Nr. 31, 5. Dezember 2003
Antrittsrede als Alterspräsident
im Nationalrat
Im Saal ohne Fenster
Von Nationalrat
Christoph Blocher, Herrliberg ZH
Wir Volksvertreter haben uns auch dieses Jahr wieder zusammen mit dem Bundesrat zur Eröffnung der Legislatur in diesem Saal eingefunden. In einem Raum, der mir in all den Jahren vertraut geworden ist. Doch ehrlich gesagt, so richtig wohl fühlte ich mich hier nie. Warum? War es das viele Papier, die bürokratische Betriebsamkeit, das dauernde Herumwühlen in toten Paragraphen, die oft monotonen Reden?
Erst in diesen Tagen wurde
mir klar, woran es liegt: Wir Nationalräte tagen in einem Saal ohne Fenster.
Wir sind nicht die einzigen. Fast alle Parlamentarier der Welt politisieren
in Ratssälen ohne Fenster! Sehen Sie sich um. Wir sind abgeschottet.
Von Kunstlicht beleuchtet. In einem Saal ohne Fenster. Damit ist es unmöglich,
aus den Ratssitzungen hinaus zu schauen ins Land, ins Leben, zu den Leuten,
die doch unmittelbar von unserer Politik betroffen sind. Dafür muss die
Wirklichkeit in zahlreichen
Berichten, Botschaften, Bulletins zur Türe herein auf unsere Tische getragen
werden. Und schwarz auf weiss stapelt sich dann diese papierene Wirklichkeit
auf unseren Tischen.
Kein Blick ins Innere
Aber auch das Umgekehrte gilt: Kein Blick von aussen dringt in die Welt des
Parlaments. Kein helles Fenster erlaubt den Blick auf die viel beschworene
«Würde des Parlaments». Wir Parlamentarier leben abgeschirmt
von der Öffentlichkeit, abgeschirmt vom Alltag, abgeschirmt von der oft
rauhen
Wirklichkeit. Die Gefahr ist gross, dass wir Politiker die Wirklichkeit vergessen
und nur noch unsere Papierwelt sehen. Eine Welt, die um sich selber rotiert
und weil sie nicht gestört wird durch die Wirklichkeit des Alltags
in eigenartiger Selbstzufriedenheit ruht.
Das Bild von Giron
Dazu passt das monumentale Bild von Giron, das wir ständig vor Augen
haben. Der Maler musste seinen Engel mit einer Wolke bedecken, als ob man
dem Parlament die nackte Wirklichkeit nicht hätte zumuten können.
Dies wurde dem Künstler so wird berichtet befohlen. Diese
Gefahr des abgehobenseins ist nicht nur der politischen Führung eigen,
sondern überall, wo geführt wird. Besonders auch in der Wirtschaft.
Die Führungsspitzen der Unternehmen wohnen gerne in der obersten Etage,
fernab von den Niederungen des Alltags. Und die Geschäftsleitungen laufen
vor allem in guten Jahren Gefahr, die Bodenhaftung zu verlieren.
Darum sollten die leitenden Leute der Unternehmen mindestens einen halben
Tag pro Woche hinaus, durch die Betriebe schlendern und nichts tun als schauen
und hören.
Grundsatzdiskussionen
Meine Damen und Herren, ich rufe uns namentlich den neu gewählten
Kolleginnen und Kollegen in Erinnerung: Entfliehen wir der Gefahr, uns
in der Abgeschiedenheit der Ratssäle und Sitzungszimmer behaglich einzurichten.
Gehen wir hinaus ins Volk, zu den Menschen. Reden wir mehr mit den
«gewöhnlichen Menschen» als mit den Eliten, wenn wir die
Wirklichkeit erfahren wollen. Denn die «Unteren» wissen und sagen
uns, wie es ist. Die «Oberen» sagen uns statt dessen, dass es
so sei, wie sie meinen, dass es sein sollte. Der Gang hinaus lohnt sich, denn
draussen in unserem Lande
finden wir ich zitiere «ein opferwilliges und im Grunde
nicht schwer zu regierendes Volk». «Nur gibt es einige Dinge,
welche die Leute nicht ertragen. Dazu gehört vor allem eine gewisse Überschlauheit,
die glaubt, auf den einfachen Untertanenverstand herabsehen zu dürfen»
(Karl von Schumacher).
Der wohligen, windstillen Abgeschiedenheit der Ratssäle mag es zuzuschreiben
sein, dass viel Grundsätzliches gesprochen und versprochen, aber wenig
Konkretes beschlossen und erzielt wird.
So habe ich in den vergangenen vierundzwanzig Jahren unzählige Grundsatzdebatten
erlebt und oft und vielen Grundsätzen zugestimmt, die leider ohne Wirkung
blieben. Wie oft haben wir doch schon in diesem Ratssaal mit Reden, Vorstössen
und Papieren die Bürokratie abgeschafft? Stets waren wir einig: Es braucht
weniger Bürokratie, denn darunter leidet der Mittelstand, leiden die
Bürgerinnen und Bürger. «Jetzt geht es der Bürokratie
an den Kragen», so titelten die Zeitungen nach diesen Debatten. Nur:
Die bürokratischen Lasten und Hindernisse sind nicht kleiner, sondern
grösser geworden.
Wie oft haben wir hier grundsätzlich die Schulden bekämpft, den
Missstand der Schuldenwirtschaft angeprangert. Wie oft haben wir grundsätzlich
beschlossen und versprochen, die Schulden seien zu senken. Doch die Schulden
sind gestiegen.
Wie oft haben wir in Grundsätzen beschlossen, es sei wichtig, dass die
Bürgerinnen und Bürger weniger Steuern und Abgaben entrichten müssten,
weil diese hohen Abgaben Arbeitsplätze vernichten. Und die Folge? Die
Bürgerinnen und Bürger bezahlen immer mehr Zwangsabgaben.
Wahlen
Am 19. Oktober 2003 hat das Volk gewählt. Wir sitzen hier, weil uns das
Volk als seine Stellvertreter nach Bern geschickt hat, um für sein Wohl
zu sorgen. Viele Menschen in unserem Land fragen sich heute besorgt, ob in
diesem Saal ohne Fenster die mit den Wahlen zum Ausdruck gebrachte neue
Wirklichkeit überhaupt wahrgenommen werde oder ob alles im gleichen Tramp
weitergehe wie bisher. Viele Leute haben den Eindruck, die politische Führung
sei weit weg von der Wirklichkeit und habe den Bürger und seine Probleme
vergessen.
«Lappi, tue d¹Augen uuf!»
So möchte ich die kommende Legislatur eröffnen in der Hoffnung,
dass wir alle die mit den Wahlen zum Ausdruck gebrachte Wirklichkeit auch
ernst nehmen. «Lappi, tue d¹Augen uuf!» so heisst es
am Schwabentor meiner Geburtsstadt Schaffhausen et pour mes amis de la Suisse
romande, j¹ai cherché la traduction du mot allemand «Lappi»,
mais il n¹existe pas. Alors, c¹est clair: Le «Lappi»
existe seulement en Suisse allemande, mais le principe: «Lappi, tue
d¹Augen uuf!», est nécessaire aussi
pour les Suisses romands, parce qu¹elle veut dire «Ouvre les yeux»,
«regarde le monde».
Sie sehen, grundsätzlich sollten die Ratssäle Fenster haben
auch dieser. Aber selbstverständlich nur grundsätzlich und im Prinzip.
So verlange ich denn auch nicht, diesen Ratssaal zum Saal mit offenen Fenstern
umzubauen. Jetzt ertappe ich mich, dass auch ich nur für etwas Grundsätzliches
bin, was
ich im Konkreten ablehne. Schade! Ich bitte Sie, machen Sie es in dieser Legislatur
besser, auf dass wir unser Land und unser Volk bis 2007 gut vertreten.
Ich danke Ihnen.
Christoph Blocher, Nationalrat