Nr. 31, 13. Dezember 2002


Adam-Smith-Brevier: Das Werk eines bedeutenden Ökonomen und Moralphilosophen

Glanz und Elend der Politischen Ökonomie


Von Roland Baader, Waghäusel (Deutschland)

Kaum ein Gelehrter der nachantiken Geistesgeschichte ist dem Namen nach so
bekannt und seiner Bedeutung nach so verkannt wie der schottische
Moralphilosoph Adam Smith (1723­1790), der Vater der modernen Politischen
Ökonomie.

Während den meisten Menschen bei seinem Namen nur die Stichworte
«Liberalismus» und «Freihandel» einfallen, weist ihm der österreichische
Philosoph Streminger verdienterweise den Rang eines «modernen Aristoteles»
zu. Der deutsche Gelehrte Christian Jakob Kraus, der die
Stein-Hardenbergschen Reformen massgeblich beeinflusst hat, schwärmte gar:
«Gewiss hat seit den Zeiten des Neuen Testaments keine Schrift wohltätigere
Folgen gehabt als diese haben wird, wenn sie in alle Köpfe, die mit
Staatswirtschaftssachen zu tun haben, mehr verbreitet und tiefer
eingedrungen sein wird.» Tja, wennŠ, kann man dazu nur sagen, denn im 19.
und 20. Jahrhundert sind (u. a. mit Marx, Engels, Lenin und Konsorten) ganz
andere, realitätsfernere und lebensfeindlichere Ideen in die politischen und
geistigen Köpfe Deutschlands und Europas eingedrungen als die luziden
Erkenntnisse des grossen Schotten.

Negiert und falsch interpretiert
Doch nicht nur Demagogen, «Weltphilosophen» und machtgierige Ideologen haben
die Smithschen Erkenntnisse negiert oder falsch interpretiert; auch die
Nationalökonomen der zwei Jahrhunderte nach Smith haben sich vielfach am
jeweils herrschenden Zeitgeist orientiert und von utopischen
«Erlösungs»-Lehren oder illusionistischen «Patent»-Theorien blenden lassen,
statt von jenem Hochplateau aus weiterzudenken, das die Wirtschafts- und
Gesellschaftslehre des Klassischen Liberalismus mit Smith erklommen hatte.
Besonders die deutsche Historische Schule der Nationalökonomie glaubte,
einen Widerspruch zwischen den moralphilosophischen und den ökonomischen
Anschauungen Smiths erkannt zu haben. Ein Irrtum, der vor allem darauf
zurückzuführen war, dass kaum einer jener Wirrköpfe das Smithsche
Erstlingswerk «The Theory of Moral Sentiments» (Die Theorie ethischer
Gefühle) studiert hatte ­ und somit auch nicht die Axiome der späteren
«Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations» (1776; kurz
als «Wohlstand der Nationen» bekannt) richtig bewerten konnte. Dieses
schwere Manko hat viel zur noch heute weitverbreiteten Auffassung
beigetragen, Markt und Moral seien unvereinbare oder gar gegensätzliche
Phänomene. Und dies wiederum ist eine der giftigen Quellen des
Massenglaubens, das Gegenmodell zur Marktwirtschaft ­ der
Sozialismus/Kommunismus ­ könne die Menschheit auf die «höhere Stufe» einer
Harmonie von Moral und Wirtschaftssystem führen. Ein schrecklicher Irrtum,
der sich ­ wie Professor Christian Watrin im Vorwort des Breviers schreibt ­
«als der grösste gesellschaftspolitische Fehlschlag des zwanzigsten
Jahrhunderts ­ mit katastrophalen Folgen für die Betroffenen» erwiesen hat.

Altruismus und Egoismus
In Wirklichkeit ist der reine Altruismus ­ als axiomatische Forderung an ein
Gesellschaftsmodell ­ eine Utopie; und sein diesbezügliches Gegenteil, der
reine Egoismus (den man der Marktwirtschaft unterstellt), ein ideologischer
Wahn. Die von Adam Smith so akribisch beobachtete und so scharfsinnig
analysierte Realität einer auf Markt und Freiheit ruhenden Wirtschafts- und
Gesellschaftsordnung basiert hingegen auf dem realistischen Menschenbild,
bei dem Eigeninteresse und moralisches Mitgefühl (Sympathie) vielfältig
ineinander verwoben sind. Um so besser, wenn sich bei dieser in der realen
Menschenwelt gegebenen Kombination herausstellt, dass auch (und gerade) der
Part der egoistischen Bestrebungen ­ wie von einer «unsichtbaren Hand»
geführt ­ im grossen und ganzen das Ergebnis zeitigt, dass das Wohl aller
gesteigert und der Wohlstand der vielen gemehrt wird. Kommt das
Eigeninteresse aller Individuen auf freien, rechtlich und wettbewerblich
geordneten Märkten zum Zuge, so schafft dies Wohlstand und bessere
Lebensbedingungen für alle Beteiligten und fördert zugleich jene
Eigenschaften, die ­ über die «warme Welt» der Familie und Kleingruppen
hinaus ­ in der «kalten Welt» der arbeitsteiligen Grossgesellschaft als
moralisch vorzugswürdig erachtet werden.
Selten wurde ein Begriff bzw. ein sozioökonomisches Phänomen in der Geistes-
und Wissenschaftsgeschichte der Menschheit so gründlich missverstanden wie
dieses treffliche Bild von der «unsichtbaren Hand». Damit ist nichts
Übernatürliches oder Mystisches gemeint, sondern die erstaunliche Tatsache,
dass Märkte entstehen und funktionieren, ohne dass irgendein Mensch sie
erfunden oder bewusst geplant hätte (die Menschen haben den Markt allenfalls
entdeckt) und ohne dass die Beteiligten das Wesen dieser Funktionsweise
verstehen müssten. Ausserdem ist damit der segensreiche Mechanismus gemeint,
dass die marktwirtschaftliche Ordnung auch dann ­ und gerade dann ­ der
Wohlstandsmehrung aller Beteiligten dient, wenn jeder einzelne nur seine
eigenen Interessen verfolgt. Und zwar einfach deshalb, weil diejenigen
Marktteilnehmer am besten entlöhnt werden, welche mit ihren angebotenen
Waren und Diensten die Bedürfnisse anderer Menschen (Konsumenten) am
zielgenauesten und preisgünstigsten befriedigen.

Keynesianismus
Dass die Sozialisten und Interventionisten Hohn und Spott über die
unsichtbare Hand ausgegossen haben, belegt nur das Ausmass ihrer
ökonomischen und anthropologischen Ignoranz. Doch war diese Ignoranz nicht
nur ein Fehler der politischen und akademischen Köpfe des 19. und des halben
20. Jahrhunderts. Die Mainstream-Ökonomie der letzten vierzig Jahre war nur
scheinbar vernünftiger, in Wirklichkeit aber ähnlich falsch und desaströs.
Es war (in der westlichen Hemisphäre) das Zeitalter des Keynesianismus,
jener auf den Ökonomen Lord Keynes zurückgehenden und angeblich
«wissenschaftlichen» Voodoo-Ökonomie, die ­ etwas grob ausgedrückt ­ gelehrt
hat, der Reichtum der Nationen komme nicht von der Kapitalakkumulation (also
vom Sparen und Investieren), sondern vom Konsum (der Nachfrage) ­ inklusive
der staatlichen Nachfrage mit ihren «Ankurbelungs»- und
«Beschäftigungs»-Programmen. Der mit dieser Theorie betriebene (den
Machtambitionen der Politik höchst willkommene) «Wohlfahrts-Krieg» ist von
den Geld-Kanonen der Zentralbanken und des IWF ebenso munitioniert worden
wie von den politischen «Pulver»-Lieferanten einer astronomischen
Staatsverschuldung.

Ende des Wahns
Doch nun geht der Wahn zu Ende. Die vor uns liegenden Jahre werden
schmerzlich zeigen, wohin die Hybris der politischen und eines Gutteils der
akademischen Kaste führt, die uns weismachen wollten, «moderne Politik»
könne ­ ja müsse sogar ­ die ökonomischen Gesetze aushebeln und jene
Grundsätze beliebig ignorieren, die Adam Smith erstmalig zu einem
systematischen Gedankengebäude zusammengefasst hat. Der Ökonom Kurt
Richebächer hat nicht sehr übertrieben mit seinem Satz, unsere Zeit habe die
schlechtesten Ökonomen seit 200 Jahren. Damit datiert er die echte und
wahrhaftige Ökonomie zurück auf Adam Smith und seine wenigen, aber würdigen
klassisch-liberalen Nachfolger in der sogenannten Österreichischen Schule
der Nationalökonomie.
Für diese Schule stehen u. a. Gelehrte wie Ludwig von Mises, Friedrich A.
von Hayek und Wilhelm Röpke, denen in der genannten Reihe «Meisterdenker der
Wirtschaftsphilosophie» je ein eigenes Brevier gewidmet ist. Der Bezeichnung
Brevier entsprechend, enthalten diese (neben sachkundigen Einführungen sowie
biographischen und bibliographischen Übersichten) nach Sachthemen geordnete
Kurzauszüge und Zitate aus den wichtigsten Publikationen der behandelten
Denker, bieten also dem Leser den kürzestmöglichen und doch umfassenden
Zugang zu deren Werken. Für vier der sechs schmucken Büchlein zeichnet der
brillante Gerd Habermann als Herausgeber. Diese Brevier-Reihe ist ein
intellektueller Schatz, den zu heben sich kein gesellschaftspolitisch
interessierter Bürger entgehen lassen sollte.

Roland Baader