Nr. 31, 31. Oktober 2008

Eine wahre Geschichte
So schröpft man Schweizer

Von Hermann Lei, Rechtsanwalt, Frauenfeld

Bruno ist ein eher zurückhaltender Mensch. Er gilt als zuverlässig und hilfsbereit; in seiner Bekanntschaft wird er geschätzt. Beruflich steht er auf eher kargem, doch solidem Grund; zu seinem Glück fehlt ihm nur eine liebe Partnerin.

Im Jahr 2005 lernt er im Ausgang eine junge, ausgesprochen hübsche Brasilianerin kennen. Leticia – ein lebenslustiges Mädchen – ist erst seit kurzem in der Schweiz. Deutsch spricht sie kaum und Englisch nur schlecht. Auch Bruno kann sich nicht richtig in Englisch ausdrücken. Trotzdem entwickelt sich die Begegnung zur Beziehung. Bruno ist verliebt, Gefühle sind ihm wichtiger als eine gute sprachliche Verständigung. Und diese Gefühle scheinen erwidert zu werden. Ja: Leticia drängt gar auf baldige Heirat, welche anfangs 2006 dann auch stattfindet. Wenige Wochen später verreist Leticia in ihr Heimatland Brasilien und bleibt für drei Monate dort. Wie Bruno erst später herausfindet, hat Leticia in ihrer brasilianischen Heimat zwei Kinder. Sie lässt ihren Nachwuchs bei ihrer zweiten Reise in die Schweiz noch zurück, bringt aber ein spezielles Andenken mit: eine Brustvergrösserung. Allerdings, so zeigt sich bald, ist diese nicht dazu gedacht, ihren neuen Schweizer Ehemann zu verführen…

Geschäfte mit solventen Herren

Gegen den Willen von Bruno beginnt Leticia bald in einem «Club» in Zürich zu arbeiten. Schnell wird Bruno jetzt klar: Leticia ist eine Prostituierte. Sie arbeitet im «Club E.» mitten im Bankenviertel und kann sich offensichtlich über mangelnde Kundschaft nicht beklagen. Die solventen Herren der nahen Finanzhäuser lassen sich jeweils eine halbe Stunde von ihren Geschäften dispensieren und entspannen sich bei ihr. Ein bedeutender Manager einer Grossbank nimmt Leticia sogar öfters für ein ganzes Wochenende mit in die Berge. Für ihre Dienste wird sie pauschal mit fünftausend Schweizer Franken entlöhnt und ausserdem erhält sie noch Hilfe bei Geldtransfers in die Heimat, von denen niemand wissen sollte. Nach einem Streit, bei dem Leticia handgreiflich wurde, zieht Bruno aus.

Eine Grossverdienerin

Leticia ist also Grossverdienerin, aber in ihrem Wohnort als arbeitslos gemeldet. Sie bezahlt keine Steuern, keine AHV-Beiträge und keine Wohnungsmiete. Für letztere kommt Bruno auf, der auch den Haushalt erledigt, derweil Leticia in Zürich «arbeitet» oder sich in der Lenzerheide vergnügt. Auch anfallende Rechnungen seiner Ehefrau muss er bezahlen – Bruno realisiert langsam, dass seine Gefühle von Leticia nie erwidert wurden. Schmerzlich muss er feststellen: Er ist nichts mehr als der nützliche Idiot, welcher ihr zum Aufenthaltstitel verhalf und gerade noch für die Arbeiten zu Hause gut genug ist. Bruno versucht zaghaften Widerspruch, aber er traut sich nicht, die resolute Leticia vor die Tür zu stellen. Auch dann nicht, als sie ihm unterbreitet, sie werde schon bald wieder in ihre Heimat reisen. Denn Leticia äussert unterschwellig Drohungen. Zumindest will Bruno aber, dass sich seine Frau ordnungsgemäss in der Gemeinde anmeldet und Steuern bezahlt. Es geht ihm um die Korrektheit, das illegale Verhalten der Gattin beschäftigt und stört ihn. Und vielleicht träumt er immer noch von einer richtigen Ehe. Doch davon sind Bruno und Leticia weit entfernt: Denn jetzt droht ihm seine Frau mit «Jugos», welche sie ihm auf den Hals hetzen wolle, sollte er sie verraten. Eine Drohung, die er ernst nehmen muss, denn er weiss, welche Rolle «Jugos» in der Unter- und Halbwelt spielen.

In der Wohngemeinde W. ist man über die Tätigkeiten von Leticia genau im Bilde – Bruno hat die Gemeinde mit stichfesten Beweisen bedient. Tätig wird die Gemeinde trotzdem nicht. Die AHV-Stelle verweigert Bruno sogar jegliche Auskunft. Auch die kantonale Steuerbehörde bleibt untätig. Der Fall seiner Frau sei zuunterst auf der Pendenzenliste. Steuerhinterziehung scheint für die Steuerbehörde uninteressant zu sein, zumal wenn es sich um einen Fall aus dem Milieu handelt. Auch die eidgenössische Steuerverwaltung bleibt passiv. Trotz dieser Kenntnisse verlängert die Gemeinde W. die B-Bewilligung von Leticia sogar noch um ein weiteres Jahr!

Bruno ist erstaunt, dass seinen konkreten Hinweisen nicht nachgegangen wird. Er vermutet, Leticia habe gewisse Kontakte zu Behördenmitgliedern knüpfen können, welche ihr nun eine Vorzugsbehandlung angedeihen liessen. Doch das bleiben Spekulationen. Gesichert ist, dass Leticia Kontakt zu einem Rechtsanwalt hat, der für sie mit dem nicht versteuerten Einkommen eine Immobilie in ihrem Heimatland kauft. Geldwäsche nennt man das.

Missbrauchte Liebe

Plötzlich ist Leticia aus Bruno’s Leben verschwunden. Dieser stellt später fest, dass er nicht der einzige ist, dessen Liebe schamlos missbraucht wurde. Er erfährt, dass er Opfer einer bekannten Masche exotischer Immigrantinnen ist: Gutgläubige Schweizer Männer werden von fremdländischen Schönheiten verführt, ausgenommen wie Weihnachtsgänse und dann mit unbezahlten Rechnungen und enttäuschten Hoffnungen sitzengelassen. Derweil sind die Behörden inaktiv und nicht einmal bereit, gut substantiierten Hinweisen auf Steuerhinterziehung nachzugehen.

Erhörte Balzrufe

Übrigens: Leticia «arbeitet» immer noch unbehelligt. Und sie hat noch zwei Schwestern. Und unzählige junge Geschlechtsgenossinnen in Brasilien und anderswo, für die ihre Abzocker-Erfolgsgeschichte wie ein Balzruf tönen muss. Damit ist auch klar, dass die Geschichte von Bruno und Leticia ihre Fortsetzung finden wird – mit anderen Betrogenen, mit anderen Betrügerinnen, mit demselben untätigen Staat Schweiz.

Hermann Lei

Die hier beschriebenen Personen sind dem Autor bekannt. Die Namen wurden von der Redaktion geändert.