. Kommt nur, ihr Idioten, dachte er grinsend vor sich hin.
21.15 Uhr, idealer Zeitpunkt. Bevor er seine Wohnung verliess, probte er noch einmal vor dem Spiegel die übertriebene Mimik und die Gebärden zum Zweck der Provokation. Seit Wochen suchte er im Namen des Himmels Gerechtigkeit auf Erden – oder wenigstens für seinen von einer Jugendbande grundlos spitalreif geprügelten Kumpel. Ihm kam es vor, als wäre hierzulande ein umgekommenes Opfer kein bisschen mehr wert als der noch lebende Täter. Das Opfer war sozusagen selber Schuld, denn es hatte sich schlicht zur falschen Zeit am falschen Ort aufgehalten.
Auch aus einem inneren Zwang und Berufung heraus handelte er: Mit geschickter Feder stellte er skurrile Szenen des menschlichen Daseins oder der Fantasiewelt dar, wodurch er von den Mitmenschen Bewunderung erheischte. Bloss reichte die knappe Zeit nie aus. Bis zu seiner Pensionierung würde es noch einige Jahre dauern. Seit 25 Jahren ein Bürogummi in der Logistikabteilung eines Unternehmens, war er nichts anderes als ein Working Poor. Seine künftige Rente würde nicht viel besser werden als die Sozialhilfe für einen Asylanten. Wie sollte das für einen würdigen Ruhestand ausreichen?
Als Immigrant aus Taiwan mühte er sich als bald Sechzigjähriger bei der täglichen Knochenarbeit ab, um nur einigermassen durchzukommen. Seit er vor zehn Jahren geschieden worden war, galt für ihn eine Frühpensionierung als Luxus. Sein ideales Leben stellte er sich so vor, dass er sich Tag und Nacht der Lektüre und dem Schreiben widmen und allmählich einige seiner Ideen in Texte verwandeln könnte. Als erstes wollte er einen Kriminalroman schreiben, der in einem Schweizer Gefängnis spielen sollte. Ein Schweizer Gefängnis kam ihm vor wie das wahrhafte Paradies auf Erden. Wohin sonst sollte jemand ohne Perspektiven wie er sich sonst noch wenden?
Wunderbar wäre es, sich mit einem Coup ein Vermögen zu verschaffen. Aber wie? Durch einen Lotteriegewinn oder einen Banküberfall? Warum eigentlich kein Banküberfall?! Sässe er einmal bei Wasser und Brot, wäre das seine Erlösung, denn Sträflinge wurden hier humanitärer behandelt als anderswo. Die Zellen waren sauber, hygienisch und sogar mit Fernseher ausgestattet. Die Einrichtung brauchte den Vergleich mit einem Hotelzimmer nicht zu scheuen. Zudem würde ihm dort unbegrenzt Zeit für seine wahre Leidenschaft zur Verfügung stehen.
Bei den drei Kerlen, die alle eine Dose Bier in der Hand hielten, verfehlte seine Provokation ihre Wirkung nicht ...
Die Wunden am ganzen Körper bereiteten ihm rasende Schmerzen. Er war in bewusstlosem Zustand ins Spital eingewiesen worden. Erst nachdem ihm die Krankenpflegerin den Bericht aus «Unter der Lupe» zitiert hatte, wurde ihm klar, dass nun auch er es als neuestes Schlägeropfer zu ein wenig Berühmtheit gebracht hatte!
„Offenbar wurden Sie gleichzeitig von zwei verschiedenen Jugendbanden, die von zwei Seiten kamen, angegriffen“, erklärte ihm der Kriminalbeamte. Zwei Banden? Wie denn das? Allmählich verstand er, wie es gewesen sein musste: Während er in Angriffstellung der Bande, die er im Visier hatte, gegenüber stand, wurde er hinterrücks von einer anderen, die aus purer Langeweile Leute verprügelte, überrascht.
„Warum trugen Sie denn einen kleinen Hammer bei sich? Und worauf deuten diese Zeilen auf Chinesisch und Deutsch auf diesem Zettel hier hin?“ bohrte der Polizist weiter.
„Na ja, ich...“ Nachdem der Kriminalbeamte endlich wieder gegangen war, stieg eine Unruhe in ihm auf, da er zuvor die Skepsis in den Augen des Inspektors bemerkt hatte...
In der Eingangshalle des Spitals warf der Kriminalist noch einmal einen Blick auf den Zettel in seiner Hand –
Justitia, erblindet,
Teilt je eine halbe Chance
Den Waagschalen Gerechtigkeit
Und Ungerechtigkeit zu.
Schicksale werden von den
Medien entführt,
Dramatische Elemente extrahiert
Und zu Kuchen verbacken,
Ans Publikum verfüttert.
Auszuscheiden sind übermässige
Sentimentalität und
Affekte.
Chu wen-hui, Otelfingen ZH