Der
aktuelle Freitags-Kommentar von der «Schweizerzeit»-Redaktion
vom 31. Oktober 2008
Mitgeteiltes und Verschwiegenes zum FIS-Heer
Mammut-Fehlinvestition?
Von Ulrich Schlüer, Chefredaktor «Schweizerzeit»
Die Beschaffung des FIS-Heer ist ein Prestige-Projekt der Schweizer Armee. Siebenhundert Millionen Franken wurden bislang dafür investiert. VBS und Armeeführung schwörten regelrecht auf FIS-Heer, als sie dessen rasche Beschaffung beantragten.
Als Führungs- und Informationssystem für die gesamte Armee wurde das hoch komplexe elektronische FIS-Heer vorgestellt. Es verarbeitet Informationen von unzähligen Informations-Sammlern an der Front, in Krisenregionen, in Katastrophengebieten. Diese Informationen werden in ein zentralen System eingespiesen, der an Bildschirmen sitzenden Armeeführung in Wort und Bild übermittelt, womit die Führung ab Bunker auf gesicherter Informationslage sichergestellt sei. Der «General» wiederum kann mit diesem System jede Einheit, ja jeden sogenannt «modernen Infanteristen», der an FIS-Heer angekoppelt ist, direkt erreichen. Er könne, wurde vorausgesagt, die Front-Task force, sogar jeden einzelnen Frontkämpfer einer Spezialeinheit direkt führen.
Das grosse Schweigen
Bisher hat die Schweizer Armee für die zwei ersten Beschaffungs-Etappen (Rüstungsprogramme 2006 und 2007) rund siebenhundert Millionen Franken ins FIS-Heer investiert. Das Gesamtvorhaben wird auf gut zwei Milliarden Franken veranschlagt. Rasche Beschaffung des Gesamtsystems war nach der Kreditbewilligung für die ersten beiden Etappen angekündigt worden.
Seit rund zwei Jahren ist es indessen merkwürdig still geworden ums FIS-Heer. Von Armee-Angehörigen, die damit versuchsweise gearbeitet haben, sind einzelne Kommentare eher durchzogener Begeisterung zu vernehmen. Die Armeespitze hüllt sich in Schweigen. Von weiteren Ausbauetappen ist seit Monaten nicht mehr die Rede. Man ist auf Interpretation von Einzelheiten, auf Mutmassungen angewiesen.
Zunächst: FIS-Heer-Systeme wurden erstmals - verbunden mit grossen Erwartungen - in der US-Armee eingesetzt. Sowohl im Irak als auch in Afghanistan. Die Erfahrungsberichte sind allerdings geprägt von Ernüchterung: Die ursprünglich wortreich angekündigte Erwartung, dank diesem «intelligenten System» würden Patrouillen kaum mehr je in Hinterhalte geraten, erwies sich als völlig unzutreffend. In den USA ist längst klar, dass Truppenführung am Einsatzort nie und nimmer ersetzt werden kann durch ein in weiter Entfernung installiertes elektronisches Führungssystem - auch wenn der General jeden einzelnen Frontkämpfer für Direktbefehle erreichen kann.
Auch in der Schweiz wurde FIS-Heer in Übungen ausprobiert. In der Führungsübung «Stabilo» ist die Euphorie zu elektronischen Führungsmöglichkeiten rasch zusammengebrochen. FIS-Heer erwies sich mit andern in der Armee verwendeten elektronischen Systemen als nicht oder nur sehr begrenzt kompatibel. Abstimmungsprobleme ohne Zahl paralysierten die Führung über weite Strecken. Und das bereits vor FIS-Heer in der Armee eingeführte elektronische System FIS-Logistik funktioniert nach wie vor nicht wirklich. Viel mehr als «anspruchsvollere Spielerei» an Bildschirmen ist mit diesen sündenteuren Systemen bisher nicht möglich.
Unklarer Verwendungszweck
Die bisher beschafften Elemente von FIS-Heer sollten den Einsatz dieses Systems für eine einzige Brigade der Armee sicherstellen. Politik und Medien gingen davon aus, dass FIS-Heer, bevor es gesamthaft angeschafft würde, zunächst in einer Brigade im Feldversuch auf Herz und Nieren getestet würde. Dazu wurde vor Monaten, als Christophe Keckeis noch Chef der Armee war, an einer Pressekonferenz von einem Bundeshaus-Journalisten eine Frage gestellt. Deren Beantwortung erstaunte schon damals, wird aber erst heute richtig gewichtet: Man gehe, führte Keckeis damals sinngemäss aus, von einem veralteten Armeebild aus, wenn man ein Gesamtaufgebot einer ganzen Armee heutzutage überhaupt noch als realistisch erachte. Die Armee der Zukunft sei eine Armee von Spezialeinheiten, von Task Forces, die je nach Bedarf zusammengestellt und eingesetzt würden. Keckeis schwebte ein mit viel Technologie ausgerüstetes Konglomerat von Sondereinheiten von grosser Schlagkraft vor. Diese Armee-Vision entsprach der Armee der Rumsfeld-Doktrin für Nato-Verbände. Solches wollten VBS und Schweizer Armeespitze - auch wenn sie sich der Öffentlichkeit gegenüber dazu sehr wortkarg gaben - offenbar auch mit unserer Armee erreichen. Und dafür sahen die «weitsichtigen Armeeplaner» FIS-Heer vor.
Von der Realität überholt
Der Wert der - von den USA und der Nato längst aufgegebenen - Rumsfeld-Doktrin wurde in Georgien entlarvt: Die nach Rumsfeld-Doktrin aufgebaute Interventionseinheit Georgiens soll sich, wie berichtet wird, im Irak als tüchtige Spezialtruppe einen geachteten Ruf erworben haben.
Auf Verteidigung des eigenen Landes wurde die auf die Rumsfeld-Doktrin ausgerichtete Armee Georgiens aber gar nicht ausgebildet. Nicht einmal das Nadelöhr, einen langen Tunnel, den Eindringlinge nach Georgien zwingend benutzen müssen, vermochte Georgiens Armee im entscheidenden Moment der russischen Invasion zu sperren.
Seither spricht niemand mehr von der Rumsfeld-Doktrin. Und das VBS dürfte sich allmählich bewusst werden, auf ein elektronisches Führungssystem gesetzt zu haben, das auf Spezial-Interventionseinheiten ausgerichtet ist, die irgendwo im Ausland mit Nato-Spezialeinheiten zusammen in den Einsatz geschickt werden sollen, die sich aber für die Verteidigung des eigenen Landes als untauglich erwiesen haben. Zugemutet kann solches der Schweiz wohl nicht mehr. Deshalb das grosse, betretene Schweigen des VBS zum FIS-Heer.
Das obligatorische Ausbildungs-WK’s im Ausland vorsehende neue Ausbildungskonzept, abgestimmt auf die seinerzeitigen, an der Rumsfeld-Doktrin ausgerichteten Armee-Planungen, will das VBS trotzdem retten - mit schwammigen Kompromissformeln zur Beruhigung der Öffentlichkeit. Es gibt zu Bern scheinbar Träumer, die sich noch immer an die Hoffnung klammern, die so attraktive Einsätze ermöglichende Rumsfeld-Doktrin würde irgendwann vielleicht doch noch eine Wiedergeburt erleben . . .
Die Front hat sich verlagert auf das Thema Ausland-Einsätze der Armee. Klar ist: Eine an der Rumsfeld-Doktrin ausgerichtete Schweizer Armee bedeutete das Ende für die Schweizer Milizarmee. Wer dagegen Ausland-Trainings und Ausland-Einsätze verhindert, der bewahrt der Armee den Charakter eine ausschliesslich das eigene Land verteidigende Defensivarmee. Und das ist die Kernaufgabe der Schweizer Milizarmee.
Ulrich Schlüer