Nr. 30, 29. November 2002
Der Antiterrorkrieg verändert sein Gesicht
Pappenheim am Potomac
Wer zuerst schiesst,
lebt am längsten: Der frivole Spruch aus dem Wilden
Westen wird zu einer strategischen Doktrin. Gottfried Heinrich Graf von
Pappenheim (15941632) sagte es im Dreissigjährigen Krieg noch lateinisch:
«Melius est praevenire quam praeveniri», George W. Bush drückt
sich so aus:
«We must take the battle to the enemy, disrupt his plans, and confront
the
worst threats before they emerge.»
Immer wieder von Applaus
unterbrochen, erklärte der amerikanische Präsident
den Absolventen der Heeresoffiziersschule West Point, wie er den
Antiterrorkrieg führen will. Derzeit verarbeiten mehrere Stäbe seine
Vorgaben zu ausformulierten strategischen und operativen Konzepten. Der
empörte Aufschrei in Europa wird da und dort bei der definitiven Wortwahl
ein leises Echo finden, aber die Grundgedanken liegen fest. Zum Beispiel:
Wir wollen weder
ein Imperium ausbreiten noch eine Utopie
verwirklichen, wir wollen für andere wie für uns Schutz vor Gewalt,
wir
wollen Freiheit und Hoffnung auf ein besseres Leben.
Mit Massenvernichtungswaffen können uns selbst schwache Staaten
und
kleine Personengruppen erpressen und beschädigen. Abschreckung und
Eindämmung, die Rezepte des kalten Krieges, werden nicht überflüssig,
sie
treten in den Hintergrund.
Wir können uns nicht verteidigen, wenn wir auf den besten Fall
hoffen.
Verträge werden gebrochen.
Den Antiterrorkrieg gewinnen wir nicht in der Verteidigung. Wir müssen
die Schlacht zum Feind tragen. Wir müssen den schlimmsten Bedrohungen
entgegentreten, bevor sie wahr werden. In dieser neuen Welt gibt es nur
einen Weg zur Sicherheit: die Aktion.
Streitkräfte müssen bereit sein, augenblicklich in jeder dunklen
Ecke
der Welt zuzuschlagen, wenn nötig auch präventiv.
Es gibt keine Neutralität zwischen Gerechtigkeit und Grausamkeit,
zwischen schuldig und unschuldig. Wir sind in einem Konflikt zwischen Gut
und Böse, und Amerika wird das Böse beim Namen nennen, auch wenn
andere das
als undiplomatisch empfinden.
Bei dieser Doktrin geht
es um mehr als einen Krieg gegen den Irak. Die
Weltordnung soll nach amerikanischen Vorstellungen neu gestaltet werden. Die
Staaten haben zwei Möglichkeiten: Man schwingt sich auf den amerikanischen
Bandwagon und gehört zu den Guten, oder man hält sich fern und zählt
zu den
Schurken.
Die Marine denkt am weitesten
Mit einem operativen Doktrin-Entwurf hat sich die Marine als Hauptträgerin
der neuen aggressiven Präventions-Kriegsführung zu Wort gemeldet.
Sie
richtet sich darauf ein, die Gegenküsten der Meere zu beherrschen.
Kriegsschiffe aller Art, kombinierte Kommandoposten, Marine-Infanterie,
Marine-Luftwaffe und Logistik werden so stationiert, dass sofortiges
Zuschlagen überall und von geschützten Basen auf dem Wasser möglich
ist.
Vernetzte Kommandoführung verbindet Meere, Land, Luft, Weltraum und
virtuellen Raum. Amerikanische Informationsdominanz ist sichergestellt. Da
achtzig Prozent der Weltoberfläche mit Wasser bedeckt sind und niemand
über
eine auch nur entfernt vergleichbare Streitmacht verfügt, steht einer
unbehinderten Seeherrschaft, von der frühere Imperien nur träumten,
kaum
etwas entgegen. Schauplätze künftiger Marine-Einsätze sind
die Gegenküsten.
Vorneverteidigung, Präventivschläge, vorsorgliches Eindringen tief
ins
Hinterland und Kontrolle der Seewege sind die Aufgaben. Die Erwartung
schimmert durch, dass der demonstrative Aufmarsch mögliche Feinde
rechtzeitig zur Besinnung bringe.
Die Nachkriegszeit zeigt, wer gewonnen hat
Nüchterne Reaktion und Einordnung solch aggressiver Sprache ins
Gesamtgeschehen sind nötig. Kriege verlaufen nach erprobten Mustern:
Sie
beginnen in einer Vorkriegsphase, überschreiten (nicht immer) die Schwelle
zur Gewaltanwendung (Krieg im engeren Sinne) und enden in einer langen
Nachkriegszeit. Erst in der dritten Phase erweist sich, wer wirklich seine
Kriegsziele erreichte und wer nicht. Alle drei Zeitabschnitte gehorchen
ihren eigenen Regeln, zeitlose Muster und aktuell-zeitgebundene
Erscheinungen verflechten sich. Kein Krieg verläuft nach Plan.
Im Kampf gegen den «islamistischen» Terrorismus erleben wir mehrere
Kriege
in verschiedenen Zeiten. In Afghanistan geht die mittlere Phase zu Ende. Der
Schwung ist erlahmt, die Truppe sucht nach neuen Aufgaben und Taktiken,
einzelne Kontingente werden in aller Stille abgezogen oder ausgewechselt,
man beklagt sich über Langeweile und ausbleibende Erfolge. Die schwierige
Nachkriegszeit mit ihren Rückschlägen ist in Sichtweite: Ein neuer,
nie
dagewesener Staat nach westlichem Vorbild soll über Nacht heranwachsen.
Wir
werden ihn wohl nie erleben.
Der Krieg ist hinübergewandert nach Pakistan. Dort entwickelt er sich
jetzt
als Krieg im engeren Sinne, als Phase zwei, allerdings in ganz anderen
Formen als im ehemaligen Staat der Taliban. Der Ausgang ist ungewiss.
Pakistan ist ein ungefestigter Staat, der gleichzeitig in einen anderen
Krieg verwickelt ist: den gegen Indien um Kaschmir. Die Schutzmacht USA
steht in schlechtem Ansehen, sie darf sich kaum offen zeigen. Wie teilweise
schon in Kabul, tragen auch in Pakistan amerikanische Soldaten zivile
Verkleidung. Der Geheimdienst unterwandert die Netze feindlicher
Organisationen, und sie unterwandern ihn. Terroranschläge sind an der
Tagesordnung. Pakistan hat Nuklearwaffen.
Imponiergehabe in der Vorkriegsphase
An der dritten Front, gegen den Irak, beobachten wir nach der langen
Nachkriegsphase die typischen Muster einer neuen Vorkriegsphase.
Säbelrasseln soll die Feinde einschüchtern und das eigene Lager
aufstacheln.
Doktrin-Publikationen wie auch die von den Medien wenig kritisch gestreuten
Indiskretionen über angebliche Angriffspläne sind nichts anderes
als das,
was Verhaltensforscher im Tierreich als so genanntes Imponiergehabe
studieren. Vor einem möglichen Kampf vergrössern Tiere ihren Körperumriss,
indem sie Federn aufrichten oder ihre Extremitäten spreizen, sie schnauben,
fauchen, trompeten oder pfeifen. Gorillas trommeln sich auf die Brust,
Singvögel zwitschern hektisch. Nicht anders die Amerikaner. Man droht,
schimpft, bläst die eigenen Kräfte auf, zeigt am Fernsehen die schimmernde
Wehr in Manövern oder Defilees, besonders gerne pausenlose Starts von
Kampfflugzeugen ab Flugzeugträgern, und redet den eigenen Leuten
Überlegenheit und gerechte Sache ein.
Wer das Schema kennt, in das sich unsere Medien so willig und billig
einspannen lassen, und schon manche solcher Vorkriegsphasen erlebte, lässt
sich etwas weniger aufschrecken als der Novize und der politische
Quereinsteiger in hohe strategische Entscheidungsfunktionen. Niemand soll
die Kriegsgefahr, die aus solchem Tun herauswächst, unterschätzen,
man soll
aber auch nicht gleich auf alle Erfahrung verzichten. Kriege führt man
nicht
mit Doktrinen und vorweg publizierten Plänen, sondern mit Täuschung
und
Überraschung, mit Soldaten und Waffen, mit Wollen und Können, mit
Wirtschaft
und Geographie.
Probleme sind schnell und endgültig zu lösen
Jedes Volk hat seine eigene, unverwechselbare strategische Kultur, die sich
nährt aus Geschichte, Interessen, Mythen, geographischer Lage,
Wirtschaftsmacht und kollektiver Erinnerung an Erfolge und Misserfolge, an
Siege und Niederlagen, Leiden und Stolz. Jede Generation bringt eigene
Kriegs- und Friedenserfahrungen ein und setzt sich ab von einigen
Vorstellungen der Vorgänger. Kernstück des strategischen Denkens
ist die
Wahrnehmung der eigenen Macht. So erstaunt denn auch das Auseinanderklaffen
amerikanischer und europäischer Vorstellungen zum kriegerischen Umgang
mit
dem Irak in keiner Weise.
Den meisten Europäern erscheint die lange Friedenszeit seit 1945 als
ein
Wunder. Der kalte Krieg wurde gar nicht als Krieg empfunden. Unter dem
Schutz amerikanischer Waffen (auch Massenvernichtungswaffen) entwikkelten
sie
eine den schrecklichen
Erfahrungen mit Imperien, Machtbalancen und Weltkriegen
entgegengesetzte strategische Kultur der Diplomatie, Kooperation,
institutionellen Verflechtung, des internationalen Rechts. Die Generation
der Achtundsechziger übernahm Regierungsverantwortung und Lehrstühle,
verwarf die unglückliche Machtpolitik ihrer Väter und steigerte
sich hinein
in eine eigentliche Ideologie des ewigen Weltfriedens. Die Streitkräfte
wurden dem Zerfall preisgegeben, Bestände, Budgets und Ausbildungszeiten
schwanden dahin, aus Kriegern wurden Friedenssoldaten, aus Militärs
Militärdarsteller. Heute sind die Europäer gar nicht mehr fähig,
andere als
«Soft-Power»-Strategien zu verfolgen. Der Verzicht auf Macht ist
zum Zwang
geworden, wenn nicht gar zum Evangelium.
Die Welt folgte dem innereuropäischen Wunder nicht. Sie blieb anarchisch,
brutale harte Macht führt Regie, Hegemonie und Machtbalance bestimmen
die
real existierende Machtgeometrie. Die USA haben gestützt auf ihre
militärische und wirtschaftliche Dominanz eine ganz andere Ideologie
entwickelt: Probleme sind nicht mit Geduld, Kompromissen und langen
«Prozessen» anzugehen (Oslo-Prozess, Barcelona-Prozess). Sie sind
vielmehr
zu lösen, schnell und endgültig. Schurken müssen verschwinden,
Regierungen
ausgetauscht werden, dann wird die Welt besser. Europa ist von abnehmendem
Interesse, was dort zu leisten war, hat man mit Bravour geleistet. Die Nato
braucht man weiterhin, mit möglichst vielen Mitgliedern, aber nicht als
Verteidigungsallianz mit Führung im Komitee, sondern zur Schaffung von
Interoperabilität der Streitkräfte, die man sich notfalls ohne Mühe
unterstellen und in eigene Operationen eingliedern kann. Auch
Infrastrukturen werden in künftigen Kriegen nützlich sein.
USA und Europa entfremden sich
Der strategische Interessenraum der USA umfasst die ganze Welt, in der
gleichzeitig vormoderne, moderne und postmoderne Strategiekonzepte verfolgt
werden. Vormoderne etwa in Agrargesellschaften Afrikas, moderne in sich
industrialisierenden Gesellschaften wie China und Russland, postmoderne in
den Dienstleistungsgesellschaften Europas. Internationale Beziehungen werden
mehrere Standards kennen: in Europa die kooperative Sicherheit und
ausserhalb Europas an manchen Orten das Gesetz des Dschungels. Der
Präventivkrieg mit dem Denken der zivilisierten Welt verschwunden
gehört
dort dazu, die Missachtung der Uno-Charta und des Völkerrechts wie auch
der
Alleingang (immer mit der Einladung an die Hilfsvölker, sich den Aktionen
der USA anzuschliessen).
Die USA und Europa entfremden sich, weil sie eine andere Vorstellung vom
Umgang mit der Macht haben. Die Meinungen sind allerdings auf beiden Seiten
des Atlantiks uneinheitlich. In Europa gibt es Bestrebungen, dank einer
eigenen EU-Eingreiftruppe eine gewisse Komponente harter Macht zu gewinnen.
In den USA mahnen namhafte Stimmen, der «Soft power», dem Überzeugen
statt
Zwingen, der sanften Wirkung des eigenen Vorbildes mehr Gewicht zu geben.
Wachsam sein
Einstweilen ist die Stimmung gereizt. Wir tun gut daran, mit amerikanischen
Kriegen zu rechnen und uns auf die möglichen Folgen vorzubereiten. Auf
Ratschläge aus der Schweiz kann verzichtet werden. Man hört nicht
auf sie.
Man achte, mehr als bisher, darauf, sich nicht hineinziehen zu lassen in
ideologisch gefärbte strategische Kulturen, die sich mit unserer eigenen
nicht decken. Die Sicherheit des Volkes im eigenen Land ist zu
gewährleisten. Und die Nachbarn müssen darauf zählen können,
dass ihnen aus
unserem Land keine Gefahren drohen, auch keine terroristischen. Die Folgen
eines amerikanischen Krieges gegen den Irak und weitere Staaten der «Achse
des Bösen», vor allem für die Wirtschaft, sind anhand von
Szenarien
durchzuarbeiten. Es ist Vorsorge zu treffen. Wir liegen zwar im
Friedenswunderland Europa, sind aber mit der ganzen Welt verflochten, in der
uns Recht, Macht und Gewalt auf andere Weise begegnen.
Quelle: «Wochenbericht der Bank Julius Bär», 12. September 2002