Studie kommt zum Schluss: NZZ berichtet einseitig und tendenziös

Geht es um internationale Themen, so gilt die NZZ als führende Schweizer Tageszeitung. Doch wie ausgewogen berichtet das Blatt über aktuelle geopolitische Konflikte? Das Fazit einer neuen Studie ist erschreckend.

Der Freitags-Kommentar vom 19. Februar 2016,
von Olivier Kessler, Chefredaktor «Schweizerzeit»

Eine kleine Gruppe politisch und publizistisch unabhängiger Schweizer Medienkonsumenten hat im Februar 2016 eine >> Studie mit dem Titel «Qualität der geopolitischen Berichterstattung in der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ)» veröffentlicht. Gemäss eigenen Angaben wurden die Autoren, die über einen akademischen Hintergrund verfügen, für ihre Studie weder finanziert noch beauftragt. In eigenem Namen wollen die Verfasser allerdings nicht auftreten. «Druck und Risiken wären zu gross», wie man auf Nachfrage der «Schweizerzeit» begründet.

Um was geht es in der brisanten Studie, die bislang weder von der NZZ selbst noch von anderen «Qualitätsmedien» aufgegriffen wurde? Die Studie überprüft, «wie objektiv und kritisch» die NZZ über geopolitische Konflikte berichtet. Untersucht wurden sämtliche NZZ-Beiträge vom April 2014 zur Ukraine-Krise sowie vom Oktober 2015 zum Syrienkrieg. Dies waren die jeweils ersten Kalendermonate nach Eskalation des Konflikts zwischen den beiden geopolitischen Akteuren USA/NATO und Russland. Am 21. März 2014 wurde die Krim durch Russland eingenommen. Am 30. September 2015 trat Russland in den Syrienkrieg ein.

Zehn Prinzipien der Kriegspropaganda

Die 133 NZZ-Beiträge, die sich auf genannte Themen bezogen (99 zur Ukraine-Krise, 34 zum Syrienkrieg), wurden Satz für Satz auf Kriegspropaganda überprüft. Anschliessend wurden die Propaganda-Botschaften in NATO-freundliche und NATO-kritische Propaganda unterteilt. Dazu nahm man das Ponsonby-Morelli-Modell zu Hilfe, welches zehn Prinzipien der Kriegspropaganda definiert, die folgendermassen lauten:

  1. Wir wollen keinen Krieg.
  2. Das feindliche Lager trägt die alleinige Schuld am Krieg.
  3. Der Feind hat dämonische Züge.
  4. Wir kämpfen für eine gute Sache und nicht für eigennützige Ziele.
  5. Der Feind begeht mit Absicht Grausamkeiten; bei uns ist es Versehen.
  6. Der Feind verwendet unerlaubte Waffen.
  7. Unsere Verluste sind gering, die des Gegners aber enorm.
  8. Unsere Sache wird von Künstlern und Intellektuellen unterstützt.
  9. Unsere Mission ist heilig.
  10. Wer unsere Berichterstattung in Zweifel zieht, ist ein Verräter.

In den 133 untersuchten NZZ-Artikeln befanden sich ingesamt 833 Kriegspropaganda Botschaften. Pro Artikel macht dies durchschnittlich 6,3 Botschaften. 739 Botschaften davon waren NATO-Propaganda, was 89% der gesamten Propaganda Botschaften entspricht. Nur gerade 11% der Propagandabotschaften waren NATO-kritisch.

Lediglich 11% aller NZZ-Beiträge enthielten keinerlei Kriegspropaganda. In nur 5% der untersuchten Artikel hielten sich NATO- und NATO-kritische Propaganda die Waage. In den restlichen 84% aller Beiträge wurde überwiegend NATO-Propaganda transportiert. In keinem einzigen Artikel überwog NATO-kritische Propaganda.

Im Dienste der NATO

Interessant ist auch die Analyse der Beiträge im Ressort «Meinung & Debatte»: 12 von 13 Beiträgen (92%) enthielten überwiegend NATO-Propaganda. Nur eine einzige Meinung war ausgewogen. Kein einziger Beitrag war überwiegend NATO-kritisch. Völlig zurecht schlussfolgern die Autoren der Studie: «Von einer grundsätzlichen ˂Debatte˃, wie der Ressorttitel suggeriert, kann … keine Rede sein.»

In der NATO-Propaganda der «NZZ» dominierten insbesondere die Prinzipien 3 («Der Feind hat dämonische Züge») und 5 («Das feindliche Lager trägt die alleinige Schuld am Krieg») mit einem Anteil von je 24%. Im ersten Fall ging es insbesondere um die Dämonisierung des russischen wie auch des syrischen Präsidenten. Im zweiten Fall wurden Russland und seinen Verbündeten pauschal die Schuld zugeschoben für den Ausbruch, die Eskalation und die Fortdauer der Krise. Am drittmeisten wurde Prinzip 4 angewendet («Wir kämpfen für eine gute Sache und nicht für eigennützige Ziele»). Betont wurde hier, dass die USA und die NATO für demokratisch-rechtsstaatliche Werte, das Völkerrecht, die Sicherheit (Ost-)Europas oder die Freiheit des syrischen Volkes kämpfe, und nicht etwa für eine Ausdehnung des eigenen Machtbereichs oder die Kontrolle von Ressourcen, wie dies der gegnerischen Konfliktpartei zugeschrieben wurde.

Propaganda wird immer nur auf russischer Seite vermutet

Ebenfalls wurde in besagter Studie untersucht, inwiefern NZZ-Autoren selbst von Propaganda sprachen und wo sie diese verorteten. 37 Mal wurde in 20 Artikeln von «Propaganda» oder «Propagandisten» gesprochen. In 86% dieser Fälle wurde Propaganda auf Seiten der Konfliktpartei Russland und Verbündete verortet, in 14% war die Nennung unbestimmt oder neutral, und kein einziges Mal wurde Propaganda auf Seiten der Konfliktpartei USA/NATO verortet.

Der NZZ darf zwar positiv angerechnet werden, dass sie sich wenigstens mit Propaganda von einer der Konfliktparteien, nämlich der russischen, intensiv und kritisch auseinandersetzt. Es ist jedoch bedenklich, dass die NZZ im Beobachtungszeitraum keinerlei Propaganda auf Seiten der Konfliktpartei USA/NATO verortete. Im Gegenteil sei sogar offensichtlich Fragwürdiges ungefiltert und unkritisch an die Leserschaft weitergereicht worden, wie die Studie zu bedenken gibt. Angesichts der zahlreichen dokumentierten Propaganda-Operationen dieser Konfliktpartei allein in den letzten zwei Jahrzehnten sei dies doch erstaunlich.

Tendenziöser Umgang mit Drittquellen

Auch die Ausrichtung der verwendeten Drittquellen und der Umgang mit diesen belegt eine tendenziöse Vorgehensweise der NZZ. 63% der von der NZZ verwendeten Drittquellen sind von ihrer grundsätzlichen Ausrichtung der Konfliktpartei NATO und Verbündete zuzuordnen, 15% der Konfliktpartei Russland und Verbündete. 9% wurden von den Autoren der Studie als neutral angesehen. 13% konnten nicht zugeordnet werden.

Es kommt dazu, dass Quellen, die von der Ausrichtung grundsätzlich der Konfliktpartei Russland und Verbündete zuzuordnen sind, von der NZZ meist klar als solche gekennzeichnet sind («regimetreu», «umstritten und besonders regimenah», «Staatsmedien» etc.). Bei Drittquellen, die NATO und Verbündeten zugeordnet werden können, fehle hingegen oftmals eine klare Angabe. Manchmal werde sogar vermeintliche Neutralität suggeriert: «Regime-kritische und oppositionelle Medien werden nicht als solche gekennzeichnet, die einschlägige Finanzierung von Organisationen wird nicht erwähnt». Auch werde oftmals neutral von «Terrorexperte» oder «Menschenrechtsorganisation» und dergleichen gesprochen, obwohl sie klar der Konfliktpartei NATO und Verbündete zugeordnet werden könnten.

Gründe für die Einseitigkeit der Berichterstattung

Die Studie sucht nach Erklärungen für die einseitige NATO/USA-Kriegspropaganda der NZZ. Kein plausibler Grund sei der Auflagendruck oder die Lesererwartung: «So erntete die NZZ für ihre geopolitische Berichterstattung teils massive Leserkritik, und die Auflagenzahlen sind zunehmend rückläufig».

Auch, dass sich die NZZ in ihren Statuten auf eine «freisinnig-demokratische Grundhaltung» verpflichte, damit mit dieser Grundhaltung primär die Konfliktpartei USA/NATO assoziiere und diese deshalb bei geopolitischen Konflikten publizistisch unterstützen möchte, sei nur ein bedingt überzeugender Erklärungsansatz: Die Konfliktpartei habe «in den vergangenen Jahrzehnten selbst vielfach und in eklatanter Weise gegen die statutarische Grundhaltung der NZZ verstossen (beispielsweise durch den Sturz demokratischer Regierungen und wiederholter Verletzung von Völker- und Menschenrechten).»

Plausibler erachten die Autoren der Studie folgende zwei Erklärungsansätze: Die Schweiz sei politisch offiziell zwar neutral, faktisch jedoch in vielerlei Hinsicht von der Konfliktpartei USA/NATO abhängig. Militärisch liege die Schweiz vollständig im Einflussgebiet der NATO und sei mit dieser in den 1990er Jahren eine Partnerschaft eingegangen. Da auch ökonomisch eine hohe Abhängigkeit von den NATO-Staaten bestehe, sei es denkbar, dass diese zu einer grundsätzlich wohlwollenden Berichterstattung der Konfliktpartei USA/NATO gegenüber führe, zumal gerade die NZZ und ihre Aktionäre die Schweizer Wirtschaft repräsentieren, die naturgemäss ein hohes Interesse an guten Beziehungen mit solch dominanten Partnern haben müsse.

Transatlantische Elite-Netzwerke

Ein weiterer plausibler Erklärungsansatz sei jener der Einbindung der NZZ-Journalisten in transatlantische Eliten-Netzwerke und Vereinigungen. Journalisten, die Mitglied in solchen Netzwerken sind, würden zumeist wohlgesinnt berichten und kommentieren, wenn sich die Konfliktpartei USA/NATO in geopolitischen Auseinandersetzungen befände. Es sei eine Tatsache, dass auch die Verleger und Chefredakteure der etablierten Schweizer «Qualitätsmedien» regelmässig an Konferenzen der transatlantischen Elite aus Politik, Militär und Wirtschaft teilnähmen, meist ohne dass sie darüber berichten. So wurden beispielsweise folgende Verleger und Chefredakteure an die jährlich stattfindenden Bilderberg-Konferenzen eingeladen: Michael Ringier (Verleger Ringier/Blick), Pietro Supino (Verleger Tamedia), Hugo Bütler (ehemaliger Chefredaktor NZZ), Markus Spillmann (ehemaliger Chefredaktor NZZ).

«Eigentlich wären solche Studien ja die Aufgabe unserer sehr kompetenten medienwissenschaftlichen Lehrstühle wie etwa dem Institut für Publizistikwissenschaften und Medienforschung (IPMZ UZH) oder dem Institut für Angewandte Medienwissenschaften (IAM ZHAW)», meint einer der Verfasser der Studie gegenüber der «Schweizerzeit». «Aber Sie suchen das dort vergeblich: ˂Zu politisch˃, und man ist halt auch auf die Aufträge von Branche und BAKOM angewiesen.»

Es bleibt zu hoffen, dass diese Institute ihrer Verantwortung gerecht werden und weitere Studien zur inhaltlichen Ausrichtung der Schweizer Medien erstellen werden. Insbesondere bei den staatsfinanzierten SRG-Sendern drängt sich eine solche Untersuchung auf.

 

Foto: flickr.com/Thomas