Aufflammender Konflikt zwischen Saudi-Arabien und dem Iran

Die Intensivierung des Konflikts zwischen Saudi-Arabien und dem Iran nützt vor allem den Saudis. Dadurch könnte die gemeinsame Bekämpfung des IS in Syrien ins Hintertreffen geraten, was im Interesse des saudischen Königshauses liegen dürfte.

Der Freitags-Kommentar vom 15. Januar 2016,
von Olivier Kessler, Chefredaktor «Schweizerzeit»

Die internationale Allianz zur Bekämpfung der IS-Stellungen konnte in den letzten Wochen beachtliche Erfolge verbuchen. Im Irak verlor die Terrormiliz rund 40 Prozent ihres zuvor kontrollierten Gebiets. In Syrien ist ihr Territorium ebenfalls um ca. 20 Prozent geschrumpft.

Die Saudis hatten sich zwar dem Kampf gegen die IS-Milizen angeschlossen – wohl vornehmlich zur Aufpolierung ihres internationalen Images. Saudi-Arabien gehört aber zu den treibenden Kräften, die den syrischen Bürgerkrieg anstachelten und weiterhin am Kochen halten, indem sie Oppositionelle mit Waffen und finanziellen Mitteln unterstützen. Dass die Waffen auf Umwegen über die von Saudi-Arabien unterstützte Rebellengruppe «Freie Syrische Armee» schliesslich zum IS gelangen, schien die Machthaber in Riad nie sonderlich zu kümmern.

Schwächung der schiitischen Achse

Wichtiger ist den Saudis, dass der ihnen lästig erscheinende syrische Präsident Baschar al-Assad endlich abtritt und einem anderen Kopf Platz macht, der für die Interessen der Saudis ein offeneres Ohr hat.

Aber weshalb möchte das saudische Königshaus den syrischen Präsidenten am liebsten in die Wüste schicken? Zweierlei gewichtige Gründe dürften entscheidend sein.

Erstens gehört Baschar al-Assad der Religionsgemeinschaft der Alawiten an. Diese entstanden im 9. Jahrhundert im Irak und sind dem schiitischen Spektrum des Islam zuzuordnen. In diesem Sinne bestehen mit dem sunnitisch dominierten Saudi-Arabien also schon rein religiöse Differenzen. Weil der Grossteil der herrschenden politischen und militärischen Elite Syriens der Religionsgemeinschaft der Alawiten entstammt, ergaben sich auch enge Beziehungen zum Iran, der sich als «Schutzmacht der Schiiten» versteht. Der Iran unterstützt offen die schiitische Terrormiliz Hisbollah im Libanon. Da iranische Waffenlieferungen in den Libanon über syrische Grenzen hinweg erfolgen, vermochten die Saudis durch das Stiften von Chaos in Syrien auch die schiitische Achse Iran-Hisbollah zu schwächen.

Erdgas-Pipeline

Zweitens steht Baschar al-Assad einem für Saudi-Arabien wichtigen Erdgas-Pipeline-Projekt im Weg. Vom grössten bisher entdeckten Erdgas-Feld der Welt im Persischen Golf soll eine Pipeline bis in die Türkei errichtet werden, um sie dort mit der bereits bestehenden Nabucco-Pipeline zu verbinden, die das Gas weiter bis nach Österreich transportiert. Die Pipeline würde in Katar starten, auf wessen Gebiet rund zwei Drittel des etwa 10‘000 km2 grossen Gasfeldes liegen (das andere Drittel liegt auf dem Territorium des Irans). Auf dem Weg in die Türkei würde sie saudisches, jordanisches und syrisches Territorium überqueren, wovon sich diese Staaten üppige Transitgebühren erhoffen können. Assad hatte dem Projekt allerdings eine Absage erteilt – aus Rücksicht auf seinen russischen Alliierten. Russland ist der wichtigste Gaslieferant nach Europa und würde durch das katarische Gas bedrängt, was den ohnehin strapazierten Staatseinnahmen Russlands weiter zum Verhängnis werden würde.

Illustration: Google/Schweizerzeit

Rot: Katar-Jordanien-Syrien-Türkei-Pipeline
Grün: Iran-Irak-Syrien-Libanon-Pipeline
Schwarzer Kreis: South Pars / North Dome Gasfeld

Assad ist den Saudis und den restlichen Profiteuren der geplanten Gaspipeline deshalb ein Dorn im Auge, weil er seine Unterstützung der Katar-Türkei-Pipeline versagte und gleichzeitig dem russischen Projekt einer neuen Gaspipeline zugestimmt hat. Diese hätte seinen Anfang auf der iranischen Seite des Gasfeldes am Persischen Golf und würde via Irak, Syrien und dem Libanon ans Mittelmeer transportiert, von wo es nach Europa verfrachtet werden könnte.

Rohstoffe und der neue Kalte Krieg

Die USA, die eine Strategie der weltweiten Dominanz verfolgt und sich deswegen im Kalten Krieg mit Moskau sieht, versucht natürlich ihrerseits alles, um die Russen zu schwächen. Sie unterstützen deshalb das Pipeline-Vorhaben von Katar, Saudi-Arabien und der Türkei, damit katarisches Erdgas direkt und zu günstigeren Preisen auf den europäischen Markt gebracht werden kann, ohne vorher teuer verschifft zu werden. Dies würde den Russen, die enorm auf ihre Gasexporte nach Europa angewiesen sind, die Marktanteile streitig machen und zu einer Schwächung der Stellung des Kreml führen. Es ist deshalb wohl kein Zufall, dass gerade Katar, Saudi-Arabien, Jordanien und die Türkei zu den Verbündeten der Vereinigten Staaten gehören.

In diesem Sinne unternahmen die potenziellen Profiteure der Katar-Türkei-Pipeline alles, damit Assad seinen Sessel räumen muss und ein genehmer Nachfolger grünes Licht für das Vorhaben geben kann. Katar, Saudi-Arabien, Jordanien und auch die Türkei zählen zu den Unterstützern der syrischen Oppositionellen. Die Erfolge gegen die IS stehen diesen Interessen entgegen, da damit Assad, der durch die IS massiv auf Trab gehalten wurde, in seiner Position gestärkt wird und das Pipelineprojekt damit in weite Ferne rückt.

Wem nützt der Abbruch der Saudi-Arabien-Iran-Diplomatie?

Im Wissen darum, dass es sowohl die Iraner als auch die Saudis für eine endgültige Lösung des syrischen Bürgerkriegs und zur Besiegung des IS an einem Tisch braucht, kommt Riad die diplomatische Krise mit dem Iran gerade gelegen.

Vor diesem Hintergrund stellt sich natürlich die Frage, ob Saudi-Arabien den schiitischen Prediger Nimr al Nimr aus Naivität oder aus strategischem Kalkül hingerichtet hat. Die Folgen und die Proteste im schiitischen Iran waren absehbar. Dass Saudi-Arabien unmittelbar darauf die diplomatischen Beziehungen zum Iran abgebrochen hat, deutet eher auf eine geopolitische Interessenspolitik hin.

Nach der Ausweisung iranischer Diplomaten aus Saudi-Arabien hat der iranische Aussenminister Mohammed Dschawad Sarif Saudi-Arabien beschuldigt, den diplomatischen Streit zu nutzen, um die Friedensgespräche für Syrien «negativ zu beeinflussen». Eine Lösung im syrischen Bürgerkrieg erscheint in der Folge unwahrscheinlich – schlicht und einfach deswegen, weil er nicht im Interesse aller involvierten Kräfte ist. Damit dürfte auch der IS nicht so schnell Geschichte werden und weiter in der Region wüten, weil gewisse politische Herrscher ihre eigenen Machtansprüche als höheres Gut betrachten als die vielen tausend Menschenleben, die ihretwegen geopfert werden.

 

Grafik: Google Maps / Schweizerzeit