Nr. 30, 21. November 2003
Zwischen zwei Wahlen:
Vom 19. Oktober zum 10. Dezember 2003
Es geht auch um die aussenpolitische Richtung
Von
Max U. Rapold
Im Ringen um eidgenössische Parlamentssitze standen Themen der Sicherheit
im
Zentrum, so diejenigen der Renten, der Arbeitsplätze, der Drogenprävention
und des Personenschutzes. Das Verhältnis unseres Landes zur Europäischen
Union, vor kurzem noch Gegenstand hitziger Auseinandersetzungen, wurde kaum
angesprochen.
Der vom Volk abgesegnete bilaterale Verhandlungsweg hat die EU-Turbos
mundtot oder kleinlaut gemacht. Weniger ungeduldige EU-Anhänger hielten
sich mit dem Beisatz «zurzeit nicht aktuell» bedeckt. Der Bundesrat
will aus klimatischen Überlegungen die Beitrittsoption zwar nicht zurücknehmen,
scheint aber mindestens die Bilateralität als echte Alternative ernst
zu
nehmen. Diesem Eindruck widerspricht allerdings die bundesrätliche
Absicht, in der kommenden Legislaturperiode über eine Aktivierung des
Beitrittsgesuches zu entscheiden. Der EU-Beitritt bleibt also im Bundeshaus
nach wie vor offen, und dies trotz klarer gegenteiliger Willensäusserungen
von Volk und Ständen und trotz der Beteuerungen über die Ernsthaftigkeit
des bilateralen Weges.
Dieser wird durch die «Beitrittsoffenheit» völlig unnötig
behindert. Will man das, um die störrische Volksmacht endlich weichzuklopfen?
Oder herrschen im Bundesrat und in der zuständigen Administration ganz
einfach Verwirrung, Unsicherheit und entsprechende Unentschlossenheit über
die Aussenpolitik der Schweiz?
Ein «Essay» des Staatssekretärs
Für die letztgenannte Möglichkeit spricht ein dreiseitiger «Essay»
des Staatssekretärs im Departement des Äusseren, Franz von Däniken,
in der «NZZ am Sonntag» vom 12. Oktober. Vorab fällt auf,
dass der erste aussenpolitische Berater des Bundesrates nicht klar stellt,
ob er nur im eigenen Namen oder mit Zustimmung seiner Chefin Micheline Calmy-Rey
schreibt wogegen allerdings spricht, dass von Däniken in längeren
Ausführungen moniert, die Aussenpolitik der Schweiz sei «zu stark
auf das Völkerrecht ausgerichtet». Wie bitte? Das liest sich doch
wie eine offene Kritik an den völkerrechtlichen Husarenritten unserer
neuen Bundesrätin!
Ob es echte Meinungsdifferenzen im Departement gibt, interessiert hier weniger.
Bedeutsam sind vielmehr die grundlegenden Gedanken von Dänikens zu «Recht
und Macht in der Aussenpolitik». Unser Staatssekretär verlässt
bei der Analyse der Weltlage hier wohl im Einklang mit seiner Chefin
jegliche Rücksicht auf bisherige neutralitätspolitische Usanzen.
Er stellt schweizoffiziell eine «Kluft zwischen dem Anspruch des universellen
Völkerrechts und der Realität der internationalen Beziehungen»
und die «Ohnmacht der Uno» fest derselben Uno also, der
wir eben erst mit Pomp beigetreten sind. Von
Däniken zeigt mit dem Sprachfinger auf die «Unverfrorenheit»,
mit der die USA ihre Interessen heute und zukünftig wahrnähmen.
Kann man dem schreibfreudigen, aber undiplomatischen Staatssekretär als
weltinteressierter Staatsbürger bis hierhin einigermassen folgen, so
muss man gegen seine die Schweiz betreffenden Schlussfolgerungen energischen
Einspruch erheben.
Fatale «Macht des Faktischen»?
Weil mit dem Völkerrecht unter den derzeitigen Machtverhältnissen
kein Staat zu machen sei, weil also in der Welt auf unbestimmte Dauer nicht
das Recht regiere, sondern die Macht, nämlich «die Macht des Faktischen»
(welch fataler Nachvollzug unseliger Staatstheorien!), gebe es für unser
Land nur
eine Möglichkeit: Den «Schraubstock» der «unausgesprochenen
äusseren Rahmenbedingungen» unserer EU-Politik zu akzeptieren,
die Bilateralen Abkommen II zu einem baldigen Abschluss zu bringen, um dann
«spätestens 2007» über den Zeitpunkt der Aufnahme von
Beitrittsverhandlungen zu
entscheiden. Für unseren Staatssekretär scheint der Entscheid schon
heute klar, da doch die EU «trotz allen Zweifeln, Unsicherheiten und
Kontroversen ... der Schweiz Sicherheit» gebe. In ihr sei die Schweiz
«geborgen, ob sie beitrete oder nicht». Die EU sei «die
Macht, die die Schweiz allein durch
ihr Dasein schützt, indem sie unserem Land grossen Handlungsspielraum
und es weitgehend in Frieden
lässt».
Beruhigende Worte für ein verunsichertes Volk in unsicherer Zeitlage?
Wir wären demnach angesichts zementierter äusserer Machtstrukturen
«geborgen» im Schutz uns umgebender, miteinander verbundener Staaten?
In diesem Gedanken versteckt sich eine Versuchung der Schwäche und Bequemlichkeit,
die unser Land im Lauf seiner Geschichte immer wieder angerührt hat.
Erlegen ist es
ihr bis heute nie. Die angepriesene «Geborgenheit in der EU» entspringt
exakt jenem «Kleinmut», den von Däniken im Bilateralismus
vermutet, womit er unfreiwillig auch andeutet, wie wenig er
eigentlich von ihm hält.
Vom Kleinmut ...
Der «Essay» des hohen Bundesbeamten ist mehr als ein «Versuch»;
nämlich der peinliche Ausdruck einer Mentalität, die aus frei schwebender,
wertferner Warte dem tumben, hinterwäldlerischen Volk die «Öffnung
zu Europa» schmackhaft machen möchte. Kaum einem ist es wie unserem
aussenpolitischen
Staatssekretär gelungen, diese Mentalität in ihrer geistigen Hoffnungslosigkeit
und anpasserischen Willfährigkeit gegenüber fremder Macht sichtbar
zu machen und dabei aufzuzeigen, wie wenig Respekt gewisse aussenpolitische
Exponenten vor der Wahrhaftigkeit haben, wenn sie in Reden den tief verwurzelten
Willen zur nationalen Selbständigkeit, zur selbst gewählten Weltoffenheit
und zur staatlichen Neutralität als unverzichtbaren Ausdruck eidgenössischen
Rechtsverständnisses zu leeren Worthülsen verkommen lassen.
... zur Anpassung
Von Däniken
sei Dank! Er beleuchtet, undiplomatisch zwar, aber zutreffend, den Ungeist
der internationalen Machtpolitik. Wenn er glaubt, uns bleibe nichts anderes
als der «Anschluss» an die «Geborgenheit», falls wir
auch künftig in Frieden und Wohlstand träumen wollen, dann hat er
uns geweckt. Geweckt für die Erkenntnis, dass der Kleinmut des Ohnmachtsgefühls
unmittelbar in die
Knechtschaft der Anpassung führt, während der unerschütterliche
Glaube an die Kraft des Richtigen und des Rechts Berge zu versetzen vermag.
Der unverbogene Blick in die Schweizer Geschichte zeigt, dass sich diese Erkenntnis
auch auf Erfahrung stützt.
Max
U. Rapold