Der
aktuelle Freitags-Kommentar von der «Schweizerzeit»-Redaktion
vom 27. Februar 2009
Alarmierende Milliarden-Ausstände in Osteuropa
Weitere Leichen im Keller
Von Ulrich Schlüer, Chefredaktor «Schweizerzeit»
Im Abstimmungskampf zur Personenfreizügigkeit wurden den Stimmbürgern die Länder Osteuropas von Bund und Wirtschaft einhellig als interessante, attraktive Wachstumsmärkte propagiert.
Die tatsächliche Lage der osteuropäischen Länder erweist sich jetzt, nach der Abstimmung, als deutlich anders, als markant schlechter als das angebliche Sachverständige im Abstimmungskampf wahrhaben wollten. Das Wachstum dort ist auf Schuldentürme gebaut. Und die Schuldentürme brechen zusammen.
Wachstum auf Schulden gebaut
Ausgeblendet wurde schon im Abstimmungskampf, dass seit dem Beitritt der Ostländer zur EU massive Kohäsionszahlungen als Osthilfe in diese EU-Neumitglieder geflossen sind. Auch die Schweiz musste dazu bekanntlich ihre Ostmilliarde beisteuern. Diese Zahlungen, die tatsächlich ein nicht unbedeutendes Bestellungsvolumen auslösten, haben die Öffentlichkeit indessen über die wahre Wirtschaftskraft der Ostländer getäuscht.
Kürzlich hat die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) mit Sitz in Basel präzise Zahlen publiziert über den Stand der Guthaben aller Euro-Länder sowie Schwedens, Grossbritanniens und der Schweiz gegenüber den EU-Ostländern sowie Russland und der Türkei. Die Zahlen dokumentieren den Zustand am Ende des dritten Quartals 2008 - also noch vor dem Ausbruch der eigentlichen, schweren Weltwirtschaftskrise wenige Wochen später. Interessant sind die BIZ-Zahlen, weil sie nicht bloss die Guthaben von Banken aus westlichen Ländern ausweisen. Sie enthalten zusätzlich eine Schätzung über die Verluste, die aus den Guthaben mangels Zahlungsfähigkeit der osteuropäischen Schuldenländer resultieren dürften. Die Resultate dieser BIZ-Berechnungen beunruhigen zweifellos auch die international tätigen Schweizer Banken erheblich.
Exorbitante Ausstände
Per 30. September 2008 betrugen die Ausstände der westeuropäischen Banken bei den erwähnten Ostländern insgesamt 1'250 Milliarden US-Dollar. Die höchsten Ausstände verzeichnen österreichische, deutsche und italienische Banken. Für Österreich ist die Situation am gefährlichsten, entsprechen die österreichischen Ausstände von rund 275 Milliarden Dollar doch einem Anteil von nicht weniger als 65 Prozent am Bruttoinlandprodukt von Österreich Schwedische Banken beziffern ihre Ausstände auf rund 105 Milliarden Dollar, was zwanzig Prozent des schwedischen Bruttoinlandprodukts entspricht. Aber auch Schweizer Banken verzeichneten Ende September 2008 Ausstände von rund sechzig Milliarden Dollar - das entspricht zwölf Prozent des schweizerischen Bruttoinlandprodukts.Massiver Abschreibungsbedarf
Alarmierend sind die BIZ-Schätzungen zum Ausmass der voraussichtlich nicht mehr einbringbaren Ausstände, deren Abschreibung durch die kreditgebenden Banken zwingend werden dürfte. Den österreichischen Banken sagt die BIZ ein Abschreibe-Volumen von sage und schreibe 50 Milliarden Dollar voraus, den Euro-Ländern insgesamt ein solches von 220 Milliarden. Schweden müsse mit Ausfällen von 29 Milliarden Dollar rechnen, die Schweizer Banken mit Abschreibungen von immerhin 15 Milliarden Dollar.
Im Klartext: Zusätzlich zu den bereits wegen maroder US-Papiere erforderlich gewordenen Mammut-Abschreibungen insbesondere der Grossbanken, welche die UBS ohne Staatshilfe in den Konkurs getrieben hätten, dürften die international tätigen Schweizer Banken weitere 15 Milliarden US-Dollar Verlust gewärtigen müssen aus schlechten Geschäften mit osteuropäischen Staaten - vor allem auch mit solchen Staaten, welche Bundesrat und Wirtschaft den Stimmbürgern vor wenigen Wochen noch als attraktive Wachstumsmärkte «verkauft» haben.
Düstere Aussichten
Sicher: Angesichts des Volumens an Abschreibungen, die aus Spekulationsgeschäften mit maroden US-Papieren nötig wurden, nehmen sich die 15 Zusatzmilliarden, welche osteuropäische Schuldenländer den Schweizer Banken voraussichtlich einbrocken werden, fast bescheiden aus. Aber der zusätzliche Abschreibe-Bedarf trifft ein Schweizer Bankensystem, das bereits erheblich geschwächt ist. Und er resultiert aus uneinbringbaren Schulden, die allein aus Osteuropa anfallen. Auch aus andern Weltregionen werden bekanntlich schwere Wirtschaftseinbrüche gemeldet. Auch diese werden Schweizer Banken treffen.
Der Höhepunkt der Verschuldungskrise ist noch längst nicht erreicht.
Ulrich Schlüer