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Der aktuelle Frontseitenkommentar von Chefredaktor Ulrich Schlüer vom 14. November 2008

Gedanken zur religiösen Toleranz
Wort zum Freitag

Es ist den Kirchen in der Schweiz ein grosses Anliegen, in den Massenmedien auftreten zu können. Wirksamkeit am Bildschirm täuscht über Leere in allzu vielen Kirchen hinweg.

Und lässt den Fernsehauftritt als so wichtig erscheinen, dass sich die kirchlichen Funktionäre dafür allerlei gefallen lassen. Zum Beispiel, dass die Fernsehgewaltigen weitgehend allein entscheiden, was für Kurzprediger zum Fernsehauftritt zugelassen werden, auf dass sie – mehr oder weniger – im Namen ihrer Kirchen Worte an Gläubige richten würden. So kommt es, dass sich ein Fernsehprediger, der eigentlich als Vertreter der Katholiken etikettiert wird, unversehens mit der Forderung nach einem «Wort zum Freitag» für Muslime wichtig zu machen beginnt. Ganz nach dem Gusto der Fernseh-Oberen: Polit-Spektakel statt langweiliger Glaube! Das ist es, was den mit Christus wenig am Hut habenden Monopolfernseh-Machern im Lande Schweiz das Herz im Leibe jucken lässt…

Die Antwort auf die auch von andern Medien aufgeblähte Forderung kam postwendend: Die hiesigen Muslim-Vereine jubilieren! Zwar sei solches «Wort zum Freitag» für hiesige Muslime gar nicht notwendig, sagen sie. Diese hätten ja das Freitagsgebet. Für Nicht-Muslime sei es um so wichtiger. Die Muslim-Vereine verleihen diesem «Wort zum Freitag» also Missionierungscharakter.

Dazu sei eine Gegenfrage erlaubt: Würden sich die hiesigen Muslim-Vereinigungen im Gegenzug auch dafür einsetzen, dass fortan im türkischen, im indonesischen, im saudi-arabischen Fernsehen «Worte am Sonntag» für die in den dortigen Ländern – trotz immer wieder aufflammender Verfolgung – ausharrenden christlichen Minderheiten ausgestrahlt werden? Oder ist religiöse Toleranz für sie bloss Einbahnstrasse – auf Kosten der Christen?

Solche Forderung nach sichtbarer, gelebter religiöser Toleranz als Zeichen demonstrativer Abkehr von jeglicher Verfolgung sei unzumutbar? Warum denn? Ist denn türkischen, saudischen, indonesischen Staats- und Kirchenämtern nicht zuzumuten, was Schweizern zugemutet werden soll? Uns wird doch immer eingepaukt, religiöse Toleranz und Religionsfreiheit gälten weltumspannend? Wir halten uns daran. Türken, Saudis, Indonesier etwa nicht? Und wir müssen das einfach schlucken? Oder geht es selbst hiesigen Muslim-Vereinen gar nicht um religiöse Toleranz, vielmehr um Ausbreitung, um Macht, um Verdrängung, um Dominanz?

Ulrich Schlüer

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