Brisant

Der aktuelle Freitags-Kommentar von der «Schweizerzeit»-Redaktion vom 9. Januar 2009

Finanzkrise beschleunigt fundamentalen Wandel
Das Gesicht des 21. Jahrhunderts

Von Ulrich Schlüer, Chefredaktor «Schweizerzeit»

Die Welt erlebt die Globalisierung erstmals im Rahmen einer weltweiten Rezession. Klammern sich die europäischen Staaten noch an die Hoffnung, die Krise werde nur von kurzer Dauer sein, so verstärkt sich in den USA der Eindruck, dass sich die Kräfteverhältnisse auf dem Erdball grundlegend verändern.

Dazu wurden in den vergangenen Wochen in den USA mehrere interessante Studien veröffentlicht. In Europa hat darüber eigentlich nur «Spiegel online» berichtet. Die Studien befassen sich einerseits mit der zukünftigen weltpolitischen Rolle der USA, andererseits mit sich verschärfender terroristischer Bedrohung. Beides finde statt auf dem Hintergrund sich besorgniserregend ankündigender Ressourcen-Verknappung. Wasserknappheit, Nahrungsmittelknappheit, Energieknappheit: Diese drei Tatsachen würden die politische Agenda sämtlicher Staaten dieser Welt zunehmend bestimmen.

Das Ende des amerikanischen Zeitalters

Die Epoche, da die USA allein als Ordnungsmacht das Geschehen auf der Welt weitgehend bestimmen konnten, ist gemäss diesen US-Studien vorbei. Mit dem fortschreitenden Zerfall des Dollars verlöre Amerika die Position der klar führenden Weltmacht. Eine multipolare Weltordnung werde die Dominanz der USA schon in naher Zukunft ablösen. China und Indien besässen das wirtschaftliche Potential, mit den USA - Auslöser und Hauptopfer der gegenwärtigen schweren Finanzkrise - schon bald gleichzuziehen. Der Iran, die Türkei und Indonesien dürften - dies erwarten vor allem die US-Nachrichtendienste - an politischem Einfluss markant gewinnen - als in ihrem Umkreis führende Regionalmächte. In den zu erwartenden Auseinandersetzungen um die Nutzung der Ressourcen Wasser, Nahrung und Energie dürften diese sechs Mächte das Geschehen am stärksten prägen - ob die Auseinandersetzungen am Verhandlungstisch oder mit robusteren Mitteln geführt werden.

Aufschlussreich oder - je nach Blickwinkel - alarmierend: Zwei bisher stets als sehr wichtig eingestufte Mächte fehlen in der amerikanischen Rangordnung tonangebender Kräfte: Die Europäische Union und Russland.

Russland vor grossen Problemen

Dem Entwicklungspotential Russlands widmen die amerikanischen Studien besondere Aufmerksamkeit. Einerseits sei Russlands Ausgangsposition als eigentliche Rohstoff-Schatzkammer vielversprechend. Dennoch lauten die Prognosen pessimistisch: Weil Russlands Behörden als unfähig eingestuft werden, der sich landesweit stetig ausbreitenden Kriminalität einerseits, die sich immer tiefer ins russische System einfressende Korruption andererseits in den Griff zu bekommen. Die ihre Investitionen in grossem Stil mit Kredit finanzierenden russischen «Obligarchen» werden - verstärkt angesichts des dramatisch sinkenden Ölpreises - als Hauptopfer der weltweiten Finanzkrise identifiziert. Russland würde angesichts ihrer Probleme um Jahre, wenn nicht Jahrzehnte zurückgeworfen. Überlagert würden diese negativen Entwicklungen durch die Folgen der Islamisierung, die in Russland besonders dramatisch verlaufe, weil Russlands wichtigste Bevölkerungsgruppen dieser Entwicklung einerseits hilf- und konzeptlos, anderseits aber zunehmend gewaltbereit gegenüberstünden.

Russlands Islamisierung ist eine Folge gegenläufiger demographischer Entwicklungen. Dem ausgeprägten Kinderreichtum der muslimischen Völker im Südgürtel Russlands steht eine eigentliche Nachwuchs-Verweigerung der christlichen Russen entgegen. Die Zeit, da die Bevölkerung Russlands mehrheitlich muslimisch sei, sei nicht mehr allzu fern. Der Wandel in Russlands Bevölkerungsstruktur vollziehe sich allerdings alles andere als harmonisch. Russlands Entwicklungspotential sei darob ernsthaften Bedrohungen ausgesetzt.

Waffen immer leichter erhältlich

In den der Welt bevorstehenden, zunehmend spannungsgeladenen Epochen würde, so die amerikanische Studie, der Zugang zu Waffen allgemein eher erleichtert - für staatliche wie für nichtstaatliche Akteure. Die Gewalttätigkeit von Auseinandersetzungen dürfte generell also deutlich zunehmen. Die USA, von den gleichzeitig zu bewältigenden Militäreinsätzen im Irak und in Afghanistan schon heute überfordert, würden die Rolle des «Weltpolizisten» nicht mehr lange aufrecht erhalten können. Zumal der finanzielle Aufwand der US-Regierung zur Rettung amerikanischer Banken und Industriekonzerne die Mittel für Übersee-Interventionen deutlich einschränken werden.

Verschiebung des Reichtums

Die Europäische Union findet in den US-Studien eigentlich nur Erwähnung im Rahmen der zu erwartenden markanten Verschiebung des Reichtums auf dieser Welt von West nach Ost. Den USA und den dem Bürokratismus immer stärker verfallenden europäischen Staaten stünden schmerzliche Einbussen zulasten der stärker am Wettbewerb orientierten Fernost-Staaten bevor. Im weiteren erwarten die US-Nachrichtendienste, dass sich der Raubbau an der Souveränität der Staaten durch internationale Organisationen weltweit fortsetzen werde. Demokratisch nicht legitimierte NGOs (Nicht-Regierungs-Organisationen) würden an Einfluss- und Druckpotential gewinnen. Die Staaten - mit ihnen die demokratisch geschaffenen Staatsordnungen - würden zunehmend in die Defensive geraten. Wenig erfreuliche Aussichten für Freiheit, Selbstbestimmung, staatliches Gewaltmonopol und öffentliche Ordnung.

Angesichts der durch Wasser-, Energie- und Nahrungsmittelknappheit weltweit zunehmenden Spannungen und dem gleichzeitig leichter werdenden Zugang zu Waffen (nicht nur für Staaten) sei weltweit mit wachsender Unruhe zu rechnen. Der Appetit mehrerer Staaten auf territoriale Expansion könnte unter den gegebenen Voraussetzungen durchaus zunehmen. Rivalitäten dürften häufiger als in der Vergangenheit mit militärischen Mitteln ausgetragen werden. Auseinandersetzungen, wie sie im neunzehnten Jahrhundert vor allem in Europa stattgefunden haben, könnten sich im weltweiten Rahmen - ausgetragen mit moderneren Mitteln - durchaus wiederholen.

Zunehmende Terror-Gefahr

Zunehmende Gefahr gehe vor allem von neuen, mit Terrormethoden operierenden Kräften aus. Spezialisten der US-Geheimdienste präsentierten kürzlich dem amerikanischen Kongress in Washington Erkenntnisse, die von intensiven Bemühungen mehrerer terroristischer Organisationen zeugen, sich äusserst gefährliche biologische Waffen dienstbar zu machen: Bakterien (Anthrax), Viren (Ebola/Pocken) und Gift (Rizin). Im Moment seien solche Mittel und Methoden noch nicht einsatzreif. Bereits in fünf Jahren dürfte es anders sein. Doch kein Land der Erde, so die US-Spezialisten, treffe sichtbare Vorkehren gegen die Gefahren, welche von den äusserst gefährlichen biologischen Kampfmitteln ausgingen.

Das Zentrum des Terrorismus lokalisieren die US-Geheimdienste weiterhin in Pakistan, dessen zunehmende Destabilisierung einen idealen Nährboden für Terrororganisationen abgebe, denen beizukommen das pakistanische Regime schlicht zu schwach sei. Schwere Anschläge solcher Organisationen seien bereits innerhalb der nächsten fünf Jahre denkbar, zumal die schwere Finanzkrise die Labilität der Weltlage verstärkt, die Macht- und Reichtumsverschiebung von West nach Ost beschleunigt habe.

Und die Schweiz?

Was bedeutet dies alles für den Kleinstaat Schweiz? Höchste Vorsicht müsste angezeigt sein, sich nicht in Konflikte, deren Ausmass und Eskalationsgefahr nie absehbar ist, mutwillig oder unvorsichtig hineinziehen zu lassen. Die Politik strikter Neutralität, also strikter Nicht-Einmischung und Nicht-Parteinahme, dürfte für die Existenzsicherung des Kleinstaats Schweiz ebenso ausschlaggebend bleiben wie die Fähigkeit, sich gegen aggressive Gelüste - die sich zweifellos auf neue Bedrohungsmittel abstützen werden - notfalls aus eigener Kraft behaupten zu können.

Ulrich Schlüer

Quellen (u.a.):
«Geheimdienste prophezeien Niedergang der USA». Spiegel online, 20.11.2008
«US-Kongress warnt vor Biowaffen-Terror». Spiegel online, 3.12.2008



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