Napoleon und die Direkte Demokratie

Das via-Magazin der SBB bietet dem ehemaligen obersten Bundesraumplaner (ARE) und heutigen Fusionsorganisator von neun Gemeinden im Val de Travers (in den dortigen Fasnachstzeitungen wird er als Napoleon karikiert), Pierre-Alain Rumley, eine Werbeplattform für sein Buch „La Suisse demain: utopie ou réalite?“ und seine Vision eines Grosskantons Jura und einer Schweiz der neun Kantone (weil 26 Kantone für die Bürokraten in den Bundesämtern zu „kompliziert“ seien).

Es ist interessant, in welchen Sphären sich die Utopien des einstigen obersten Raumplaners des Bundes bewegen. Nur warum braucht ein „Patriot der Welt“ unbedingt einen Kanton Jura? Wenn nur die Einwohnergrösse eine Rolle spielen soll und es nur noch 9 Kantone sein dürfen, warum nicht wieder einen grossen Kanton Bern machen? Natürlich ist es einfacher als Napoleon oder EU-Kommissar zu regieren, als in einer „komplizierten“, föderalistischen Direkten Demokratie, wo das Volk als Souverän das Sagen hat. Die Spatzen pfeifens doch schon vom Bundeshausdach: das Problem der Zersiedelung und der Kapazitätsgrenzen sind nicht die Anzahl der Kantone oder das Bevölkerungswachstum, sondern diejenigen, die aus der Schweiz ein Einwanderungsland gemacht haben.

Die Schweiz tickt zum Glück (noch) von unten - nach dem Willen des Souveräns - und nicht nach den Utopien der Raumplaner im Elfenbeinturm. Sonst könnten wird nicht stolz sein, auf unseren neuen, „kleinen“ Kanton Jura. Oder auf die Gemeinde Vellerat mit ihren rund 70 Einwohnern, denen 91,7 % der Stimmenden in der ganzen Schweiz und sämtliche Kantone 1996 den Wechsel vom Kanton Bern zum Kanton Jura ermöglichten, weil ihnen das Recht auf Selbstbestimmung und die einzelnen Menschen mehr bedeuteten, als statistische Grössen oder bürokratische Abläufe.

Peter Aebersold, Zürich