Nr. 32, 21. Dezember 2007

Die Armee und ihr strategisches Ziel
Schwammige Worte von Christophe Keckeis
Von Beni Gafner, Bern

An der Spitze der Armee stehen hohe Offiziere mit gutem Salär. Kann man von diesen nicht erwarten, dass sie für die Armee eine Strategie erarbeiten und formulieren können?

Als erstaunlich erscheint, was der (demnächst scheidende) Chef der Armee, Christophe Keckeis, Ende Juni 2007 im Kursaal Interlaken unter dem Titel "Neue Vision und Strategie" seinen Untergebenen und den Journalisten verkauft hat.

Die Strategie der Armee

Keckeis präsentierte an diesem multimedialen Auftritt vor fünfhundert Untergebenen eine Vision und neun strategische Stossrichtungen. Vision und strategische Stossrichtungen ergäben zusammen die Strategie der Schweizer Armee, betonte der Dreisternegeneral. "Sicherheit und Freiheit, Schweizer Armee", dieser Satz fasse die neue Vision der Armee zusammen, erklärte Keckeis, was sogleich in einer Pressemitteilung an alle Medien des Landes übermittelt wurde. Es gälten fortan verbindlich und lohnwirksam folgende neun strategische Stossrichtungen:

- Die Schweizer Armee schafft Glaubwürdigkeit durch Leistung und Transparenz,

- Die Schweizer Armee fördert den Gemeinschaftssinn,

- Die Schweizer Armee verbindet und vernetzt,

- Die Schweizer Armee ist ein attraktiver Arbeitgeber,

- Die Schweizer Armee verbessert sich kontinuierlich,

- Die Schweizer Armee handelt kostenbewusst,

- Die Schweizer Armee arbeitet eng mit der Wissenschaft und der Wirtschaft zusammen,

- Die Schweizer Armee ist ein anerkannter Kooperationspartner,

- Die Schweizer Armee nutzt für sich und ihre Partner kompatible Führungsprozesse.

Die Vision der Armeeführung

Mit der neuen Vision und diesen neun strategischen Stossrichtungen wolle sich die Armee ein klares Profil geben. "Sie will klar stellen, wie sie den gesetzlich verankerten Auftrag interpretiert und ihn im Rahmen der jeweils gültigen Bedingungen zu erfüllen gedenkt und sie will bewusst machen, welchen Beitrag sie bezüglich Sicherheit und Freiheit unseres Landes leistet", heisst es in der erwähnten Pressemitteilung abschliessend.

Den neun strategischen Stossrichtungen stellt die Armeeführung also eine Vision voran. Sie schafft damit, nüchtern betrachtet, eine neue Ebene, die über der Strategie steht. Das kann man natürlich tun. Es ist in der blutigen Welt des Krieges und der Kriegsverhinderung aber zumindest ungewohnt. Der Verdacht liegt nahe, dass die Armeeführung hier eine Anleihe bei der Wirtschaft gemacht hat, ohne genau verstanden zu haben, worum es dort beim Thema Visionen geht. Nun handelt es sich beim Begriff der "Vision" ebenfalls um einen, der in den vergangenen Jahren stark inflationär war. In der Gesellschaft gilt oft: Wer keine Vision hat, ist gleichsam Zurückgebliebener, der unfähig ist, sich vom Alltag zu lösen und über die eigene Nasenspitze hinweg zu schauen. Das wollen natürlich die wenigsten. Und so haben alle, die modern sein wollen, Visionen - und meinen damit eigentlich Träume.

Viel Diffuses

Womit hat es die Öffentlichkeit bei der Vision der Armeeführung zu tun? Offenbarung? Halluzination? Weder noch? Zur Beurteilung dazu taugt die Kurzversion "Sicherheit und Freiheit, Schweizer Armee" nicht. Es handelt sich hier mehr um einen mittelprächtigen Slogan als um eine überzeugende Kurzform einer Erscheinung. Betrachtet sei deshalb die ausführliche Visions-Version. Diese lautet:

"Die Schweizer Armee garantiert Sicherheit und Freiheit, heute und in Zukunft.

- Wir leisten einen entscheidenden und substantiellen Beitrag zur Sicherheit und Souveränität unseres Landes.

- Wir erfüllen als Ganzes die von Verfassung und Militärgesetz erteilten Aufträge effizient und richten die Armee auf die wahr-scheinlichen Einsätze aus.

- Wir sind glaubwürdig, anerkannt und werden von Bevölkerung, Politik und Wirtschaft getragen.

- Wir werden als glaubwürdiger sicherheitspolitischer Partner wahrgenommen."

Vorab positiv ist anzumerken, dass die Armee gemerkt hat, dass sie eine Strategie braucht und gewillt ist, eine solche zu entwerfen. Denn wer keine hat, lebt einfach von der Hand in den Mund, eine zielorientierte Ausrichtung würde zum Ding der Unmöglichkeit.

Strategie dreht sich immer um ein Ziel. Ziele müssen auch in Strategien immer verständlich und messbar sein. Nur so können die Mitarbeiter wissen, wann das Ziel erreicht ist. Weil bei den durch Keckeis präsentierten strategischen Stossrichtungen nirgends eine verlässlich messbare Zielformulierung zu finden ist, gilt wohl der erste Satz der Vision als grosses, übergeordnetes Ziel. Gemäss Armeeangabe ergeben ja Vision und die neun Stossrichtungen die Strategie. Der erste Satz der Vision entspricht so etwas wie einer Zielformulierung. Allerdings einer absolut schockierenden. Die Schweizer Armee "garantiert" demnach Sicherheit, heute und in Zukunft. Das ist schlicht nicht wahr. Das kann sie gar nicht. Früher nicht, heute nicht und morgen nicht. Eine Armee kann bewachen, abhalten, eindämmen, sperren, verteidigen, aufräumen, den Eintrittspreis hochhalten und töten. Eine Sicherheitsgarantie kann sie aber niemals leisten, auch dann nicht, wenn alle Soldaten dieser Welt die kleine Schweiz verteidigen würden. Somit ist die Aussage, die Armee garantiere die Sicherheit, hochgradig absurd. Keine Armee der Welt bietet so etwas.

Nicht besser, dafür noch schlimmer wird die ganze Sache beim Lesen des zweiten Satzes: "Wir leisten einen (...) Beitrag zur Sicherheit (...)." Ja was nun: Garantiert die Armee die Sicherheit oder leistet sie nur einen Beitrag dazu? Jede Primarlehrkraft weist ungefähr ab der Mittelstufe Schülerinnen und Schüler darauf hin, wenn in einem Aufsatz der zweite Satz dem ersten widerspricht. Nein, das darf nicht wahr sein. Das Niveau der Armeeführung scheint auf bedenklichem Niveau angelangt zu sein.

Nichts von Unabhängigkeit

Und wie steht's mit der Freiheit, die ebenfalls garantiert werden soll? Ist die Schweiz frei, wenn sie 220 Soldaten im Kosovo halten muss und sie nicht zurückziehen kann, auch wenn sie wollte (Bundesrat Schmid hat wiederholt gesagt, man könne die Swisscoy nicht aus Kosovo zurückziehen)? Ist die Schweiz frei, wenn anonyme Diplomaten in Brüssel oder New York einen Einsatz beschliessen und die Schweizer Armee mitmachen muss - nicht aus juristischen Gründen, aber aufgrund des Drucks anderer Mitgliedstaaten? Eher frei ist, wer unabhängig ist. Doch genau dieses Wort, das in Artikel zwei der Bundesverfassung zu finden ist, die Unabhängigkeit, kommt in der Strategie der Schweizer Armee nirgends vor.

Das Gleiche gilt für den Sicherheitspolitischen Bericht 2000. Das Gleiche gilt für alle anderen Organisationsschritte, Pläne, Vorlagen und Entwicklungsschritte, welche die Armee dorthin geführt haben, wo sie heute steht. Das Wort Unabhängigkeit ist aus dem Vokabular der Armee gestrichen worden. Ein deutliches Indiz, dass in der Armeeführung die Meinung vorherrscht, Unabhängigkeit sei nichts Erhaltenswertes.

Beni Gafner


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