Nr. 30, 21. Dezember 2001

Auszüge aus der Generalversammlungs-Rede vom 8. Dezember 2001
Unternehmer und Schweizer
Von Moritz Suter, Crossair-Gründer

Mein Ziel war immer eine starke schweizerische Luftfahrt ­ bestehend aus Swissair und Cross- air. Diesem Ziel habe ich mein ganzes Berufsleben verschrieben.

Für eine starke schweizerische Luftfahrt hatte ich 1993 auch ein Konzept vorgelegt, das ­ rein zufällig ­ auch Phoenix hiess. Dieses Konzept hatte ich der Swissair und dem Bundesrat unterbreitet als Alter- native zum Alcazar-Projekt. Hätten wir dieses Konzept umgesetzt zu einem Zeitpunkt, als die Swissair noch eine fliegende Bank war, hätte die Schweiz heute sehr wahrscheinlich die stärkste und beste Luftverkehrsgesellschaft Europas.

Meine Vorstellung war und ist, die Schweiz mit ihren 7,5 Millionen Einwohnern wie eine Stadt mit verschiedenen Zentren und Flughäfen zu sehen. Wer die Schweiz einmal aus der Vogelperspektive gesehen hat, kann meine Vorstellung leicht nachvollziehen. Genauso wie Paris und London verschie- dene, suburbane Zentren und Flughäfen haben, so hat eben auch die Schweiz mehrere Zentren. Das macht ja den Reichtum dieser Städte aus. Als überzeugte Föderalisten müssen wir multikulturell denken. Das Gespür für andere Kulturen ist ein strategischer Vorteil der Schweiz, den wir nicht auch noch verschenken dürfen. Es wäre ein verhängnisvoller Irrtum, diese multikulturelle Tradition aufzugeben. Sie hat die Geschichte der Schweiz entscheidend geprägt, ja, die Schweiz ist ohne Multikultur nicht denkbar. Gerade die Vielfalt macht den Standort attraktiv. Und der routinierte Umgang mit anderen Kulturen ist unsere Stärke im Alltag. Kulturen sind Werte; und Respekt vor Kultur ist ein Respekt vor Werten.

Ich habe für diese Werte und Ideen immer gekämpft. Sie gehören zu unserem Land, und ich liebe unser Land. Das hat nichts mit Nationalismus zu tun. Es sind Werte, die wir alle dringend brauchen und für die wir letzten Endes leben. Ich mache mir heute grosse Sorgen, dass diese Werte in Gefahr sind. Das wäre zum Schaden unseres Landes.

Der Rettungsplan
Selbstverständlich respektiere ich, dass die Aktionäre den Verwaltungsrat bestellen. So ist es im Gesetz vorgeschrieben. Aber die Form, in der die Bestellung abläuft, war so nie vorgesehen. Hier die wichtigsten Fakten: Um die Swissair zu retten, hat am 21. September der Crossair-Verwaltungsrat dem Antrag von Mario Corti zugestimmt, die Unabhängigkeit und Selbständigkeit der Gesellschaft aufzuge- ben und das Schicksal der Unternehmung mit demjenigen der Swissair zu verknüpfen, um die Swissair in letzter Sekunde noch zu retten. Nachdem diese Lösung unmöglich wurde aufgrund der katastropha- len Finanzlage der Swissair, die sich in einem progressiven Kollaps befand, hat am 29. September Mario Corti ­ seines Zeichens Präsident und Delegierter des Verwaltungsrates der SAirGroup und Mehrheitsaktionär sowie Verwaltungsrat der Crossair ­ als letzte Rettungsaktion für die Swissair eine neue Crossair vorgeschlagen.

Vorgesehen war, dass Investoren die Crossair-Aktienmehrheit aus dem Besitz der Swissair erwerben sollten, um dann am 1. Oktober die Swissair in die Nachlassstundung entgleiten zu lassen. Es war Mario Corti, der Marcel Ospel von der UBS auf den Balsberg bestellt hat, um Hilfe in der Not zu erhal- ten. Wohlgemerkt: ohne mein Wissen. Am 30. September hat Mario Corti dieses Projekt dem Bundes- rat in Bern vorgestellt. Gleichentags stimmten die beiden Grossbanken UBS und CS zu, um damit die schweizerische Luftfahrt vorerst zu retten.

In der Nacht vom 30. September zum 1. Oktober arbeitete der Swissair-Verwaltungsrat mit den Banken ein Term Sheet aus. Darin war nie die Rede davon, dass der Crossair-Verwaltungsrat abtritt. Es hiess vielmehr ganz klar, dass er durch einige Zugänge erweitert würde. Der Crossair-Verwaltungsrat hatte gar keinen Grund zurückzutreten. Der Verwaltungsrat hat für diese ausserordentliche Generalversammlung seine Mandate in der selbstverständlichen Annahme zur Disposition gestellt, dass er sich zur Wieder- wahl stelle.

Die Entgleisung
Dann konferierten am 20. Oktober im Hotel Dolder in Zürich drei Bundesräte mit den neuen Investoren. Die Konferenz beschloss unter Federführung der Bundesräte, ein Steering Committee einzusetzen und Rainer Gut mit dessen Führung zu beauftragen, um auf diesem Weg einen neuen Verwaltungsrat zusammenzustellen. Zu dieser wichtigen Sitzung wurde der Verwaltungsrat der Crossair nicht eingela- den. Das war meines Erachtens der erste grobe Fehler. Von da an lief es nicht mehr gut. Danach wurde der Crossair-Verwaltungsrat vom Steuerungsausschuss über die Neubesetzung des Verwaltungsrates nur noch mittels Pressecommuniqué und über die Medien orientiert.

Am 24. Oktober hatte ich eine persönliche Aussprache mit Rainer Gut in einem korrekten Klima. Ich habe ihm gesagt, dass ich nicht an meinem Stuhl klebe und dass ich ihn selbstverständlich räumen würde, wenn man jemanden besseren fände. Ich sei aber bereit, weiterhin Verantwortung zu überneh- men und meine Erfahrung zur Verfügung zu stellen. Rainer Gut bedeutete mir, dass es Widerstände aus den Reihen der Investoren gegen mich gebe. Ich habe daraufhin angeboten, mich mit den ­ nament- lich nicht genannten ­ Investoren auszusprechen, die Missverständnisse zu klären, so dass man dann in Ruhe entscheiden könne. Dieses Angebot habe ich tags darauf schriftlich bestätigt, erhielt aber nie eine Antwort.

Am 15. November kam es dann zu einem Gespräch mit Professor Peter Forstmoser vom Steering Committee und den Vertretern der beiden Hauptaktionäre UBS und CS. Wir kamen beiderseits zu dem Ergebnis, dass die Kommunikation nicht optimal sei und dass damit keine gute Grundlage bestehe, um nach den Prinzipien unseres Landes einen Übergang zum neuen Verwaltungsrat mit der nötigen Harmo- nie zu ermöglichen.

Bei der Gelegenheit wurde Professor Peter Forstmoser vorgeschlagen, zusätzlich zu Claudio Generali auch Michael Piper sowie mich als Vizepräsidenten in den neuen Verwaltungsrat wählen zu lassen. Diesen Vorschlag habe ich in einem Schreiben an Rainer Gut vom 20. November wiederholt, aber wieder keine Antwort erhalten.

Verletzend und ungerecht
Die Art und Weise, wie der erfolgreiche Crossair-Verwaltungsrat ausgebootet wurde, befremdet. Mehr noch: Sie ist unnötig verletzend und masslos ungerecht. Und dass der Bundesrat zu einem solchen Vorgehen Hand bietet, stimmt sehr nachdenklich. Etwas ist nicht in Ordnung in diesem Land und in der obersten Führung von Politik und Wirtschaft. Die wirtschaftliche Kreativität ist durch den fehlenden geistigen Freiraum in der Schweiz stark gefährdet. Wir erleben in der Praxis Verfilzung, Technokratie, Gefälligkeitswirtschaften und die Machtkonzentration in ein paar Händen.

Wir alle müssen die Kraft aufbringen, um auf breiter Basis eine Revitalisierung herbeizuführen. Wir müs- sen alles tun, um die Zentralisierung der faktischen politischen und wirtschaftlichen Macht möglichst rasch abzubauen. Die Stärke der Schweiz war immer die kulturelle Vielfalt. Wenn wir diesem wichtigen Grundwert verpflichtet bleiben wollen, müssen wir augenblicklich Gegensteuer geben.

In einem vorletzten Gespräch am 28. November habe ich Professor Peter Forstmoser noch einmal darauf hingewiesen, dass der Crossair-Verwaltungsrat sich zur Disposition stelle, aber nicht demissio- niere. Daraufhin hiess es, dass sich unter diesen Umständen die Mehrheitsaktionäre entweder gezwun- gen sähen, die Generalversammlung zu verschieben und die Traktandenliste um den Punkt «Abwahl des Verwaltungsrates» zu ergänzen oder im Januar eine weitere ausserordentliche Generalversammlung einzuberufen und die Abwahl des Verwaltungsrates zu traktandieren.

In dieser für die Crossair existentiellen Phase ­ in den nächsten Wochen müssen wichtige strategische Entscheidungen wie 26/26 und andere gefällt werden ­ wäre es kontraproduktiv und unverantwortlich, dem Management und allen Mitarbeitern einen Streit über die Besetzung des Verwaltungsrates zuzu- muten. Wichtige Entscheide für das Projekt Phoenix blieben liegen. Die Situation würde unerträglich und die Zukunft der Unternehmung ernsthaft gefährdet.

Der Crossair-Verwaltungsrat hat immer der Sache gedient. Obwohl er nicht dazu verpflichtet war, hat er deshalb heute aus eigenen Stücken entschieden, im Interesse der Unternehmung, um die Zukunft nicht zu gefährden ­ und dem Frieden zuliebe ­ in corpore zu demissionieren. Denn jetzt braucht die Crossair dringend Ruhe und Stabilität, damit sie konzentriert arbeiten kann. Auf die Ernennung zum Ehrenpräsi- denten habe ich dankend verzichtet sowie auch auf ein Berater-Mandat, denn ich brauche beides nicht, mir geht es um die Zukunft der Firma und ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Es bleibt die bittere Bilanz, dass die Neubesetzung des Verwaltungsrates im Interesse der neuen Mit- glieder und der Unternehmung als Publikumsgesellschaft, welche auf die breite Gunst der Bevölkerung angewiesen ist ­ sei es als Aktionäre oder als Kunden ­ auch harmonisch hätte ablaufen können. Die ganze Nation muss die zukünftige Crossair tragen, wenn sie Erfolg haben soll. Eine Polarisierung ist da nur von Übel. So hoffe ich, dass wenigstens alle daraus gelernt haben für die Zukunft.

Moritz Suter