Nr. 30, 22. Dezember 2006

"Öffentliche Diskussion" über den sog. Bergier Bericht
Eine Podiumsfarce

Von Prof. Dr. Hans-Georg Bandi, Bern

Aus Anlass von "Zehn Jahre UEK" lud die im Volksmund in Anlehnung an den Namen ihres Präsidenten als Bergier-Kommission bezeichnete "Unabhängige Expertenkommission Schweiz - Zweiter Weltkrieg" zum Jahresende am 15. Dezember zu einer "Öffentlichen Diskussion" nach Bern ein. Ohne den geringsten Hinweis, dass der Anlass nur für Medienleute zugänglich sei, erhielten Interessenten die Mitteilung, sie müssten vorgängig der von ihnen beabsichtigten Teilnahme mitteilen, welches Medium sie zu vertreten beabsichtigten. Dem war aber dann zum Glück doch nicht so: Trotz Fehlens eines Presseausweises konnte man den Saal unbehindert betreten. Auf dem Podium sassen wie angekündigt Prof. Jean-François Bergier und vier seiner Kommissionsmitglieder sowie sechs Mitarbeiter bzw. Sympathisanten, dazu als treugläubiger Moderator Prof. Hans-Ulrich Jost. Die relativ kleine Schar der Gäste setzte sich aus einzelnen Journalisten, Leuten aus dem Bergier-Clan sowie Mitgliedern und Zugewandten des oppositionellen "Arbeitskreis Gelebte Geschichte" zusammen. Wer gemäss der Einladung ein kontradiktorisches Podiumsgespräch erwartete, sah sich getäuscht. Die elf vom Moderator zu einer Stellungnahme aufgeforderten Podiumsbesetzer nahmen praktisch die ganze gemäss Einladung vorgesehene Zeit von anderthalb Stunden in Anspruch. Eine schliesslich zugestandene kurze Verlängerung genügte für eine eigentliche Diskussion bei weitem nicht. Vermerkt sei das Votum des Vertreters des "Blick", welcher die Veröffentlichung der - inzwischen längst widerlegten - Flüchtlingszahlen begrüsste und die Bergier-Berichte als Nachschlagewerk für Journalisten anpries - seinen Glauben möchte man - lieber nicht - haben!


Staatliche Geschichtsschreibung

Inhaltlich brachte die Podiumsfarce nicht viel Neues. Kaum zu überhören war der Jammer darüber, dass die dank einem Kredit von 23 Millionen Steuergeldern durch weit über hundert Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen unterschiedlicher Qualifikation in 25 Bänden vorgelegten Ergebnisse des sechsjährigen Wirkens der UEK nur wenig Echo gefunden haben, in der Tat wurde weder vom Bundesrat noch vom Parlament, die für die zwiespältige "Vergangenheitsbewältigung" verantwortlich sind, der Versuch gemacht, das Ergebnis zu Handen der Öffentlichkeit zu diskutieren und zu werten.

Nur ganz wenige Empfänger der Berichte dürften die Sintflut von 12 000 Druckseiten eingehend gelesen haben. Einem Dozenten, der sich rühmte, er habe alle 25 Bände in seinem Seminar von A bis Z durchgearbeitet, ist entgegenzuhalten, dass seine Studierenden ihre Beteiligung wohl eher als Zwangsarbeit empfunden haben. Wenig überzeugend war auch die von verschiedenen Rednern vorgebrachte Annahme, die Berichte hätten dazu geführt, dass die Schweiz international wieder zur Kenntnis genommen werde. Man klammerte sich zudem an die Hoffnung, dass die in Zürich aus politischen Überlegungen für Schulen herausgegebene Kurzfassung der Bergier-Berichte die Jugend für die einseitige Darstellung der jüngsten Schweizergeschichte interessieren werde. Dass alter Schnee immer weiter schmilzt, wurde geflissentlich verdrängt.


Viel Trara

Item, man war versucht, bei Verlassen des Selbstbeweihräucherungs-Anlasses in Abwandlung eines alten Kinderliedes folgende Strophe anzustimmen: "Alle Freunde sind schon da, alle Treuen alle, Bergier, Picard, Kreis und Jost, und die ganze Jüngerschar, wünschen für das nächste Jahr, Echo mehr und viel Trara."

H.-G. Bandi