Nr. 32, 21. Dezember 2007

Glossen von Arthur Häny
Das Männlein auf der Leiter

Auf einem Rasen neben dem Bucheggplatz in Zürich sind zwei merkwürdige moderne Eisenplastiken aufgestellt. Die eine, grössere, besteht aus einer hohen, roten Stange, auf der sich zuoberst ein Mann befindet. Er steht etwas gebückt, als wäre er, indem er die Stange erkletterte, rheumatisch geworden. Die andere, kleinere Plastik setzt sich zusammen aus einer gelben Leiter und einem eisernen Männlein, das daran klebt, etwas über der Mitte. Es ist ein merkwürdiger Gnom, grau wie eine Fledermaus. Er klettert in einem fort und hat sein Ziel doch nicht erreicht. Er ist es, der mich hier beschäftigt.

Er klettert an Ort; trotz aller Bemühung bleibt er immer auf derselben Sprosse stehen. Aber das ändert nichts an seinem Wunsch, nach oben zu kommen. Es ist auch begreiflich. Der Bucheggplatz wimmelt von Verkehr, die Autos stossen Abgase aus, die Tramwagen lärmen, die Busse schleifen ihre Bügel den Drähten nach. Da kann man dem Männlein nicht verübeln, dass es all das unter sich lassen und näher an den Himmel herankommen möchte. Oft liegt ja auch Nebel über der Stadt, ein dünner, flacher Nebel, und zuoberst auf der Leiter könnte es vielleicht seinen Kopf an die Sonne strecken?

Irgendwie habe ich Mitleid mit diesem komischen Kerl. Unermüdlich strebt er nach dem unerreichlichen Himmel. Kommt uns das nicht merkwürdig bekannt vor? Auch uns befällt zuzeiten der peinliche Eindruck, wir müssten uns ganz vergeblich und nutzlos abmühen ein Leben lang. Wer hätte dieses lähmende Gefühl noch nie empfunden?

Die alten Griechen setzten solche frustrierenden Erfahrungen in Mythen um: sie erdichteten den Sisyphus, der ständig einen Steinbrocken den Hügel hinanwälzte - und sobald er damit oben angelangt war, entwischte der ihm unter den Händen und polterte wieder den Hügel hinunter… Oder sie berichteten von den Danaiden-Töchtern, die ewig Wasser schöpfen mussten in ein durchlöchertes Fass… Oder sie erfanden den Tantalus, der dürstend im Wasser stand, das aber immer zurückwich, sobald er sich bückte, um daraus zu trinken…

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Wenn das Männlein die Spitze der Leiter erklettern könnte - wäre es dann glücklich? Wäre es im Himmel? Gibt es überhaupt Verbindungen von der Erde zum Himmel? Der Regenbogen wurde in mythischer Zeit als eine solche Brücke empfunden. Und der biblische Jakob träumte einst von einer Leiter, die unmittelbar in den Himmel führte. Lebendige Engel stiegen daran auf und nieder, heisst es. Und Gott selber stand zuoberst, sagt das Alte Testament, und begann sogar mit Jakob zu reden. Das war nun wirklich ein schöner Traum: eine Leiter, die den Himmel erreichte!

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Himmel und Erde - alte Völker haben die beiden als schicksalhafte Mächte erlebt. In ihren Rahmen war das Leben der Menschen eingespannt. Man empfand den Himmel als Gott und die Erde als Göttin. Die beiden waren ein Paar und lebten eine gespannte und wechselvolle Beziehung: bald liebten sie einander, dann strahlte ein blauer Tag über alle Berge; bald zankten sie sich gehässig, und dann wüteten Gewitter oder Orkane…

Manche Menschen haben sich wohl in mythischer Zeit auch selber als Kinder des Himmels und der Erde empfunden. Als materielle Wesen fanden sie sich an die Erde gebunden; als geistige sehnten sie sich darüber hinaus. Schon immer fragten sie sich, wie sie trotz ihrer Erdenschwere in den Himmel gelangen könnten.

Dädalus und Ikarus machten bei den alten Griechen die ersten Flugversuche. Dabei kam allerdings der letztere der Sonne zu nahe, so dass das Wachs schmolz, mit dem seine künstlichen Flügel am Körper befestigt waren; er stürzte ins Meer ab… Vom Babylonischen Turm des Alten Testaments bis zu Louis Blériot, der als erster über den Ärmelkanal flog - von Walter Mittelholzers Kilimandscharo-Flug bis zu den heutigen Weltraumexpeditionen reissen die aeronautischen Unternehmungen nicht ab. Dabei lässt man die Erde immer tiefer unter sich zurück - aber ist man dem Himmel eigentlich näher gekommen? Und welchem Himmel?

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Die alten Griechen setzten die Erfahrungen ihres Lebens in Bilder um. Der Sonnengott fuhr mit einem Pferdegespann über den Himmelsbogen. Auch die Mondgöttin hatte ein solches Gespann, nur liess sie sich gelegentlich ablenken von ihrem Kurs, wenn sie etwa in einer klaren Nacht einen schönen Jüngling wie Endymion unten an der Erde liegen sah. Dann stieg sie hinab, um ihn aus dem Schlaf zu küssen… Anderseits wurden irdische Helden und Heldinnen nach ihrem Tod auch von der Erde emporgehoben und ruhmvoll unter die Sterne versetzt, wo sie heute noch glänzen - Orion oder Kassiopeia zum Beispiel.

Wir mögen lachen über solche Fabeleien, aber wir müssen gestehen: die alten Völker hatten noch Phantasie! Jetzt ist an die Stelle einer mythischen Weltsicht der Glaube an die Materie und ihre totale Berechenbarkeit getreten. Dädalus und Ikarus erhoben sich noch auf einfachen Flügeln über die Erde. Um aber eine Sonde zum Mars zu schicken, braucht es, neben einer Unmenge hochtechnischen Materials, wohl auch unendlich viele genaueste mathematisch-physikalische Berechnungen. Die technischen Fortschritte der Menschheit sind enorm. Aber es wäre ein Irrtum, wenn wir uns einbilden wollten, dass wir darum dem Absoluten näher gekommen wären. Denn hinter vielen gelösten Rätseln verbergen sich gleich wieder ungelöste!

Wir ähneln da noch immer dem eisernen Männchen, das mitten auf seiner Leiter stecken geblieben ist. Wir mögen forschen und rechnen, soviel wir wollen: das, was wir - in einem seelischen Sinn - unter Himmel verstehen, bleibt unberechenbar. Es spottet unserer Raketen und Sonden.

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