Nr. 32, 20. Dezember 2002


Ein Gespenst geht um in den Industrieländern

Deflation


Von Walter Hirt, Birmensdorf ZH

Kürzlich las man in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) aus der Feder
von Holger Schmiedling (Bank of America): «Die Finanzmärkte haben ein neues
Thema gefunden: Deutschlands drohende Deflation. Die Angst vor einer
Dauerkrise nach japanischer Art hat offenbar schon eine Abwärtsspirale in
Gang gesetzt; je mehr Anleger sich von Deutschland abwenden, desto stärker
brechen die Aktienkurse ein.»

Schmiedling sagt damit: Eine Deflation kann herbeigeredet werden.


US-Besorgnisse
Im Unterschied zu europäischen Bankiers scheinen Deflations-Befürchtungen
vor allem die amerikanische Notenbank erfasst zu haben. Der Tenor dieser
Befürchtungen: Wenn eine Deflation drohe, sei rechtzeitiges Reagieren
schwierig; und wenn die Deflation einmal da sei, seien die Zentralbanken
weitgehend machtlos. John Maynard Keynes, für einmal treffsicher, hat dazu
einen bildlich überzeugenden Vergleich hinterlassen: «Die Anstrengungen der
Notenbank gleichen dem Versuch, an einer Schnur zu stossen.»
Anfügen lassen sich auch Schumpeters Pferde, die zur Tränke geführt werden,
aber einfach nicht mehr saufen mögen: Bei drückender Verschuldung,
Überkapazitäten und anderen ökonomischen Altlasten fehlen investive Anreize
trotz durch die Notenbank fast auf Null gesenkter Leitzinsen. Dazu kommt die
Zurückhaltung von angeschlagenen Banken, weitere Kredite zu vergeben.
Der Präsident der Direktion der Schweizerischen Nationalbank, Jean-Pierre
Roth, hält Befürchtungen, die Schweiz könne wie Japan in einen Zustand
stetig sinkender Preise abdriften, für unbegründet. Nur auf importierten
Gütern würden die Preise sinken, ergänzt Roth, «aber eine importierte
Deflation allein kann insgesamt keine Deflation erzeugen.» Womit der höchste
helvetische Währungshüter immerhin zugibt, dass die Preisentwicklung
importierter Güter und Dienstleistungen derzeit einen deflationären
Charakter aufweist. Roths Statement zeigt, wie schwierig es ist, aus
sinkenden Preisen, steigenden Geldmengen, volatilen Zinsen auf tiefem
Niveau, enormen Aktienverlusten und Krisen im Finanz-System verlässlich
beurteilen zu wollen, ob der Weg Richtung Inflation oder Richtung Deflation
führt.

Was ist Deflation?
Unter Deflation verstehen Ökonomen das fortwährende Sinken des allgemeinen
Preisniveaus, das letztlich auf alle Einzelpreise durchschlägt. Damit
verbunden ist eine Abwärtsspirale der wirtschaftlichen Aktivitäten, die
sowohl von Unternehmen als auch Konsumenten zunehmend pessimistisch
beurteilt werden; deshalb werden Investitionen zurückgestellt und der
private Konsum wird eingeschränkt, was zu sinkender Nachfrage führt und
einen Verfall der Preise und Löhne bewirkt.
Oft wird im um sich greifenden Pessimismus der wahre Grund für den Antrieb
der Deflationsspirale gesehen, weshalb Vertreter der Finanz-Industrie unter
naiver Mithilfe von Medienschaffenden die Deflationsgefahr gewöhnlich
herunterspielen; sie wollen die Deflation auf keinen Fall «herbeireden»,
also verhüten, dass negative Beurteilungen eine Eigendynamik entwickeln.

Altlasten als Krebsübel
In den Diskussionen zum Thema Deflation bleiben fatalerweise die während
Jahrzehnten aufgehäuften ökonomischen Altlasten ausgeklammert, mindestens
krass unterschätzt; allen voran die gigantische Verschuldung und, daraus
resultierend, die verheerende Macht von Zins und Zinseszins. Weil die
Tatsache, dass sich in der Deflation der Realwert bestehender Schulden
erhöht, verheerende Wirkung entfalten kann.
Steigt der Realwert bestehender Schulden oder werden diese Schulden gar noch
erhöht, während sich die Aktiven gleichzeitig entwerten, dann resultiert ein
wahrhaft rasantes Crescendo an Folgeproblemen. Diese können rasch ausser
Kontrolle geraten, weil die gegenseitigen Abhängigkeiten zwischen den
Problemen in der Regel unterschätzt werden. Besonders tückisch wirkt sich in
jedem Deflationsprozess die ihm innewohnende Selbstverstärkung aus.
Realisiert die Öffentlichkeit, dass ihre in der Schuldenfalle blockierte
Regierung kaum noch Steuererleichterungen beschliessen kann und dass die
Geldmengen-Expansion der Notenbank an den erreichten Verschuldungsgrenzen
der Unternehmen und Konsumenten abprallt, dann setzt sich ein
psychologischer Prozess in Gang, der alle negativen Tendenzen tatsächlich
nur noch verstärken kann. Den Marktteilnehmern dies vorwerfen zu wollen, ist
ein böser Affront und ein Zeichen lähmender Unbeholfenheit; schliesslich
sind diese Marktteilnehmer von der Politik und von den Notenbanken sowie von
der Finanz-Industrie verführt worden, die von der Vernunft gesetzten Grenzen
weit zu überschreiten. Vorzuwerfen ist diesen Marktteilnehmern allenfalls
ihre Gleichgültigkeit, Verführungen nicht rechtzeitig mit gesundem
Menschenverstand hinterfragt und kaum Widerstand dagegen geleistet zu haben.

Verwirrende Entwicklungen
Alles in allem ist für die kommenden Monate und Jahre mit einem wirren
Kaleidoskop sowohl sich verstärkender als auch abschwächender deflationärer
Tendenzen zu rechnen, die von Finanzkreisen und von politischen Behörden
sehr unterschiedlich bewertet werden dürften, was Interpretationen mehr oder
weniger gut informierter Medien ein weites Feld öffnet. Die bevorstehenden
Wechselbäder werden saubere Analysen und zielgerichtetes Handeln stark
erschweren. Nervosität und Ängste werden steigen, die Risiken zunehmen. Auf
folgende Szenarien muss man sich wohl vorbereiten:

­ Zum erstenmal seit fünfzig Jahren könnten die drei Volkswirtschaften
der «reichen Welt» im Jahr 2003 gleichzeitig in negative Inflationsraten
tauchen. Wird das Finanz-Business ausgeklammert, dann zeigt auch der aus dem
Bruttoinland-Produkt (BIP) berechnete Deflator in den USA ins Minus, und
Anzeichen für eine nachhaltige Verbesserung fehlen. Deutschlands
Wachstumsrate fällt (wenn die staatliche Energieversorgung, die öffentlichen
Dienstleistungen sowie Steuern/Abgaben/Sozialbeiträge ausgeklammert werden)
ebenfalls unter Null. Und Japan dreht sich schon seit Jahren in einer engen
Deflationsspirale. In der Schweiz zittert die Kernrate für die Teuerung um
den Nullpunkt.

­ Die Kapazitäten der US-Industrie sind bloss zu 75 Prozent ausgelastet,
jene der Schweiz zu 80 Prozent, jene in Deutschland zu 82 Prozent. Die damit
vorhandenen Überkapazitäten führen zu verschärftem Wettbewerb mit erhöhtem
Preisdruck; dies vergrössert die Zurückhaltung bei Investitionen (man
spekuliert auf fallende Preise), die für ein gesundes Wachstum so wichtig
wären.

­ Bedenklich ist, dass auch die Preise für Dienstleistungen teilweise
bereits zu rutschen beginnen, obwohl diese als resistenter gegen Deflation
gelten, weil sie arbeitsintensiv sind und die Löhne erst in
fortgeschrittenen Deflations-Phasen zu fallen pflegen.

­ Ohne starke Geldmengen-Expansion ist es unmöglich, einen spürbaren
Wiederanstieg des Preisniveaus herbeiführen zu wollen. Aber die Geldpolitik
ist ab einem gewissen Punkt nicht mehr in der Lage, eine Umkehr der
Preisentwicklung zu erzwingen, weil die in einer Deflation sich
wechselseitig verstärkenden Blockaden im Finanz- und Kredit-System sowie
beim Konsum- und Investitionsverhalten aufeinander prallen. Dieser Punkt
ist, wenn er noch nicht überschritten ist, zumindest gefährlich in die Nähe
gerückt.

­ Den Vermögensverlust als Folge sinkender Aktienkurse in der
Grössenordnung von über 7000 Milliarden Dollar hat die Mehrzahl der
Amerikaner erstaunlich locker weggesteckt. Der rasante Anstieg der
Häuserpreise hat ihnen ein Gefühl steigenden Wohlstands vermittelt und damit
den Aktienfrust kompensiert, so dass das Konsumniveau und damit wenigstens
ein leichtes Wirtschaftswachstum gehalten werden konnte. Seit ein paar
Monaten ist die Zuversicht der Konsumenten allerdings auch in den USA am
Schwinden.

­ Die kurzfristigen Zinsen erreichten in den USA im November den
Tiefststand der letzten vierzig Jahre. Was ­ wegen übermächtiger Altlasten ­
allerdings kaum Wirkungen erzeugt hat. Seither ist der Fed-Leitzins für die
Fed-Funds von bisher 1,75 Prozent nochmals überraschend um ein halbes
Prozent auf 1,25 Prozent gesenkt worden. Die Reaktion der Märkte war
verhalten positiv, keineswegs überschäumend oder euphorisierend.
Die Europäische Zentralbank (EZB) ist zur Zielscheibe harter Kritik
geworden, weil sie lange mit zu hohen Leitzinsen eine Inflation bekämpfte,
die es eigentlich gar nicht mehr gebe. Zur Entlastung der EZB ist anzufügen:
Sie ist ein Opfer des Maastricht-Theaters und kann ihre Aufgabe nicht
wirklich erfüllen, müsste sie die Zinsen doch für die einen Staaten
(Portugal, Spanien) anheben, für andere (vor allem für Deutschland)
gleichzeitig senken. Da kommt zum Ausdruck, welche Zwänge und Widersprüche
eine gemeinsame Währung in divergierenden Volkswirtschaften auslöst.

Gefahr droht aus Deutschland
Die Ehefrau des viel zu früh verstorbenen Professor Wolfram Engels,
Marietta Kurm-Engels, hat die Deflationsgefahr für Deutschland wie folgt
eingeschätzt: «Die auf die Weltwirtschaftskrise der Dreissigerjahre im
letzten Jahrhundert und auf Japan begrenzte Erfahrung mit der Deflation
verengt den Blick für ihre Ursachen. Es bedarf nämlich keines Aktiencrashs,
damit ein Land in die Deflation abgleitet; die entscheidenden
Voraussetzungen sind Verunsicherung, gestörtes Vertrauen und daraus
resultierender Pessimismus. (...) In Japan mag die Ohnmacht verwirren, mit
der das Establishment der gravierenden Bankenkrise begegnet, und die
Parallele zur Japan AG ist der deutsche Sozial- und Subventionsstaat.
Gemeinsam ist beiden Ländern die Unfähigkeit der Politik zu greifenden
Reformen. (...) Das könnte der Auslöser für eine deutsche Deflationsspirale
sein: Die Verbraucher sind um die Steuerlast ärmer, wer seine Altersvorsorge
auf Wertpapierbesitz stützt, muss mehr Vorsorge als bisher treffen ­ in
beiden Fällen zulasten der Nachfrage. Wegen der Unberechenbarkeit künftiger
Lasten werden Käufe aufgeschoben, die Mentalität des Abwartens greift um
sich und Kapital flieht, was die Nachfrage noch weiter schwächt.»
Und weiter: «Im deutschen Einzelhandel sind Ursachen und Folgen deutlich
erkennbar: Nach massivem Umsatzeinbruch reagiert er mit dem Abbau von
Personal und drastisch gekürzten Investitionen. Die Anbieter umwerben die
zurückhaltenden Kunden mit immer neuen Sonderaktionen; es kommt zu wahren
Rabatt-Schlachten. (...) Bereits sehen wir die ersten Anzeichen, dass es
dem Handwerk und dem Dienstleistungsgewerbe ähnlich ergehen könnte. Die
Folge: Noch mehr Arbeitslose, eine noch kleinere Steuerbasis, noch grössere
Löcher im Staatshaushalt, weitere Steuererhöhungen.»

Ein fataler Circulus vitiosus!


Walter Hirt

Nachdruck aus «Wirtschaft aktuell», 15. Nov. 2002 ­ von Walter Hirt
herausgegebene, informative Publikation über Hintergründe des Wirtschafts-
und Finanzgeschehens. Probenummern sind erhältlich unter: «Wirtschaft
aktuell», Postfach, 8903 Birmensdorf ZH,
Fax 01 737 26 96, E-Mail: info@walterhirt.ch