Brisant

Der aktuelle Freitags-Kommentar von der «Schweizerzeit»-Redaktion vom 24. Oktober 2008

Im Fernen Osten erlebt
Desaster für die Schweiz

Von Ulrich Schlüer, Chefredaktor «Schweizerzeit»

Es geschah am 17. Oktober 2008 an Bord von Kurs CZ6895, einer Maschine der Fluggesellschaft China Southern. Unter wolkenlosem Himmel bot sich dem Passagier über dem Süd-Becken der von China mit Autonomie-Status versehenen nordwestlichsten Provinz Xinjiang ein atemberaubendes Bild.

Neuntausend Meter tiefer trafen die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne den westlichsten Ausläufer der Wüste Gobi und modellierten die von der Erosion durchfurchte Oberfläche im Spiel von Licht und Schatten so heraus, dass das grossartige Natur-Schauspiel den Flugpassagier nur noch schweigend staunen liess. Südlich und nördlich rahmten mächtige Gebirgsmassive das völlig dürre Wüstenbecken ein mit Dutzenden in Schnee und Eis gleissenden Gipfeln: Sechstausender, Siebentausender, auch einzelne Achttausender.

Die Schweiz in den Schlagzeilen

Da störte das Kabinenpersonal den überwältigenden Eindruck. Lächelnd verteilten die Chinesinnen die neusten Zeitungen. Dem Ausländer wird ein in Englisch erscheinendes Blatt übergeben: «China Daily», 17. Oktober 2008. Man will sich von den Natureindrücken nicht ablenken lassen, überfliegt rasch bloss die Titel - und bleibt voller Erstaunen am Wirtschaftsteil hängen: Unvorstellbar! Die Schweiz ist Hauptthema! Eine seitenbreite Schlagzeile dominiert - allerdings wenig Erfreuliches verheissend: «Switzerland moves to bail out UBS».

Die bösen Ahnungen werden sofort bestätigt. Hatte man erst tags zuvor über die auch in entlegenste Winkel der Erde reichenden elektronischen Verbindungen erfahren, dass der Schweizer Bundesrat trotz heftigster Börsenturbulenzen Entwarnung für unser Land verkündet hatte: Man habe alles unter sicherer Kontrolle! Und dann liest man von schlechterdings abenteuerlichen Zahlen: Der faktische Konkurs der UBS sei nur abwendbar mittels einer Direkthilfe des Bundes von 5,2 Milliarden Dollar. Darüber hinaus, berichtete «China Daily», seien unglaubliche 59,2 Milliarden Dollar (das entspricht gut zwei Dritteln der gesamten, von der Nationalbank verwalteten Währungsreserven der Schweiz) gesprochen worden, für welche die Nationalbank die UBS von maroden, die Bank sonst erwürgenden faulen Krediten zu entlasten habe. Diesen Vorgang wertete die chinesische Presse als das wirtschaftliche Hauptereignis des Tages.

Chinas Botschaft

Zugegeben: Auch Summen zu Stützungsaktionen anderer Regierungen wurden genannt und summarisch kommentiert. Schlagzeile und Schwerpunkt-Artikel stellten indessen die Schweiz ganz klar in den Mittelpunkt.

China wird regiert von einem autoritären Regime. China ist gewiss keine freiheitliche Demokratie, verfügt also nicht über eine freie Presse. Zwar ist es nicht so, dass jede gedruckte Zeile von der Regierung selbst gesetzt wird. Aber Chinas Regime überwacht die von den chinesischen Medien verbreiteten Informationen und Kommentare mit äusserster Sorgfalt. Der redaktionelle Spielraum ist begrenzt. Regime-Kritiker oder gar Regime-Gegner haben in Redaktionen chinesischer Medien nichts zu bestellen. Was Chinas Medien veröffentlichen, widerspricht also gewiss nicht der Beurteilung wichtiger Ereignisse durch die chinesische Regierung.

Wen Chinas Medien Massnahmen der Schweiz zum Hauptereignis des Tages erklären, will China dem Leser eine Botschaft vermitteln. Nicht die publizierten Zahlen sind es, welche die Chinesen beeindrucken. Die Tatsache, dass auch die Schweiz - für China bislang eine Säule sorgfältigen, nüchternen, hochqualifizierten Finanzgebarens - zutiefst in jenem Schuldensumpf steckt, den als Koryphäen eingeschätzte Banker durch ebenso verbrecherisch-verantwortungslose wie unabsehbar-masslose Spekulation mit nichts anderem als Schuldentürmen ohne substantiellen Wert der Welt eingebrockt haben. Für China ist mit der Schweiz eine Bastion des Vertrauens gefallen - das ist die Botschaft Chinas.

Zauberlehrling

Ob diejenigen, die dem Vorgehen der Schweizer Regierung überschwängliches Lob erteilen, wohl schon erfasst haben, welch unabschätzbares Image-Desaster damit der Schweiz zugefügt wurde in jenen Ländern, welche zu machtvollen Gläubigern der im Schuldensumpf versinkenden Spekulantenretter-Länder geworden sind? Und da schwadroniert Couchepin daher, man werde mit den Schuldentürmen, welche sich in Nichts aufgelöst und damit die UBS ins Elend gerissen haben, schliesslich wohl noch «ein Geschäft machen» . . .

Goldkäufer

Hat Couchepin vergessen, dass China mit dem Finanzplatz Schweiz längst auf ganz spezielle Weise «verbunden» ist. Als hierzulande angeblich vorausschauende Fachleute aus Politik und Finanzwelt dem Schweizervolk vor einigen Jahren einredeten, die Schweizer Goldreserven - «überschüssig» und unproduktiv - müssten mittels Verkauf endlich dem Wirtschaftskreislauf dienstbar gemacht werden, wurde auch China aktiv. Als Käufer. Viele der Goldbarren, welche die Schweiz bar jeder Vernunft im Ausmass vieler hundert Tonnen ausgerechnet zu dem Zeitpunkt verhökerte, als der Goldpreis auf einem historischen Tief verharrte, lagern heute in Chinas Goldtresor. China nutzte die Gunst der Stunde - oder die Dummheit der Schweizer Finanzspezialisten - und deckte sich mit günstigem Gold überlegt und umfassend ein. Jene «Fachleute» aber, die damals den Ausverkauf des Schweizer Staatsschatzes erzwungen haben, sind nahezu identisch mit jenen, welche heute zwei Drittel der unserem Land noch verbliebenen schweizerischen Währungsreserven jenen sich in Nichts auflösenden «Wertpapieren» nachwerfen, die den faktischen Konkurs der UBS bewirkt haben.

Wem an diesem 17. Oktober dieses Jahres zufällig über der Wüste Gobi eine chinesische Zeitung in die Hand gedrückt wurde, der erhielt Anschauungsunterricht, wieviel Kompetenz jene politische Macht, die ihr Vermögen in sicheren Werten angelegt hat, als die europäischen Staaten solche Werte verschleuderten, europäischen und amerikanischen «Finanzfachleuten» noch zubilligen: Nicht viel mehr als gar keine.

Hauptgläubiger

China nimmt im Angesicht des gegenwärtigen, aus dem voraussehbaren Zusammenbruch substanzloser Schuldentürme entstandenen Finanz- und Börsenchaos eine besondere Rolle ein. Denn China hat in den letzten Jahren nicht nur seine Goldreserven kontinuierlich und überlegt aufgestockt. China finanziert den Amerikanern überdies seit vielen Jahren deren notorisches Handelsbilanz-Defizit. Nicht aus Sympathie. Sondern gegen Schuldscheine, welche die US-Federal Reserve Bank Jahr für Jahr auszustellen hat. Vergliche man die USA mit einem Wirtschaftskonzern, dann befindet sich China gegenüber den USA heute in der Rolle des mit Abstand grössten Minderheitsaktionärs. Eines so wichtigen Minderheitsaktionärs, dass die Konzernleitung, also die Regierung der USA keine wesentliche Entscheidung mehr treffen kann, ohne die Sicht und Interessen dieses wichtigsten Minderheitsaktionärs zu respektieren.

Ob in der weiten Welt irgend jemand so naiv ist zu glauben, China würde die ihm durch seinen umfangreichen Besitz amerikanischer Schuldscheine zugewachsene Machtstellung in dieser Zeit dramatischer Finanzkrise und tiefgreifender Umbrüche nicht seinem, dem chinesischen Interesse gemäss nutzen? Chinas Strategen drängen sich derzeit zweifellos nicht ins Rampenlicht der Öffentlichkeit. Aber China hat in seiner langen Geschichte immer wieder gezeigt, dass es die Kunst strategischen Denkens und strategischen Handelns beherrscht. Während die westliche Führungsmacht USA bereits viel zu angeschlagen ist, als dass sie sich den Machtinteressen ihres wichtigsten Gläubigers noch entziehen könnte . . .

Zeitenwende?

Schon lange weisen Beobachter der weltwirtschaftlichen Entwicklung daraufhin, dass sich das wirtschaftliche Gewicht auf dem Erdball zusehends - auf Kosten der USA und Europas - in den Fernen Osten verlagert. Nicht ausgeschlossen, dass die Zusammenbrüche, welche die Finanzplätze des Westens derzeit reihenweise heimsuchen, schon bald als jenes Ereignis interpretiert werden, welches als das Ende des amerikanischen Zeitalters und den Beginn des chinesischen Zeitalters in der Weltgeschichte eingehen könnte.

Die Schweiz, das konnte man der gelenkten Presse Chinas an diesem 17. Oktober mit nicht geringer Beklemmung entnehmen, habe sich mit ihrem ebenso unüberlegten wie verantwortungslosen Kopieren des Spekulationsgehabes mit nichts anderem als substanzlosen Schuldentürmen ins Lager der Zerstörer der Finanzmärkte, also ins falsche, ins Lager der Verlierer begeben.

Ulrich Schlüer

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