Schiffbruch mit Zuschauern
Schweizerzeit-Schriftenreihe Nr. 45
 

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Vortrag, gehalten an der "Schweizerzeit"-Herbsttagungam 15. November 2003 in Glattbrugg

Am Ufer des Mittelmeers sitzt ein Mann, der sein Vermögen in eine Schiffsladung Feigen gesteckt und in einem Schiffbruch verloren hatte. Heute liegt das Meer ruhig und sanft vor ihm, Schiffe fahren aus und ein. Die Verlockung, es noch einmal zu versuchen, wächst. Unverführbar geworden, sagt er zum Meer:"Ich weiss schon, was du willst - Feigen willst du!

Hesiod erzählte die Geschichte im 7. Jahrhundert v.Chr. auf seine Weise, über Spruchsammlungen der Antike und Fabeln fand sie ihren Weg zu Erasmus von Rotterdam, bei dem sie Goethe las und übernahm. Das Bild des Seefahrers, der, von Zuschauern und eigener Erfahrung gewarnt, sich trotzdem auf das Risiko eines neuen Schiffbruchs einlässt, ist so alt wie die seefahrende Menschheit und so aktuell wie je. Menschen lassen sich nicht aufhalten von Mahnungen der Geschichte. Und so wiederholen sich denn politische Torheiten, Gewalt, Kriege, Terror und Gegenterror. Unsere Vorfahren schickten ihre Söhne in fremde Kriege und erlitten Schiffbruch. Über Jahrhunderte blieb die Erfahrung lebendig. "Das Meer will Feigen", dachten sich reife und kluge Staatsmänner zum hohen Gewinn des Volkes. Diese Staatsmänner sind rar geworden. Das weite Meer der Aussen- und Sicherheitspolitik lockt: "dabei sein, mitentscheiden, die Geschichte nicht versäumen" lockt es. Geblendet von den Scheinwerfern der Medien mischen sich Politiker, Funktionäre und Soldaten im Namen und auf Kosten der Schweizer Bürger in Angelegenheiten, die sie nichts angehen, überschätzen sich selbst und sehen die Zeichen nicht, die auf Sturm deuten. "Dieses Schiff ist unsinkbar!" prahlte der Kapitän der Titanic. Den Eisberg sah er nicht.

   
 
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