Der
aktuelle Freitags-Kommentar von der «Schweizerzeit»-Redaktion
vom 13. Februar 2009
Seeräuber-Romantiker und organisierte Kriminalität
Eskalation im Golf von Aden
Von Ulrich Schlüer, Chefredaktor «Schweizerzeit»
Die Schweizer Aussenministerin und der Schweizer Sozialminister - die sich beide noch nie ernsthaft mit militärischen Fragen befasst haben - wollen Schweizer Soldaten als Seeräuberjäger in den Golf von Aden entsenden.
Man fragt sich, ob sich diese beiden Seeräuberjagd-Romantiker überhaupt je ernsthaft mit den Vorgängen im Golf von Aden befasst haben.
Cyber War
Die dortige Auseinandersetzung hat soeben eine neue Eskalationsstufe erklommen. Im Golf von Aden finden Operationen statt, die dem Cyber War zugehören: Angriff auf gegnerische Informations-Netzwerke sind von Erfolg gekrönt.
Ende Januar wurde der deutsche Tanker «Longchamp» von somalischen Piraten auf eine Art und Weise erobert, die alarmieren muss. Eigentlich hätte dieses deutsche Schiff in einem von einem deutschen Kriegsschiff begleiteten Konvoi das Gefahrengebiet passieren sollen. Die «Longchamp» traf indessen mehrere Stunden zu spät am Sammelpunkt ein. Die Hamburger Reederei der «Longchamp» gibt an, dass der deutsche Tanker danach von einem indischen Kriegsschiff begleitet wurde. Der Tanker stand dabei in ständiger elektronischer Verbindung mit dem maritimen Sicherheitscenter der Europäischen Union (MSCHOA). Er befolgte dessen Fahr- und Routenanweisungen genau.
Offensichtlich gelang es den Piraten (oder eher: ihren Verbündeten in Europa) indessen, in dieses geschützte EU-Nachrichtensystem einzudringen. Der ahnungslose Kapitän folgte allen Anweisungen seines elektronischen Systems - ohne zu realisieren, dass sich die Verbündeten der Piraten dieses Systems bemächtigt hatten und das Schiff den Piraten direkt in die Arme leiteten.
Verarmte Fischer?
Einigen mag darob dämmern, dass es sich bei den vor der Küste Somalias operierenden Piraten kaum bloss um verarmte, ungebildete, ehemalige Fischer handeln kann, Opfer der von internationalen Fischerei-Flotten weitgehend ausgefischten Fanggebiete. Bei den «armen Fischern» handelt es sich um modernst ausgerüstete Stosstrupps, die Kriegstechniken nutzen, die selbst vielen modernen Armeen noch fehlen. Ihr erfolgreiches Eindringen ins elektronische Abwehrsystem der EU verleiht dem Kampf dieser Seeräuber eine neue Dimension. London, Berlin, Paris und Brüssel sind höchst beunruhigt. Nach Bern scheinen die alarmierenden Neuigkeiten bislang nicht durchgedrungen zu sein.Ob solcher Kriegstechnik mit dreissig Grenadieren aus der Schweiz beizukommen ist? Eine Frage, die im Interesse des Landes nicht bloss ahnungslose Phantasten im schweizerischen Bundesrat beantworten sollten.
Weltweit organisierte Kriminalität
Vor Somalia inszenieren nicht ein paar verarmte Fischer einige Husarenstücke auf See. Hinter dem Geschehen steckt Planung. Planung, die ein weltweit funktionierendes Netzwerk vermuten lässt. Das Eindringen der Piraten ins elektronische EU-Abwehrnetzwerk dürfte ohne massive Bestechung nicht möglich geworden sein. Wo sitzen die Bestecher? Wer liess sich bestechen? Die Köpfe der Operationen werden in London und Dubai vermutet. Die spektakuläre Seeräuberei vor Somalia ist Teil eines nahezu weltumspannend aufgezogenen Netzwerks organisierter Kriminalität.
Eskalationsgefahr
Die Fortsetzung wird bestimmt von den Gesetzesmässigkeiten des Krieges: Die von Blitz-Erfolgen träumenden EU-Interventionisten sehen sich in ihren Erwartungen getäuscht. Also muss das Engagement ausgeweitet werden. Die Piraten ziehen nach, investieren in offensichtlich effiziente elektronische Ausrüstung - wie die Eroberung der «Longchamp» bewiesen hat. Inzwischen scheinen die Piraten - auch da wird massive Bestechung im Spiel sein - über die Fracht eines jeden Schiffes bestens im Bild zu sein, was ihnen erlaubt, sich auf jene Schiffe zu konzentrieren, die hohes Lösegeld versprechen. Die EU will mit zusätzlichen Schiffen das Geleitschutz-System in der Region des Golfs von Aden ausbauen. Die Piraten investieren derweil in Mutterschiffe und Schnellboote, die ihnen erfolgreiches Operieren auch Hunderte von Kilometern von der Küste entfernt erlauben.
Die EU hält vorläufig daran fest, dass die «Operation Atalanta» zum Schutz der Wasserstrassen vor somalischen Seeräubern erfolgreich verlaufe. Aber der Ruf nach Ausweitung dieser Operation insbesondere auf jene Küstengebiete, von denen aus die Seeräuber operieren, wird lauter. Militärs erheben Forderungen nach militärischer Besetzung der Küsten beidseits des Golfs von Aden sowie der gesamten Küste Somalias. Die EU müsste Somalia damit faktisch zur militärisch besetzten Kolonie machen. Weil längs dieser Küsten schon heute Zehntausende von der «Seeräuber-Industrie» leben, dürfte solche Besetzung kaum zum Spaziergang - vielleicht aber zu einem Albtraum ohne Ende werden . . .
Gut beraten ist, wer die unweigerlich eintretende Eskalation der Kriegshandlungen im Golf von Aden bereits ins Auge fasst, bevor er kopflos Truppen «für einen kurzen, energischen Polizeieinsatz» ins Seeräubergebiet entsendet. Er könnte in einen Strudel rasch eskalierender Entwicklungen gerissen werden, aus welchen rasches Entrinnen kaum mehr möglich wäre.
Ulrich Schlüer
«Atalanta»
Die EU hat ihrer Flottenoperation im Golf von Aden den Namen «Atalanta» gegeben. Der im aargauischen Windisch wohnhafte Historiker Jürg Stüssi-Lauterburg ist der Frage nach der Bedeutung des Namens «Atalanta» nachgegangen:
«Atalanta ist der Code-Name einer Seekriegsoperation vor der somalischen Küste. Auf Beschluss der Aussenminister der Europäischen Union bekämpfen seit dem Dezember des vergangenen Jahres Seestreitkräfte Grossbritanniens, Griechenlands, der Niederlande, Frankreichs, Deutschlands, Spaniens und Belgiens diverse Piraten. Der britische Aussenminister David Milliband hat am 19. November 2008 davon gesprochen, ‹die Piraterie zu erschüttern und diese Geissel am Kragen zu packen› (‹disrupt and to tackle the scourge of piracy›).
Man gönnt jedem ehrlichen Seemann jeden Erfolg gegen die Feinde des Menschengeschlechts und so lässt sich der Operation wirklich nur Gutes wünschen.
Die Wahl des Namens ‹Atalanta› ist allerdings mehr als ambivalent. Man beleidigt nämlich, in der griechischen Sage, die Götter nicht ungestraft, die Göttinnen erst recht nicht. Artemis, ohne das ihr geschuldete Opfer geblieben, schickte König Oineus einen furchtbaren Eber, der alles zerstörte, was ihm in den Weg kam. Dieses Wildschwein zu jagen fand sich eine illustre Jagdgesellschaft zusammen, darunter auch Atalanta oder Atalante, eine jungfräuliche Jägerin, welche als erste die Bestie verwunden konnte, bevor sie der Königssohn Meleager erlegte. So weit, so gut.
Allein, die beleidigte Artemis war noch immer nicht gerächt, stiftete Unfrieden und Streit unter den Jägern und ihren Verwandten. Meleager und andere kamen dabei um. Atalanta heiratete zwar später, aber ihre Ehe fand ein böses Ende: ein beleidigter Gott oder eine Göttin verwandelte das Paar in Löwen.
Den Namen Atalanta hätten die Verantwortlichen also wohl tatsächlich besser vermieden, wenngleich das Treffen des Ziels - und getroffen hat Atalanta - einem Schweizer immer besonders sympathisch sein wird!»
Jürg Stüssi-Lauterburg
http://www.quardian.co.uk/world/2008/nov/19/piracy-somalia-eu-operation-atalanta,
nachgeschlagen am 10. Januar 2009.