Manipulierte Zinsen: Brot für heute – Hunger für morgen
Schlechtes Geld

Von Frank Schäffler, MdB, und Norbert F. Tofall

Das ungedeckte Geld von heute ist unzuverlässiges, schlechtes Geld, weil es von den Zentralbanken und auch von den Geschäftsbanken, die vom Staat zum Zwecke der Geld- und Kredit-Schöpfung aus dem Nichts mit dem Teilreserveprivileg ausgestattet sind, in beliebiger Höhe vermehrt werden kann.

Ohne die Möglichkeit, Kredite durch Geldschöpfung aus dem Nichts aufzunehmen, wäre die ständige Expansion des Staates nicht realisierbar. Und Kredite, die nicht aus Ersparnissen bestehen, sondern aus Geldschöpfung, also aus schlechtem Geld, sind unser Problem: Investitionen, die durch Kredite finanziert werden, die nicht aus Erspartem bestehen, sondern aus Geldschöpfung, also aus schlechtem Geld, blähen unsere Wirtschaft künstlich und nur für eine bestimmte Zeit auf, was auch als «Bubble-Economy» (Blasen-Wirtschaft) bezeichnet wird.

Niedrigzinspolitik
Angeheizt wird diese Entwicklung durch die Niedrigzinspolitik der Zentralbanken. Ein Zinssatz, der Sparen und Investieren zur Übereinstimmung bringt, den Geldwert stabil hält und die Volkswirtschaft auf einem nachhaltigen Wachstumspfad hält, ist der natürliche Zins. Steigt der Geldzins über den natürlichen Zins, übersteigt das Sparen die Investitionen und die Wirtschaftsaktivität geht auf breiter Front bei sinkendem Preisniveau zurück.

Liegt der Geldzins, also der Zins für Kredite, unter dem natürlichen Zins, dann übersteigt die Investitionstätigkeit die Spartätigkeit, die gesamtwirtschaftliche Nachfrage steigt über die Produktionskapazität und die Volkswirtschaft wird von ihrem nachhaltigen Wachstumspfad gedrückt.

Investitionsblasen
Zu niedrige relative Preise für Kredite führen deshalb zu einem falschen Produktionsaufbau, also zu Investitionsblasen. Denn die künstlich niedrigen Zinsen führen dazu, dass auch Investitionen rentabel erscheinen, die unter dem natürlichen Zins nicht rentieren. Durch künstlich niedrige Zinsen wird den Entscheidungsträgern in den Unternehmen bei ihren Investitionsentscheidungen das Vorhandensein von Ressourcen vorgespiegelt, die in Wahrheit gar nicht existieren; denn das aus dem Nichts geschöpfte Geld ist nicht durch reale Ersparnisse gedeckt. Kurzfristig können durch diese Zinspolitik der Zentralbanken zwar durchaus befristet Arbeitsplätze geschaffen oder erhalten werden. Mittel- und langfristig wird sich jedoch herausstellen, dass die scheinbar rentablen Investitionen aufgrund der real nicht ausreichend vorhandenen Ressourcen, also der fehlenden realen Ersparnisse, unrentabel sind.

Die Arbeitslosigkeit wird aufgrund der vorab unterlassenen Anpassungsmassnahmen, die der natürliche Zins erzwungen hätte, die aber aufgrund des künstlich niedrigen Zinses unterblieben sind, in noch grösserem Masse ansteigen. Und das Wirtschaftswachstum wird aufgrund der unterlassenen Anpassungsmassnahmen noch weiter sinken.

Kreditexpansionspolitik
Friedrich August von Hayek (1899-1992), der für seine konjunkturpolitischen Analysen aus den 1920er- und 1930er-Jahren 1974 den Nobelpreis erhalten hat, fasste diese Tragödie in die Worte: «Brot für heute und Hunger für morgen.» Hayek, der die Weltfinanzkrise von 1929 vorausgesehen hatte, stellte 1928 ausserdem fest, dass die amerikanische Zentralbank «Federal Reserve» während der 1920er-Jahre mit Absicht eine massive Kreditexpansionspolitik zur Förderung des Wirtschaftswachstums durchgesetzt hatte.

Wenn man bedenkt, dass die heutige Finanz- und Wirtschaftskrise ebenfalls durch eine derartige Kreditexpansionspolitik der Federal Reserve entstanden ist, dann wundert man sich, dass die Vereinigten Staaten und viele andere G-20-Staaten zur Überwindung der derzeitigen Krise abermals eine derartige Kreditexpansionspolitik betreiben, die über künstlich niedrige Zinsen angefeuert wird. Man will eine Krise, die durch schlechtes Geld erzeugt worden ist, durch noch schlechteres Geld überwinden, obwohl die Folgen des schlechten Geldes überall beobachtet werden konnten.

Die massiven Auftragseinbrüche und der Rückgang der Investitionen sind die Folge der Zerstörung des weltweiten Preissystems durch schlechtes Geld.

Das geschwundene Vertrauen in das Tauschmittel Geld und die Zerstörung des globalen Preissystems durch schlechtes Geld hat zu einem Rückgang der wirtschaftlichen Kooperation geführt, d. h. zu einem Rückgang der individuellen direkten und indirekten Tauschhandlungen, so dass weltweit der gesellschaftliche Wohlstand gesunken ist. Und es verwundert nicht, dass gerade im Interbankenhandel das grösste Misstrauen herrscht. Die Geschäftsbanken wissen genau, dass man dem durch Geld- und Kreditschöpfung erzeugten schlechten Geld nicht trauen kann und dass das, was die Kollegen anbieten, genauso heisse Luft ist wie die eigenen Kredite.

Gutes Geld ist gefragt
Überwinden lässt sich diese Vertrauenskrise und nachhaltig anregen lässt sich die wirtschaftliche Kooperation deshalb nur durch gutes Geld. Aber selbst wenn Regierungen und Zentralbanken das Ziel haben sollten, im derzeitigen ungedeckten Papiergeldsystem und unter den Bedingungen des staatlichen Geldmonopols erstens gutes Geld zu schaffen und zweitens die von ihnen massgeblich beeinflussten Zinsen mit dem natürlichen Zins zur Deckung zu bringen, sind die hierzu notwendigen Aussagen über die Höhe des natürlichen Zinses aus erkenntnistheoretischen Gründen unmöglich und stellen eine gefährliche Anmassung von Wissen dar. Der natürliche Zins spiegelt die individuellen Präferenzen für individuelles Sparen und Investieren von Millionen, unter den Bedingungen der Globalisierung gar von Milliarden einzelner Menschen. Niemand kann diese individuellen Präferenzen kennen, widerspruchsfrei zusammenfassen und daraus den natürlichen Zins ableiten.

Wir brauchen deshalb eine Geldordnung, in der sich die Zentralbanken jeglicher Zinspolitik enthalten, so dass der natürliche Zins seine die Konjunktur und das Wachstum stabilisierende Wirkung entfalten kann. Zudem benötigen wir eine Geldordnung, in der sowohl den Zentralbanken als auch den Geschäftsbanken die Möglichkeit genommen oder zumindest beschränkt wird, Geld- und Kreditschöpfung zu betreiben und dadurch gutes Geld zu verschlechtern.

Frank Schäffler und Norbert F. Tofall

Dieser Schwerpunkt-Artikel entstammt dem bei Olzog, München, erschienenen Buch «Im Schatten der Finanzkrise». Es vereinigt, herausgegeben von Peter Altmiks, Wirtschaftswissenschafter im Liberalen Institut der Friedrich Naumann-Stiftung, Aufsätze und Essays verschiedener Autoren. Frank Schäffler ist Mitglied des Deutschen Bundestags und Obmann der FDP-Fraktion im Finanzausschuss. Norbert F. Tofall ist wissenschaftlicher Mitarbeiter von Frank Schäffler und Lehrbeauftragter der Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder.

Die «Schweizerzeit» dankt dem Olzog-Verlag für die freundliche Genehmigung des Teilabdrucks aus dem erwähnten Buch. Dieses liegt auf dem «Büchertisch» der heutigen Ausgabe auf (S.7) und kann dort auch bestellt werden.

06.03.2012, 00:00 von admin | 1082 Aufrufe