Bundesratspräsident/-in oder Staatsoberhaupt ?
(wie Begriffe falsch verwendet werden)
"Bundespräsidentin Doris Leuthard hat sich am Montag mit den Staatsoberhäuptern der deutschsprachigen Länder getroffen".
Solche und ähnliche Meldungen in den Medien, wie kürzlich in der NZZ, suggerieren, die jeweiligen Vorsitzenden des Bundesrates seien Staatsoberhäupter.
Die Schweiz, als demokratisches, föderatives Land, kennt gemäss Verfassung, kein Staatsoberhaupt.
Früher, bis zu Zeit von Bundesrat Adolf Ogi, verzichtete der jeweils für ein Jahr - und hoffentlich auch noch weiterhin - so gewählte Bundesratspräsident während seiner Amtsdauer auf Auslandreisen. Dies, damit er sich, neben seinen Aufgaben als Departementsvorsteher, der Koordination der Tätigkeit und dem Verhalten seiner sechs Bundesratskollegen widmen konnte.
Besuche bei fremden Staaten und andere Auslandsbesuche überliess man richtigerweise den dafür ausgebildeten und ausgewählten Diplomaten. Dies wohlweislich, weil schon damals bei den Bundesräten - wie auch heute immer noch - kaum einer das Format hatte, sich auf dem Parkett der internationalen Diplomatie zu bewegen.
Bundesrat Ogi spürte danach das Verlangen, aus diesem Rahmen auszubrechen, wohl auch weil damals der erste Bundesratsjet angeschafft wurde. Man war plötzlich dabei beim Jet Set. Und Bundesrat Ogi tat, als er endlich Bundesratspräsident wurde, alles, um mit den Mächtigen dieser Welt zusammen abgeblitzt zu werden. Auch die wegweisenden Handbewegungen des damaligen Französischen Staatspräsidenten Chirac konnten ihn nicht beeindrucken. Hauptsache, er war dabei.
Spätere Bundesratspräsidenten und Bundesratspräsidentinnen haben diese Praxis unterschiedlich gehandhabt und ihren Auftritt mit den Grossen dieser Welt unterschiedlich gepflegt.
Bei Gelegenheit hat dabei auch mal ein Bundesratspräsident ohne Erfolg versucht, ausländischen Despoten Manieren beizubringen.
Oder Calmy Rey produzierte und präsentierte medienwirksam ihre Weltanschauung bei den so genannten Armen und Benachteiligten dieser Welt. Ausser kopfbetuchte Auftritte beim Iranischen Präsidenten und bei Gadaffi blieben ihr aber Phototermine mit anderen Weltgrössen versagt.
Anders bei der diesjährigen Bundesratspräsidentin Doris Leuthard.
In den ersten zehn Monaten ihrer Präsidialjahres hat sie es zu zwanzig Auftritten bei gekrönten und ungekrönten Herrschern und Staatsoberhäuptern geschafft. Ein einmaliger Rekord. Ihre Auftritte waren in der Regel immer recht bieder, manchmal auch eher peinlich. Sie gemahnten eher an Besuche an einer Landfrauentagung. Dann konnte sie sich aber auch mal schulterfrei ganz als "femme fatale" geben. Nur entsprachen ihre Auftritte in der Regel nicht den Gepflogenheiten des politischen Parketts und den höfischen Sitten. Auch wenn Frau Bundesratspräsidentin Leuthard innerhalb von 70 Sekunden in der Lage war, mit Präsident Obama tiefschürfend alle wichtigen Probleme der heutigen Welt zu erörtern, ist es fraglich, ob er sich noch daran erinnern kann.
Das alles zeigt, dass bei uns in der Schweiz der Begriff Bundespräsidentin/Bundespräsident falsch angewandt wird und man somit, neben der allgemeinen Blamage auf dem internationalen Politparkett nur sagen kann: Ausser Spesen nichts gewesen.
Die Medien würde gut tun, Begriffe zu verwenden, die den Tatsache entsprechen und nicht auf irreführende Art und Weise die Illusion zu schaffen, unsere zum Glück jährlich neu erkürten Vorsitzenden des Bundesrates wären bei uns nicht vorgesehene Staatsoberhäupter, auch wenn sie sich dummerweise so gebärden.
Josef Steinegger, Alvaschein