Die heisse Phase beginnt

In mehreren Kantonen stehen heisse bildungspolitische Debatten und die ersten wegweisenden Abstimmungskämpfe an. Den Auftakt bildet St. Gallen, wo am 25. September über die Volksinitiative «Ja zum Ausstieg aus dem HarmoS-Konkordat» abgestimmt wird.

Der Freitags-Kommentar vom 2. September 2016,
von Anian Liebrand, Redaktion «Schweizerzeit»

Sekundiert von zunehmend kritischer Medienberichterstattung und Warnungen von erfahrenen Lehrerinnen und Lehrern, sind seit 2014 in insgesamt 12 Kantonen Volksinitiativen zum Lehrplan 21 lanciert worden. Deren Ziele variieren. Während einige Volksbegehren inhaltliche Veränderungen zum Ziel haben, streben andere in erster Linie an, die Mitsprache des Volks und des Parlaments sicherzustellen.

Gaben sich die Propagandisten der Bildungsreformitis zu Beginn der aufkeimenden Debatte alle Mühe, die Kritiker des Lehrplans 21 pauschal in die «rückwärtsgewandte, ultra-konservative Ecke» zu drängen, greift dieses Stigma längst nicht mehr. Zu den prominenten Kritikern des Lehrplans 21 gehören beispielsweise der erfahrene Sekundarlehrer Alain Pichard (Grünliberale), der renommierte Lehrplanforscher Prof. Rudolf Künzli oder der angesehene Psychotherapeut Prof. Allan Guggenbühl. In den überparteilichen Initiativkomitees in den Kantonen sitzen Vertreter verschiedenster Parteien.

Alles ganz und gar nicht Persönlichkeiten, die man als «rechts» titulieren könnte. So äussern sich auch in der breit beachteten, von Alain Pichard herausgegebenen Broschüre «Einspruch!» bekannte Exponenten aus dem linken und linksliberalen Lager, die kein gutes Haar am bürokratielastigen Lehrplan 21 lassen.

Lehrplan 21 – Stand in den Kantonen (per 02.09.2016)

In den kommenden Monaten und Jahren wird sich entscheiden, ob und in welcher Form der Lehrplan 21 in den Kantonen Verankerung finden wird. Nach der Abstimmung in St. Gallen wird der Kanton Thurgau voraussichtlich im November 2016 über die Volksinitiative «Ja zu einer guten Thurgauer Volksschule» abstimmen. Diese Initiative will im Gesetz über die Volksschule festschreiben, dass Lehrpläne Jahrgangsziele für die einzelnen Unterrichtsfächer enthalten und dass Stundentafeln die entsprechende Aufteilung der Unterrichtszeit regeln. Die Lehrpläne sollen insbesondere die elementaren Ziele Lesen, Schreiben, Rechnen und eine positive Arbeitshaltung sichern.

Nächste zwei Jahre sind entscheidend

Im Kanton Aargau findet die Abstimmung über die Volksinitiative «Ja zu einer guten Bildung – Nein zum Lehrplan 21» am 12. Februar 2017 statt. Dieses Volksbegehren formuliert, welchen Fächerplan die Kindergarten-, Primar- und Oberstufe enthalten sollen. Interkantonale Vereinbarungen zur Harmonisierung des Lehrplans sollen vom Grossen Rat genehmigt werden und dem fakultativen Referendum unterliegen.

Weiter stehen voraussichtlich in den nächsten ein bis zwei Jahren in den Kantonen Bern, Baselland, Luzern, Solothurn, Schaffhausen und Zürich Volksabstimmungen rund um den Lehrplan 21 an. Im Kanton Graubünden werden derzeit noch Unterschriften für eine Doppelinitiative (auf Verfassungs- und Gesetzesebene) für mehr Mitsprache bei wichtigen Bildungsfragen gesammelt.

Der Lehrplan 21 ist im Verlauf dieses Jahres derart unter Druck geraten, dass die kantonalen Bildungsdirektoren nicht müde werden zu betonen, wie wenig sich doch tatsächlich ändere und dass die Kritik nicht gerechtfertigt sei. Dabei ist der Lehrplan 21 nach wie vor ein monumentales Bürokratiemonster, welches das schweizerische Volksschulwesen umpflügt und dessen Einführung Millionen verschlingt. Kritische Lehrerinnen und Lehrer werden mit «Change Management»-Methoden umerzogen und mundtot gemacht. Die Kantonsparlamente und geschweige denn die Stimmbevölkerung sind von jeder Mitbestimmung gänzlich ausgeschlossen. Sie haben still abzunicken, dass es immer teurer wird, das Bildungsniveau zu senken.

Der Lehrplan 21 enthält 2‘300 Kompetenzstufen und 363 Kompetenzen. Wissen und Inhalte haben keinen Stellenwert mehr, es ist dafür die Rede von «Kompetenzorientierung», «selbstorganisiertem Lernen» und des «altersdurchmischtem Unterricht.» Statt sich Basiswissen wie Rechnen und Schreiben durch Übung und Fleiss anzueignen, müssen die Schüler vorwiegend wissen, wo sie welche «Kompetenz» nachschlagen müssen.

Ein paar Müsterchen dieser «Kompetenzorientierung»:

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Fangen sich die Lehrplan 21-Promotoren in mehreren kantonalen Urnengängen eine Klatsche ein, steht das Prestigeprojekt Lehrplan 21 vor einem Scherbenhaufen. Und die Tür zu praktischen, föderalistischen Lösungen ohne teure Experimente steht wieder offen. Der Ausgang der bevor stehenden Volksabstimmungen wird stark von der Mobilisierung der Stimmbevölkerung abhängen. Auf alle Fälle stehen uns heisse Monate bevor!

>> Zur detaillierten Übersicht «Lehrplan 21 in den Kantonen»