Nr. 31, 13. Dezember 2002
Arglistige Täuschung der Stimmbürger
Eine Messerstecherei und ihre Hintergründe
Von Nationalrat Christoph Mörgeli, Uerikon ZH
Am Mittwoch, 20. November,
kam es am hellichten Nachmittag auf einem Perron
des Bahnhofs Rapperswil zu einer Messerstecherei.
Bei dieser Messerstecherei
wurde laut St. Galler Kantonspolizei ein
25jähriger «dunkelhäutiger» Asylbewerber aus Nigeria
schwer verletzt. Der
«Blick» verkündete, man nehme die Sache in Polizeikreisen
sehr ernst und
spreche von einem «Tötungsversuch». Der Mann scheine niemanden
provoziert zu
haben, die Attacke habe ihn völlig unvorbereitet getroffen. Das «St.
Galler
Tagblatt» berichtete, dass nach der Tat zwei weitere Jugendliche
dazugekommen wären und den «Dunkelhäutigen misshandelt»
hätten.
Dichtung und Wahrheit
Der St. Galler Polizeisprecher Hans Eggenberger wusste sogar, dass einer der
Täter kurze(!) schwarze Haare und eine Bomberjacke(!) getragen habe.
Ob es
sich um eine «rassistische Aggression» gehandelt habe, liess er
vielsagend
offen.
Die Schweizer Medien nahmen die so gelegte Spur zur inländischen
rechtsextremen Skinhead-Szene bereitwillig auf. Schon am folgenden Freitag
konnte die St. Galler Kantonspolizei von der Festnahme des Messerstechers
berichten, allerdings ohne präzisierende Angaben zu machen. Erst am
Dienstag, 26. November 2002, berichtete sie, beim «weitgehend geständigen»
Täter handle es sich um einen 24jährigen algerischen Asylbewerber.
Plötzlich
erwiesen sich die Verletzungen des Opfers als nicht sehr gravierend, so dass
er das Spital bereits wieder verlassen habe. Ein rassistisches Motiv
erschien jetzt mit einem Mal als nicht mehr wahrscheinlich.
Seltsame «Zufälle»
Zwischen der anspielungsreichen Bomberjacken-Meldung und der Bekanntgabe,
dass es sich beim Messerstecher um einen algerischen Asylbewerber handelt,
lag ein Wochenende. Es war «zufällig» jenes Wochenende, an
dem das
Schweizervolk über die SVP-Asylinitiative abstimmte.
Obwohl man in St. Gallen die wahre Herkunft des Täters schon am Freitag
vor
der Abstimmung kannte, wartete man mit deren Offenlegung bis Dienstag zu.
Polizeisprecher Eggenberger begründete mir gegenüber dieses Verhalten
mit
«fahndungstaktischen Gründen»; man habe die beim Vorfall
beobachteten
allfälligen Komplizen nicht warnen wollen. Eigenartig ist nur, dass
Eggenberger den algerischen Asylbewerber zwei Tage nach der Abstimmung als
Täter bekanntgab, obwohl die am Tatort beobachteten Jugendlichen noch
immer
nicht ermittelt waren. Offenbar wurde es an zuständiger Stelle als sinnvoll
erachtet, solange wie möglich von einem unschuldig schwer verletzten,
dunkelhäutigen Asylbewerber zu berichten, dem ein kurzgeschorener
Bomberjacken-Träger ein Messer in den Bauch gerammt habe. Als man dann
endlich einräumte, der Täter sei ein Asylbewerber aus Algerien,
war nicht
nur der Rassismusverdacht augenblicklich vom Tisch; auch die Verletzung des
Opfers war nun nicht mehr allzu schwer...
Christoph Mörgeli