Freiheit!

Über die Enteignung der Kindheit und die Verstaatlichung der Familie
Freiheit!

Eine Streitschrift von Norbert Blüm, ehemaliger Bundesarbeitsminister Deutschlands, Bonn

 Die Wissensgesellschaft gilt als der Inbegriff des Fortschritts. In der Wissensgesellschaft findet der Homo sapiens scheinbar sein Paradies.

Wissen wird in der Schule gelehrt. Die Schule ist die Kirche der Modernität, die Lehrer sind ihre Priester. Die Liturgie der neuen Religion ist der Unterricht, ihr Ritus das Curriculum. Schule ist die allein selig machende Erlösung aus der Dummheit des Menschengeschlechts: «extra scolam nulla salus» (zu Deutsch: «Ausserhalb der Schule gibt es kein Heil»).

So predigen es uns die Kardinäle der Wissensgesellschaft. Aber: Sie überschätzen die Kraft des Wissens, Probleme zu lösen. Die grossen Bedrohungen der Menschheit wie Krieg, Hunger und Umweltzerstörung sind nicht die Folge von Wissensdefiziten, sondern das Ergebnis des Mangels an Moral und gutem Willen. Wissen allein löst keine Probleme, zumal auch das Wissen keine Antwort auf alle Probleme hat. Selbst die exakteste unter allen exakten Wissenschaften, die Mathematik, kennt Aufgaben, die sie nicht lösen kann.

Schulmeister Praxis

Das neue schulische Unfehlbarkeitsdogma ist eine Anmassung, keine Beschreibung der pädagogischen Realität. Das meiste, was ich gelernt habe, habe ich nicht in der Schule gelernt. Reden und Singen, Arbeiten und Spielen, Essen und Trinken, Lieben und Trauern, all das beherrsche ich aufgrund ausserschulisch erworbener Kenntnisse und Fähigkeiten. Die Techniken guckte ich mir bei anderen ab, und das Verhalten ahmte ich von Vorbildern nach. Schreiben und Lesen und Rechnen sind dagegen wahrscheinlich stärker schulvermittelt. Obwohl bei Licht betrachtet selbst diese Kenntnisse mehr durch externe Nutzung als durch interne Schulung trainiert wurden. Die Praxis ist eben der bevorzugte Schulmeister des Lebens. Das wusste schon der alte Aristoteles.

So wie mir erging es vermutlich vielen Kindern. Meine erfolgreichsten Lehrer waren Mama und Papa, Oma, Opa, Tanten, Onkel, vor allem aber Freunde, Spielkameraden und -kumpane, Nachbarn, Cliquen. Auf der Strasse wurde mir mehr beigebracht als in den Klassenräumen, in denen ich – Gott sei Dank – nur Teile meiner Kindheit verbrachte.

Meinen stärksten Lernschub erhielt ich allerdings in der Werkzeugmacher-Lehre bei Opel; nicht in der dortigen Berufsschule, sondern an der Werkbank, und zwar durch meine Lehrgesellen, die sich von den schulischen Lehrern dadurch unterschieden, dass sie mir keine Lehrware lieferten, die ich entschlüsseln musste, sondern mir das Erlebnis ermöglichten, mit- und nachzumachen, was sie mir vorgemacht hatten. Das bezog sich sogar auf die theoretischen Teile meines angestrebten Berufes. Werkstoffkunde erfuhr ich beim Feilen, Sägen, Bohren, Hobeln, Schmieden nachhaltiger als an den Wandtafeln der Berufsschule.

Nicht ohne Grund hat der theoretische «Begriff» sein sprachliches Vorbild im An- und Umfassen, dem «Begreifen».

Die berufliche Lehre war für mich die Fortsetzung des familiären «Curriculums» mit anderen Mitteln, am anderen Ort, aber mit derselben Methode, nämlich Lernen im Ernstfall des Lebens.

Ganz anders waren meine schulischen Lernerlebnisse. Ihre Erfolge wurden abgepackt und mit Noten versehen. Die Lehrlingserfolge bestanden dagegen vor allem in der Erfahrung, dass das klappte, was ich mit anderen probierte, um es nachher zu produzieren. Freilich, die Theorie war nicht nutz- und sinnlos. Theorie begleitet die Praxis, geht ihr voran und erklärt, was nachher praktiziert wird. Theorie verkürzt das Ausprobieren, weil sie Umwege erspart und Abwege versperrt und sogar hie und da neue Wege öffnet.

Dreitausend Jahre lang hat das chinesische Mandarin-System Bildung und Eignungsprüfung institutionell und auch zeitlich streng voneinander getrennt. Wir aber knüpfen den Berufszugang weitgehend an benotete Schul- und Hochschulzertifikate. Ein Dampfkesselüberwacher hat möglicherweise in seinem Studium niemals etwas von den komplizierten Druckverhältnissen in komplizierten Dampfkesseln gehört, dafür aber ein Diplom erhalten. Das Diplom reicht. Es ist das berufliche Passepartout. Gott sei Dank hat sich die Lebenspraxis Wege gesucht, um das Zugangsmonopol des Diploms zu umgehen.

Verlust von Lehrmaterial

Lernen durch Erprobung verliert jedoch leicht sein Lehrmaterial in Zeiten, in denen die Produkte sich schnell abnutzen und fortwährend durch neue ersetzt werden. Erhaltung durch Wiederherstellung lohnt nicht mehr. Früher war die Reparatur eines defekten Motors auch ein Lernerlebnis für den Autoschlosser. «Gewusst, wo» war sowohl eine theoretische wie eine praktische Aufgabe. Heute wechselt er die Ersatzteile aus, die ihm ein Elektrogerät als defekt meldet, und ist vor allem Monteur.

«Ist es aber nötig und möglich, dass ein Kind alles lernt, was ein Erwachsener wissen muss?», fragte schon vor mehr als zwei Jahrhunderten der Philosoph und Pädagoge Jean-Jacques Rousseau. Die Aussichtslosigkeit eines solchen Versuchs hat sich verschärft.

In einer Gesellschaft, in der Wissen schnell veraltet, wirkt das Vorhaben, alles Wissen, das zukünftig gebraucht wird, in die kleinen Köpfe der Kinder zu trichtern, eigentlich wie der Versuch, Eis auf Vorrat in der Sahara zu lagern.

Die lebenslange Schulbank

Der Verlegenheit, dass das gestern Gelernte schon heute überlebt ist, versuchen sich die Schulexperten zu entziehen, indem sie unter dem Motto «Lebenslang lernen» sich anschicken, auch die Alten auf die Schulbank zu setzen. Das ganze Leben wird so zur Ganztagsschule. Die Rente schliesst sich dann nahtlos an die verlängerte Kindheit an. Die Verschulung des Lebens entspricht einer schleichenden Regression der Gesellschaft, in der alle länger leben, aber niemand mehr alt werden will. Die Gesellschaft flüchtet in die kindliche Idylle, um sich die Zumutungen der Wirklichkeit vom Hals zu halten. Die Utopie einer goldenen Kindheit verlangt nach einer lebenslangen pubertären schulischen Wohlfühlphase. Das ist gut für die Stellenpläne der Schulverwaltung, aber schlecht für ein erfahrungsreiches Leben, das seine Lösungen nicht aus einem Wissensspeicher entnimmt, sondern aus einem erlebnisreichen Fundus von erfahrungsgesättigten Grundeinstellungen, die man Bildung nennen könnte. Vielleicht ist Bildung das, was übrig bleibt, wenn man vergessen hat, was man gelernt hat. Also das Kondensat von Fakten, das diese überlebt.

Mein Verlangen, Neues zu erkunden und zu erfinden, ist jedenfalls eher durch die Herausforderungen des Lebens stimuliert und durch Lebenseinstellungen stabilisiert als durch ein mitgeschlepptes Schulpensum angetrieben worden. Die Wissbegier ist eher eine Einstellung, also Bildung, als eine Wissensmenge – also Besitz.

Der schulische Imperialismus

Die Schule entwickelt zusehends einen ehrgeizigen Expansionsdrang, für alles zuständig zu sein, was das Leben an Aufgaben den zukünftigen Erwachsenen abfordern könnte. Deshalb weitet sich der schulische Lehrplan ständig aus. Denn die moderne Schule traut sich anscheinend zu, die zukünftige Gesellschaft sowohl ab- als auch auszubilden. Für diese Anmassung muss sie freilich zuvor die ganze Kinderzeit beschlagnahmen.

Inzwischen ist die Schule nicht nur zuständig für ihre eigenen traditionellen Felder, sondern bietet zudem allerlei prophylaktische Lebenshilfen an wie etwa Verkehrserziehung, Ernährungskunde, Kochunterricht, Medienpädagogik, Kommunikationstechniken, Umweltschutz inklusive Entsorgungsfragen, Meditations- und Selbsterfahrungstraining, Verbraucherberatung, Integrationskurse, Erste Hilfe, Bastelei, Tourismusprojekte, Projekte je nach Vorliebe des Schulkollegiums. Die Schule saugt auf diese Weise alle Aktivitäten auf, die früher ausserhalb von ihr, nämlich in Familie, Vereinen und unter Freunden, initiiert wurden. So trocknet der Raum zwischen Individuum und Staat aus. In diesem Zwischenraum war aber von jeher der Widerstand gegen totalitäre Vereinnahmung lokalisiert, weshalb alle Diktatoren diese intermediären Widerstandsnester aus dem Weg zu räumen versuchten, um ihr Feld so zu planieren, dass es von der konturlosen Masse und deren Bewegungen besetzt werden konnte. In diesem Vorhaben unterschied sich Robespierre nicht von Hitler und Stalin.

Die Eliminierung gesellschaftlicher Eigenwilligkeiten wird jetzt von der Schule betrieben. Dazu bedarf es permanenter Lehrerkonferenzen, Meetings, Evaluierungen und Planungsausschüsse, welche die Strategie und Logistik der Einvernahme planen und die inzwischen mehr Lehrerzeit in Anspruch nehmen als die eigentliche Unterrichtszeit. Schliesslich muss das Netz geknotet werden, in welchem die Schule die Spinne ist.

Die moderne Schule versucht, für alles alle Antworten vorzuhalten. So wird die Schule am Ende ihrer Perfektionierung schliesslich einem aseptischen Brutkasten gleichen, in dem Küken ausgebrütet werden, um nach der schulischen Brutzeit als verbrauchsfertige und gebrauchsfähige Erwachsene ins Berufsleben abgeliefert zu werden.

Dabei befindet sich die Schule in einer merkwürdigen Zwitterstellung. Sie übernimmt einerseits von der Familie die letzten Reste der praktischen Lebensvorbereitung der Kinder, verlagert aber andererseits diese Aufgabe in ein lebensfernes theoretisches Trainingsgelände ohne Berührung mit dem Ernstfall, in dem die familiäre Erziehung einst ihr Heimspiel hatte. Die Schule ist deshalb nicht der Ersatz für die Familie, sondern ihr siegreicher Konkurrent.

Norbert Blüm

(Schluss in der nächstfolgenden «Schweizerzeit»)

Norbert Blüm war CDU-Arbeitsminister von 1982 bis 1998 in der Regierung von Bundeskanzler Helmut Kohl.

Der hier abgedruckte Aufsatz «Freiheit!» erregte, als er am 15. März 2012 bei «Zeit-online» erschien, grosses Aufsehen. Bundesarbeitsminister Norbert Blüm hat der «Schweizerzeit» das Nachdruck-Recht eingeräumt, wofür wir ihm herzlich danken. Heute erscheint der erste Teil seines Aufsatzes. Der zweite Teil folgt in der Ausgabe vom 6. Juli 2012. 


22.06.2012, 10:47 von admin | 675 Aufrufe

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