Nr. 30, 22. Dezember 2006

Ein Weihnachtsessay von Pirmin Meier
"Es gibt nichts Gutes, nur den guten Willen"

Von Dr. Pirmin Meier, Beromünster LU

"Friede den Menschen auf Erden, die guten Willens sind." (Lk 2, 14). Die Worte aus dem Lukasevangelium, in der Mitternachtsmesse mit Emphase gesungen, sind auf denkwürdige Weise Gegenstand politischer Weihnachtsbotschaften geworden. 1952 in der Weihnachtsansprache von Bundeskanzler Konrad Adenauer. Weihnachten 1968 beim Publizisten William S. Schlamm in einer zornigen Abrechnung mit der damaligen Studentenrebellion.

An Weihnachten 1952 dachte der einstige Oberbürgermeister der Stadt Köln zurück an Weihnachten 1932, als sich die Umrisse des Dritten Reiches schon gespenstisch am Horizont abzeichneten. Für die Gegenwart verwies Adenauer auf den untrennbaren Zusammenhang von Frieden und Freiheit sowie deren aktuelle Gefährdung. Was in Ost-Berlin im Juni 1953 passierte, war an Weihnachten zuvor längst absehbar. Und über den schon als Ende des Kalten Krieges gefeierten Prager Frühling schrieb William S. Schlamm am 7. April 1968 in der "Welt am Sonntag": "Am Ende, fürchte ich, wird auch in Prag zugeschlagen werden." Viereinhalb Monate später überrollten die Panzer des Warschauer Paktes die Grenzen der damaligen Tschechoslowakei.


Zeit der Besinnung

Weihnachten ist eine Zeit der Besinnung auf den Frieden. Aber die Frohe Botschaft ist keine zahme Botschaft.

"Den Willen der Menschen, ihren guten Willen, haben in jener heiligen Nacht die Engel ausgerufen. Damit haben sie gesagt, dass es auf uns ankommt, wenn die Erlösung den Frieden bringen soll. Wer ernsthaft will, muss auch bereit sein zum Handeln. Haben wir Willen, sind wir guten Willens?" (Adenauer, 1952)

Der Bundeskanzler wollte damals weder einseitig die Gnade Gottes noch den Geist der Geschichte beschwören. Dem Irrglauben, wonach die Dinge von selbst gut herauskommen, wollte er nicht nachhelfen. Stärker als ein herkömmlicher Weihnachtsprediger hob der Staatsmann die Selbstverantwortung hervor. "Die Lage war noch nie so ernst." Das sprichwörtliche Kanzlerwort des rheinländischen Katholiken setzte zwar Gottvertrauen voraus, war aber hauptsächlich als Appell zu verantwortlichem Handeln gedacht.

Wer ist guten Willens? Diese Frage stellte sich am Ende des Jahres 1968 auch William Siegmund Schlamm (1904-1978), damals wohnhaft in Lugano, der letzte österreichisch-jüdische Publizist aus dem Geiste von Karl Kraus. Also ein sprachgewandter streitbarer Polemiker, der wie sein Landsmann Günter Anders lieber etwas zu laut als ein Phon zu leise vor dem Weltuntergang warnte.

"Es gibt nichts Gutes, nur den guten Willen" ist ein Satz, den man Immanuel Kant (1724-1804) zuschreibt. "Unbedingt gut", formulierte der Philosoph in der "Kritik der praktischen Vernunft", "ist nur der gute Wille". Alles andere ist infolgedessen nur bedingt gut. Bezogen auf die Weihnachtsbotschaft heisst dies, dass der Friede nur denjenigen gewährt werden soll, die gemäss Lukas 2,14 "guten Willens" sind, oder, wie es in neueren Bibelübersetzungen nachzulesen ist, "den Menschen seiner Gnade" bzw. "den Menschen seines Wohlgefallens". Wegen den enormen Schwierigkeiten, die mit dem Begriff "Gnade" verbunden sind, halten wir uns an die Formel der Weihnachtslieder, wie sie auch in der lateinischen Vulgata-Bibel enthalten ist: Et in terra pax hominibus bonae voluntatis. "Den Menschen guten Willens ist der Friede verheissen." Damit ist das Evangelium gewiss nicht falsch ausgelegt.


Weihnachtspredigt eines jüdischen Moralisten

Dieser gute Wille ist aber im Sinne von Kant und des Evangeliums nicht mit der blossen Bekundung guter Absichten zu verwechseln. Die Rebellion, schrieb William S. Schlamm zu Weihnachten 1968 den Cohn-Bendits ins Stammbuch, sei nicht guten Willens, und er meinte damit stellvertretend den Geist der modernen totalitären Ideologien in ihrem Charakter als Aufstand gegen Gott und das Sittengesetz. Die Sex-Revolution von damals rechtfertigte zum Beispiel pädophile Handlungen und postulierte das "Menschenrecht" auf Abtreibung. Die Ausrede "Sind denn nicht alle diese jungen Rebellen von gutem Willen getrieben?" wollte Schlamm nicht gelten lassen:

"Natürlich sind sie es - wenn man unter gutem Willen die subjektive Absicht versteht, mit bösen Mitteln etwas Gutes zu erreichen. Aber diese Absicht hat auch Hitler gehabt. Und Stalin. Kein Mensch hat je etwas Böses getan, ohne es mit der Absicht entschuldigen, ‹eigentlich› das Gute zu wollen. Sittliche Erziehung bestand vom Anbeginn der Zeit darin, diesem Trick dahinterzukommen - das Urteil nicht auf die gute Absicht, sondern auf die bösen Mittel zu stützen. (…) Nicht zufällig ist der Weg zur Hölle mit guten Absichten gepflastert, denn gute Absichten haben wir buchstäblich zum Schweinefüttern. Auf ‹gute Absichten› hat gepfiffen zu werden. Auf sie lasse man sich gar nicht ein, sondern konzediere sie, als völlig belanglos, auch noch den Raubmördern und Menschenverbrennern. Banale Mörder wie Adolf Eichmann sind gerade dadurch charakterisiert, dass sie ‹subjektiv› und ‹eigentlich› nur das Beste wollten. Der Mensch wird zum sittlichen Menschen erst dann, wenn er die Beziehung zwischen ‹guter Tat› und böser Absicht zerreisst, und, im Gegenteil, die entschuldigende Motivation dem Verbrecher als erschwerenden Umstand anrechnet."

Die publizistische Weihnachtspredigt des Moralisten William Sigmund Schlamm vom 22. Dezember 1968 gerät zur prophetischen Abrechnung mit einem Zeitgeist, der die kommenden Jahrzehnte noch verstärkt prägen sollte:

"Weil die Gesellschaft ihre eigenen Sittengesetze nicht mehr für verbindlich hält, widerfährt ihr die Rebellion. (…) Weil ihnen nichts passiert, gibt es Rebellen. Weil das Gesetz nicht angewendet wird, wird es gebrochen. Weil Leib und Leben nicht mehr geschützt sind, werden sie verletzt. Weil Erzieher nicht mehr zu erziehen wagen, "protestiert" der Unerzogene gegen die Erziehung. Weil Strafen abnehmen, nehmen Delikte zu. Die Rebellion ist die Strafe für eine Gesellschaft, die nichts mehr von Sühne wissen will und der Schuld den Frieden verkündet. (…) Der Schuld war aber der Frieden nicht zugedacht. Denn Frieden ist nicht einfach Verzicht auf Gewalt. Im Angesicht von Verbrechen ist der Verzicht auf Gewalt ein Verbrechen. Die frohe Botschaft hat das Gesetz von Schuld und Sühne nicht aufgehoben, vielmehr hat sie seine Gültigkeit erweitert: Denen, die guten Willens sind Frieden; und denen, die sich dem guten Willen des sittlichen Zusammenlebens widersetzen, keinen Frieden! Das Gesetz von Schuld und Sühne ist seit dem Jahre 33 [Hitlers Machtergreifung, P.M.] gültiger denn je. Mögen das endlich auch die Kirchen begreifen!"

William S. Schlamm, der einstige Weggefährte der Widerstandsautoren Ossietzky und Tucholsky, wurde ein Hardliner des Kalten Krieges und einer der bestgehassten und brillantesten Publizisten seiner Zeit. Bekannt geworden ist er als früher Kritiker von John F. Kennedy. Am Beispiel des Kennedy-Kultes erkannte Schlamm einen zunehmenden Vorrang des politischen Stils vor dem politischen Inhalt. Eine Zerrüttung der Proportionen. Kants "guter Wille", so zu handeln, dass daraus ein allgemeines Sittengesetz abgeleitet werden könnte, hat mit der Frage nach dem politischen Stil wenig zu tun. Wenn also einem Politiker oder einer Partei "schlechter Stil" nachgesagt wird, bewegen wir uns nicht im Grundsatzbereich der Politik. Dies galt auch für manche Kritik, die der verstorbene Berner Politiker Kurt Wasserfallen (1947-2006) einzustecken hatte. Grundsätzlich bewegte er sich, wenn es um Delinquenz und öffentliche Sicherheit ging, theoretisch und praktisch nicht weit von den oben zitierten bedenkenswerten Ausführungen von William S. Schlamm.

Im politischen Leben, bei geschäftlicher Tätigkeit und im Privatleben genügen die guten Absichten nicht. Es braucht einen nicht bloss auf den Einzelfall bezogenen beispielhaften guten Willen. Eine sittliche Orientierung. Dazu gehört die Bereitschaft, das Böse jeweils nicht nur im einen Lager zu orten. "Der Friede", hoffte Kant, "wäre ein für allemal gesichert, wenn das Gebot ‹du sollst nicht lügen› Wirklichkeit werden würde". In diesem Sinne bleibt Weihnachten für uns alle eine Aufgabe.

Pirmin Meier