Nr. 35, 28. November 2008

Glossen von Arthur Häny
Freundlichkeit


Vor vielen Jahren lebten wir in Zürich-Unterstrass in der Parterre-Wohnung eines alt-herrschaftlichen Jugendstilhauses, zu dem ein grosser Garten gehörte. Marieluise, meine Frau, erlöste ihn aus seinem kargen und kahlen Dasein und überzog ihn nach und nach mit lauter Rosen. Um Haus und Garten ging die sacht abfallende Gemsenstrasse – so hiess sie damals, heute ist sie zu einer Gämsenstrasse avanciert. Ein solides, reich ornamentiertes Eisengitter war auf eine Steinmauer montiert und grenzte den Garten gegen die Strasse ab.

Hinter dem Gitter stand ein alter Birnbaum, der schon lange keine Früchte mehr gebracht hatte. Doch Marieluise pflegte ihn mit Wässern und Düngen und Liebe gesund, so dass er mit der Zeit, wider Erwarten, viele Früchte trug. Sie hatte auch eine Rose an seinen Stamm gepflanzt, die ihn im Sommer bis in die Äste hinauf mit hellroten Blüten überstrahlte.

Auf die Birnen aber hatten es einst ein paar Buben und Mädchen abgesehen. Sie kletterten auf die Mauer und über das Gitter, plumpsten in die Blumenbeete und wollten sich über die Birnen hermachen. Marieluise sah es, eilte herzu und fragte die Kinder, wie sie dazu kämen, einfach in einen fremden Garten einzubrechen!?

«Jetzt aber hopp auf die Strasse zurück mit euch!» rief sie, nicht unfreundlich, aber sehr energisch, «und kommt dann manierlich zum Hauseingang und läutet dort; dann werde ich euch von den Birnen geben!»

Die verblüfften Kinder gehorchten, kamen zum Eingang und bekamen wirklich, was ihnen versprochen war. Fortan liessen sie den Birnbaum in Ruhe. Das wäre wohl kaum geschehen, wenn Marieluise sie mit Schimpf und Schande davongejagt hätte. Ihre freundliche Autorität hatte da mehr bewirkt. Die Kinder waren sensibel genug, um ihr Unrecht einzusehen und die Güte der Gärtnerin zu schätzen.

*

Hier kommt mir eine Geschichte in den Sinn, die meinem Schwiegervater einst vor vielen Jahren passiert ist. Er war Lehrer auf dem Lande und stellte eines Tages fest, dass ihm ein Kaninchen aus dem Stall gestohlen worden war. Er knöpfte sich einen Schüler vor, den er der Tat verdächtigte, und der gestand ihm den Diebstahl.

«Ich bin doch immer gut gewesen zu dir», sagte mein Schwiegervater; «wie konntest du so etwas machen?» «Es war ganz einfach!» antwortete der Bauernbub, «ich habe den Chüngel nur unter den Pullover gesteckt.»

Mein Schwiegervater lachte, er bekam das Kaninchen zurück, und der Fall war für beide erledigt.

*

Wessen Gemüt nicht verhärtet ist, der reagiert auf Freundlichkeit. Ich kann leider nicht behaupten, dass sie in allen Fällen hilft, aber lobenswert ist sie allemal. Doch hierzulande, so scheint mir, besteht ein beträchtliches Defizit an Freundlichkeit. Ich meine aber nur die echte, uneigennützige Freundlichkeit, die nichts für sich will, bei der es weder um Geld noch um andere Vorteile geht.

Ich habe häufig Gelegenheit, die Gesichter der Passanten im Tram oder Bus zu betrachten. Wie oft begegne ich einer kalten Gleichgültigkeit oder, schlimmer noch, der Trauer, dem Gram oder gar der Verbissenheit. Kein Zweifel, es gibt triftige Gründe für all das, es gibt sogar Gründe für die Verzweiflung an Gott und sämtlichen Menschen! Das Leben ist kein Zuckerschlecken. Und dennoch, gemeinsam trägt und erträgt man es besser. Doch in unserer Gesellschaft macht sich ein gewisser Isolationismus breit, der mich beunruhigt. Keiner geht auf den Nebenmenschen zu, jeder redet in sein Handy hinein, schottet sich mit Kopfhörern ab oder vergräbt sich in eine Gratiszeitung.

Ich habe es oft schon bedauert, dass ich, im Gegensatz zu meiner Frau, nicht die Gabe habe, spontan auf unbekannte Menschen zuzugehen. Die Angst vor einer Abweisung lähmt mich. Und manchmal befällt mich auch eine tiefe Depression, das Gefühl, ich sei ganz umsonst in diese befremdliche Welt geraten, in der ich wenig oder gar nichts bewirken könne. Desto mehr freute ich mich, als ich jüngst einem ehemaligen Schüler begegnete, der mir ganz von sich aus sagte: «Sie waren immer so freundlich, so menschlich zu uns! Das waren die wenigsten Lehrer!» Da fasste ich wieder Mut zu mir selber.

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Kürzlich spazierte ich mit Marieluise am Waidberg den Schrebergärten entlang. Auf der Höhe bei der uralten, mächtigen Pappel sass auf einer Bank eine ältere Muslimin, in Mantel und Kopftuch eingehüllt. Abweisend und verschlossen sass sie da. Marieluise versuchte mit ihr zu reden, aber sie zeigte keine Lust, darauf einzugehen. Ich, von mir aus, hätte dieses Unternehmen sogleich abgebrochen, nicht so meine Frau! Sie erreichte mit unaufdringlicher Freundlichkeit, dass die Muslimin ihr in ihrem mühsamen Deutsch gestand, sie lebe allein und habe einen Kummer. Sie sagte nicht welchen, und das ging uns auch nichts an. Marieluise gab ihr die Hand, und es ergab sich in dem zögernden Gespräch, dass ihr Allah und unser Gott derselbe sei und dass er uns allen ohne Unterschied beistehen möchte. Da entspannte sich die Frau und belebte sich merklich. Als wir weitergingen und ihr von der nächsten Wegbiegung her noch einmal winkten, da winkte sie zurück, und darüber haben wir uns gefreut.