Brisant

Der aktuelle Freitags-Kommentar von der
«Schweizerzeit»-Redaktion vom 26. Februar 2010


Bundesrat auf der letzten Verteidigungslinie

Fakten und Unterstellungen zum Bankkundengeheimnis

Im Kampf um den Erhalt des Bankkundengeheimnisses kämpft der Bundesrat bereits auf der letzten Verteidigungslinie. Doch zumindest ein Mitglied der Landesregierung fällt dem Kollegium auch dort öffentlich in den Rücken.

Erst vor zwanzig Monaten hatte der Bundesrat das Bankkundengeheimnis noch als «nicht verhandelbar» deklariert. Grossmäulig stellte er damals in Aussicht, dass jeder, der es angreife, sich daran «die Zähne ausbeissen» werde.

Die Angriffe kamen. Sichtbare Gegenwehr fand kaum statt. Der Bundesrat brach ein, führte bloss halbherzige Rückzugsgefechte. Heute befindet er sich bereits auf der letzten Verteidigungslinie. Nur noch den grenzüberschreitenden automatischen Informations-Austausch zu Vermögensanlagen und Vermögensanlegern will er verhindern. Doch selbst zu dieser Position spricht der Bundesrat mit gespaltener Zunge: Finanzminister Hans-Rudolf Merz denktöffentlich darüber nach, was allenfalls als Gegengeschäft einzuhandeln sei, wenn dem systematischen Informations-Austausch doch zugestimmt würde. Und Eveline Widmer-Schlumpf durchbricht in persönlichem Husarenritt die Verteidigungslinie des Bundesrates, indem sie für die Schweiz die gleichen Bedingungen zum Bankgeheimnis fordert, wie sie der EU unter Druck zugestanden werden. In der EU aber ist der automatische Informationsaustausch beschlossene Sache.

Die Schweiz taumelt führungslos der nächsten schweren Krise entgegen. Und der Bundesrat scheut nicht davor zurück, seine schwächliche Nachgiebigkeit hinter offensichtlicher Desinformation der Öffentlichkeit zu tarnen.

Obrigkeitliche Desinformation

Der von den Medien breitgewalzten Hetze der Linken, wonach das Bankkundengeheimnis nur Verbrecherschutz sei, hat sich der Bundesrat fast vorbehaltlos angeschlossen – obwohl ihm die Tatsachenwidrigkeit dieser Unterstellung voll bewusst ist.

Der Anteil der Superreichen, welche flüssige Teile ihres Vermögens in der Schweiz verstecken wollen, dürfte in Tat und Wahrheit klein, allenfalls gar verschwindend klein sein. Sicherheit suchen in der Schweiz vielmehr Mittelständler, die Zeit ihres Lebens hart gearbeitet haben, jetzt aber die Früchte ihrer Leistung bedroht sehen. Die Schweiz mit ihrer bisher sprichwörtlichen politischen Stabilität werten sie als Hort der Eigentumsgarantie. Sicherung, nicht in erster Linie Gewinn ist ihr Ziel. Denn ihnen liegt die Familiengeschichte in den Knochen: Der Grossvater, der vor gut achtzig Jahren in der Hyperinflation sein gesamtes Vermögen verloren hat. Der Vater, der im Zweiten Weltkrieg, angezettelt von einem Verbrecher-Regime, um Hab und Gut gekommen ist. Die Nachkriegs-Phase von Aufbau und Wohlstand, genährt vom Fleiss der damaligen Leistungsträger, ist längst zuende. Spätestens seit der Finanzkrise prägt uferlose Staatsverschuldung dieöffentlichen Haushalte. Staatsverschuldung als Folge der Rettung der in masslosen Spekulationsgeschäften verkommenen Banken. Staatsverschuldung heisst: Die Milliardenschulden werden den Steuerzahlern aufgebürdet. Wurden diese zuvor befragt?

Ist der ein Verbrecher, der vor dieser von keinem Gesetz gerechtfertigtenSchuldenübertragung Teile seines ehrlich erworbenen Vermögens im als sicher eingestuften Ausland in Sicherheit zu bringen versucht?

Obrigkeitliche Täuschung

Muss sich der Bürger, dem die Verfassung eigentlich Eigentumsgarantie gewährleistet, zum Verbrecher stempeln lassen, wenn er sich vor der Verschuldungspolitik verantwortungsloser Regierungen schützen will? Gibt es gegenüber obrigkeitlichem Zugriff auf privates Vermögen kein Widerstandsrecht?

Bedrohlich ist die Lage der Europäischen Union: Das Experiment, Volkswirtschaften von völlig ungleicher Kraft ins Korsett einer vereinheitlichten Währung zu zwingen, wurde ausnahmslos an der Bevölkerung vorbei von Funktionären und Regierungen durchgesetzt. Jetzt droht dem von oben diktierten Konstrukt der Zerfall – was die ehrlich ersparten Vermögen unzähliger Leistungsträger in allen EU-Ländern in ihrer Substanz bedroht. Ist es verbrecherisch, Teile des eigenen Vermögens vor den unabsehbaren Folgen des zu befürchtenden Kollapses des Euro-Konstrukts retten zu wollen? Sind nicht diejenigen die Verbrecher, die dieses Konstrukt an den Bürgern vorbei erzwungen haben?

Damit nicht genug: Bereits liebäugeln staatliche Finanzfunktionäre mit «Schuldentilgung durch bewusste Inflationspolitik». Der Internationale Währungsfonds (IWF) formuliert als «verbindliche Empfehlung» an alle Staaten das generelle Ziel, eine Jahresinflation von sechs Prozent anzustreben. Der Bürger und Steuerzahler muss dies ohnmächtig hinnehmen. Was heisst denn «sechsprozentige Inflation»? Eine Geldentwertung von jährlich sechs Prozent, das bedeutet: Das Vermögen jedes ehrlichen Sparers wird innert zwölf Jahren halbiert. Wer heute an der Pensionierungsgrenze steht, fürs Alter einiges angespart hat und eine Lebenserwartung von noch rund fünfundzwanzig Jahren hat – der muss zur Kenntnis nehmen, dass die staatliche, von ihm unbeeinflussbare Geldentwertungspolitik sein Vermögen bis zu seinem Lebensende auf rund einen Viertel seines heutigen Wertes dezimiert.

Muss sich derjenige als «kriminell» beschimpfen lassen, der sein Vermögen vor derart verbrecherischer Geldentwertungspolitik schützen will? Wobei als masslose Ankläger ausgerechnet jene auftreten, die dem Bürger dessen Vermögen schlicht und einfach rauben wollen!

Obrigkeitliche Geldgier

Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf führt in der Schweiz den obrigkeitlichen Raubzug auf die Vermögen der Bürger an. Sie fällt dem Bundesrat bei dessen ohnehin schwächlicher Verteidigung des Bankkundengeheimnisses in den Rücken und fordert, dass, was in neuen Doppelbesteuerungs-Abkommen dem Ausland in Sachen angeblicher Steuerhinterziehung zugestanden werde, auch in der Schweiz gültig werden müsse. Sie behauptet zwar, bloss «grosse Hinterziehungs-Beträge» ins Visier zu nehmen, unterlässt aber wohlweislich jede genaue Definition des Begriffes «gross». In den vom Bundesrat bereits ausgehandelten, vom Parlament aber noch nicht genehmigten Doppelbesteuerungs-Abkommen findet sich der Klartext zum noch verschleierten bundesrätlichen Vorhaben. In diesen Abkommen wird Steuerhinterziehung ab tausend Franken bereits zum «kriminellen Delikt».

Wenn eine Patin oder ein Götti dem Patenkind bei dessen Geburt ein Konto von zum Beispiel fünftausend Franken eröffnet, angelegt mit dem Vorhaben, diesen Betrag samt Zins und Zinseszinsen dem Kind zu seinem zwanzigsten Geburtstag zu übergeben, wenn Patin oder Pate aber vergessen, dieses geplante Geschenk bis zu dessen Überreichung als eigenes Vermögen zu versteuern, dann befinden sie sich gemäss diesen Abkommen bereits im Bereich einer Strafbaren, per Strafverfolgung zu ahndenden Handlung. Nicht die Milliardäre, vielmehr alle Göttis, alle Gotten, alle Grosseltern, überhaupt alle Bürgerinnen und Bürger nimmt Widmer-Schlumpf ins Visier, weil sie – genau wie Steinbrück, genau wie Eichel, genau wie Schäuble, genau wie Merkel, die allesamt in die Milliardenverschuldung ihrer Staaten zutiefst verstrickt sind – den «gläsernen Bürger» will, also den uneingeschränkten Zugriff auf die Vermögen aller Bürger.

Obrigkeitliche Steuerzahler-Ausbeutung

Sichtbar wird auch, dass die Banken, die dem Bundesrat für seine völlig diffuse «Strategie» lebhaft applaudieren, dem zur Ausbeutung freigegebenen Steuerzahler keine Hilfe bieten. Deutlich zeigt sich: Wird das Bankkundengeheimnis abgeschafft, dann trifft das nicht die Banken. Es trifft die Bürger, die Steuerzahler. Fällt die vom Bankkundengeheimnis gesicherte Privatsphäre, ist der Bürger schutzlos dem Zugriff der Funktionäre auf sein Vermögen ausgeliefert.

Was die Schweizer Öffentlichkeit angesichts der beunruhigenden Schwäche des Bundesrats derzeit erlebt, ist der galoppierende Ausverkauf jener grundlegenden Wertvorstellungen, die den Sonderfall Schweiz bis heute zementiert haben. Es ist die nach Brüssel strebende Mehrheit in Bundesrat und Parlament, die in der Verteidigung dieses Sonderfalls versagt. Bewusst versagt! Eine beunruhigende Koalition ausverkaufswilliger Linker mit der völlig desorientierten Mitte befürwortet die Unterminierung aller Pfeiler des Sonderfalls Schweiz, die unserem Land nicht nur Freiheit, vielmehr auch einzigartigen Wohlstand gesichert haben. Opferung der Privatsphäre, Opferung der staatlichen Selbständigkeit, Opferung der Bürgerfreiheit, schrankenlose Diffamierung jener, die sich gegen die Aushöhlung der Direkten Demokratie wehren – das sind die Symptome des von Mitte-Links zu verantwortenden Niedergangs der Schweiz. Die seit Jahren nach Brüssel Schielenden erhoffen sich offenbar, dass die Schweizerinnen und Schweizer sich dann erst in die EU treiben lassen, wenn das Land seiner Freiheit, seiner Selbständigkeit und seines Wohlstands beraubt ist.

Solange die Mehrheitsverhältnisse in Bundesrat und Parlament nicht ändern, kann die Erodierung der schweizerischen Eigenständigkeit nur vom Souverän, nur vom Volk gestoppt werden.

Ulrich Schlüer

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