Der
aktuelle Freitags-Kommentar von der «Schweizerzeit»-Redaktion
vom 10. Oktober 2008
Armee verzichtet auf Wachtdienst mit Munition
Unzureichend ausgebildet?
Von Ulrich Schlüer, Chefredaktor «Schweizerzeit»
Die Agitation gegen die Abgabe der persönlichen Waffe an den Wehrmann nach Hause nimmt laufend zu. Das VBS reagiert kopflos.
Zum Kernauftrag der Armee-Ausbildung gehört, dass jeder Wehrmann lernt, mit seiner Waffe sowohl verantwortungsbewusst als auch in jeder Lage wehrbereit umzugehen. Eine Armee, deren Soldaten das elementare Waffenhandwerk nicht beherrschen, wird generell als ernstfalluntauglich eingeschätzt.
Untauglich mit der Waffe?
Zu Beginn dieses Jahres wurde von höchster Stelle der Befehl (allerdings bloss halbwegs) durchgesetzt, dass Wachtdienst in der Armee künftig mit geladener Waffe zu absolvieren sei. Diese Anordnung war auch, aber nicht nur eine Reaktion auf Diebstähle aus Armee-Arsenalen aber auch auf direkte Angriffe auf Soldaten, die in letzter Zeit kontinuierlich zugenommen haben.
Im Zeitalter des Terrorismus sollten Wachteinsätze mit geladener Waffe eigentlich eine ganz normale Abschreckungsmassnahme darstellen.
Wenn ein an der Waffe gut ausgebildeter Soldat mit geladener Waffe Wachtdienst leistet, so ist das unbedenklich. Der bewaffnete Soldat auf Wache erfüllt eine Aufgabe, zu der er intensiv ausgebildet worden ist.
Sozusagen über Nacht hat der Chef VBS den Wachtdienst mit geladener Waffe «per sofort ausgesetzt». Statt Munition erhalten die Soldaten neu ein Reizstoff-Sprühgerät. Die persönliche Waffe darf nur noch ungeladen auf den Wachtdienst mitgenommen werden.
Professionalisierung hat versagt
Eine Massnahme, die als schwerwiegendes Eingeständnis gewertet werden muss: Die Schiessausbildung, die Ausbildung des Wehrmannes an seiner persönlichen Waffe ist offenbar zu mangelhaft, als dass ein Wachtsoldat eine geladene Waffe weiterhin auf sich tragen darf.
Seit Einführung der Armee XXI, also seit der sogenannten «Professionalisierung» der Ausbildung in der Armee kritisieren Sachverständige mit zunehmendem Nachdruck das Ungenügen der neuen Ausbildungs-Ordnung in der Armee. Die Verdrängung der Miliz aus der Ausbildungsverantwortung hat die Qualität der Ausbildung offensichtlich massiv verschlechtert. Nach anderen schwerwiegenden Fehlleistungen zeigt sich in einem weiteren wichtigen Bereich das Ungenügen des derzeitigen VBS-Chefs. Eine Armee, deren Soldaten mit der persönlichen Waffe nicht umgehen können, deren Soldaten, wenn sie eine geladene Waffe mit sich tragen, also weder Unbeteiligte gefährden noch Böswilligen mit leeren Händen gegenüberstehen müssen, ist ihrer Aufgabe offensichtlich nicht gewachsen. Eine solche Armee verliert jede Abschreckungswirkung auf Leute mit böswilliger Absicht.Erosion geht weiter
Das ist die Schlussfolgerung, welche aus der mit sofortiger Wirkung umzusetzenden Änderung der Wachtdienst-Vorschriften zu ziehen ist, wie sie vom VBS soeben erlassen worden ist. Denn eines ist klar: Wenn die Armee bezüglich Umgangs der Soldaten mit ihren persönlichen Waffen als insgesamt ungenügend ausgebildet erklärt werden muss, dann wird die zwar noch als «provisorisch» bezeichnete Sofortmassnahme nicht mehr rückgängig gemacht werden. Der Niedergang der Armee scheint, solange Bundesrat Samuel Schmid an der Spitze des VBS steht, unaufhaltsam weiterzugehen.
Ulrich Schlüer