Nr. 32, 19. Dezember 2003
EU-Verfassung und Währungsstabilität
Unabhängigkeit der Notenbank bedroht
Die harten verbalen Auseinandersetzungen im vorderhand ergebnislosen
Ringen um die EU-Verfassung lassen nur selten erkennen, was denn die
wirklichen Streitfragen sind.
Zwar wird hart und öffentlich
gefochten um die künftige Sitzverteilung in den EU-Gremien, also um die
Machtaufteilung zwischen den EU-Staaten. Ein Schattendasein fristet daneben
die hochbrisante Diskussion um die Zukunft der Europäischen Zentralbank,
welche für die Stabilität des Euro
verantwortlich ist.
In der 1992 in Maastricht
vereinbarten Währungsverfassung sicherte die EU einerseits ihrer damals
erst geplanten Zentralbank weitgehende Unabhängigkeit zu. Zusätzlich
sollten die nationalen Währungshüter die Stabilitätspolitik
der EU formell und bindend überwachen können. Und die Erhaltung
der Stabilität des Euro war damals ausdrücklicher Auftrag an die
neue Zentralbank. Genau dieses Stabilitäts-Bekenntnis liess seinerzeit
die Verfassungsklage in Deutschland über die Preisgabe der D-Mark an
den Euro beim deutschen Verfassungsgericht in Karlsruhe scheitern. Im Entwurf
zur EU-Verfassung ist diese Unabhängigkeit der Zentralbank nicht mehr
gewährleistet. Vor allem die Vertreter der Deutschen Bundesbank protestieren
lautstark gegen diesen «Verrat am Bürger».
Deutschland erhält mit dieser Abkehr vom Stabilitätsziel eine gesalzene
Quittung für seinen Verrat am Stabilitätspakt, den die im Schuldensumpf
steckende rot-grüne Bundesregierung leichtfertig durchgesetzt hat.
Indem die EU die Unabhängigkeit der Zentralbank nicht weiter garantiere,
sei, mahnt die Deutsche Bundesbank, insbesondere die Preisstabilität
in grösster Gefahr. Weil, wenn Politiker auf die Zentralbank direkten
Einfluss nehmen können, die Währungspolitik zwangsläufig zum
Spielball
tagespolitischer Auseinandersetzungen wird. Die nachhaltige Inflationsbekämpfung
wird darunter leiden.
Angesichts der immensen Verschuldung insbesondere der grossen EU-Länder
wird der Appetit der
Politiker, mittels Rückgriff auf die Notenbank die Notenpresse in Bewegung
zu setzen, zur schweren Versuchung. Man kann den Bürger kaum nachhaltiger
bestrafen als durch das Geldwert und
Ersparnisse ruchlos vernichtende Anwerfen der Notenpresse mit dem Ziel, Schulden
durch Geldentwertung zu beseitigen.
Ulrich Schlür