Mehr Praxisnähe ist gefordert

Der Lehrerberuf darf nicht bloss ein Sprungbrett sein
Mehr Praxisnähe ist gefordert

Von Urs Martin, Kantonsrat, Romanshorn TG

Angesichts der immer praxisferneren Lehrerausbildung von heute erstaunt es wenig, dass Männer sich eine in weltfremder Theorie schwelgende Ausbildungs-Tortur nicht antun und lieber eine Berufslehre anstreben. Der Lehrer – in der maskulinen Form – ist denn auch bald nur noch ein Fossil.

Zunehmende Feminisierung

Knaben fehlt es nicht zuletzt auch aufgrund zerrütteter Familienverhältnisse zunehmend an männlichen Orientierungspersonen. Sie werden von Frauen unterrichtet und entsprechend auch in Dingen gefördert, welche vor allem Frauen interessieren. Naturwissenschaft, Realien, Werken – diese einst traditionellen Unterrichtsfächer bleiben vermehrt auf der Strecke.

Da Mädchen im Primarschulalter oft stärker entwickelt sind, dominieren sie den Unterricht. In den vergangenen zwanzig Jahren hat sich der Anteil der Knaben auf Sekundarstufe I massiv reduziert, auf Gymnasialstufe noch stärker, ganz zu schweigen von der Hochschulstufe.

Die Defizite in der Lehrerausbildung haben also sogar indirekte Auswirkungen auf die mangelnde Attraktivität von naturwissenschaftlichen Studien. Ohne genügend Naturwissenschafter ist für die Schweiz volkswirtschaftliches Wachstum allerdings schwierig.

Nur ein Sprungbrett

Lehrerinnen bleiben für gewöhnlich nicht lange in ihrem Beruf. Viele nutzen die Pädagogische Ausbildung vor allem als Zwischenschritt für ein Studium – oder sie bekommen im volkswirtschaftlich günstigsten Falle Kinder. Bleiben sie länger im Lehrerberuf tätig, dann oft in einem Teilzeitpensum. Das wiederum führt dazu, dass Kinder im Schulzimmer mehr als nur eine Bezugsperson haben.

In gewissen Regionen bleiben Lehrkräfte Mangelware; diese müssen sich damit behelfen, dass sie ausgebildete Lehrkräfte aus unseren Nachbarländern in die Schweiz holen. Kaum eine taugliche Lösung.

Statt die Fehler der anderen Länder, die im Zuge der «Bologna-Reform» begangen worden sind, zu kopieren, sollte sich die Schweiz wieder auf ihre eigenen Stärken zurückbesinnen. Nicht Theorie und Bürokratie haben unser Land stark gemacht, vielmehr Leistung und Praxisbezug.

Mehr Praxisbezug

Die erzwungene Öffnung der Pädagogischen Hochschulen auch für Berufsmaturanden rüttelte offensichtlich am Selbstverständnis einzelner Vertreter der Pädagogischen Hochschulen, welche diese weit lieber mit noch mehr akademischem Brimborium anreichern würden, womit sie sich einen Platz auf gleicher Stufe mit Spitzen-Universitäten erträumen. So führte die neue Rektorin der Pädagogischen Hochschule Thurgau jüngst ihre Bilanz-Pressekonferenz nach hundert Tagen im Amt nicht etwa im eigenen Haus, sondern an der Universität Konstanz durch. Statt mehr Berufsnähe wird ein Masterstudiengang «Frühe Kindheit» gepriesen. Doch die Lehrer-Ausbildung braucht alles andere als akademische Meriten, sie braucht mehr Praxisbezug. Dass eine solche Ausrichtung der Lehrer-Ausbildung seitens der Bildungs-Bürokraten mit allen Mitteln verhindert werden möchte, ist klar. Mangelnde interkantonale Kompatibilität der Ausbildungen wird dabei gerne als Schein-Argument ins Feld geführt.

«Schuster, bleib bei deinen Leisten!» Dieses Motto muss auch für die Tätigkeit der Pädagogischen Hochschulen Geltung haben. Wir brauchen keine Lehrpersonen, die den Beruf nur wegen kurzfristig-monetärer Überlegungen wählen und nach zwei Jahren für immer verlassen, um auf Weltreise zu gehen. Genauso wenig brauchen wir Lehrpersonen, die ihren Job nur als Sprungbrett für ein Studium wählen.

Was wir brauchen sind mit den Anforderungen der heutigen Berufswelt vertraute Praktiker, auf dass die Sprachlastigkeit der Schule korrigiert wird und Kinder auch wieder Freude an den Naturwissenschaften entwickeln. Davon, dass diese Korrektur gelingt, hängt die wirtschaftliche Zukunft der Schweiz nicht unwesentlich ab.



17.05.2012, 00:00 von admin | 562 Aufrufe

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