Nr. 30, 22. Dezember 2000

Man muss schon sehr genau lesen...

«Verstehst Du auch, was Du liesest?!»So wurde gemäss der Bibel - Apostelgeschichte Kapitel 8, Vers 28, wenn Sie es genau wissen möchten - der Kämmerer von Mohrenland vom Apostel Philippus gefragt. Er musste die Frage verneinen, aber Philippus half ihm auf die Sprünge. Ich könnte mir vorstellen, dass besagter Kämmerer in seinem Gepäck auch den Jahresbericht der schweizerischen Stiftung Pro Helvetia als Literatur mitgeführt hat, denn die Leser dieses Werkes hätten ebenfalls so einen belehrenden Apostel nötig.

Das einzige, was man sofort versteht, ist, dass Pro Helvetia in den Jahren 1996 bis 1999 mehr als 100 Millionen Franken für angebliche Kulturförderung vertünterlen konnte. Da hat zum Beispiel jemand mit Namen Libuse Rudinska aus Prag für eine Studienreise nach Russland von der schweizerischen Pro Helvetia 220 Franken erhalten. Ich verstehe nicht warum. Einem Herrn Alexandre Voisard aus Frank- reich wurden 700 Franken zugesteckt für die Teilnahme am «Rencontre de poêtes» in Lissabon. Ich verstehe schon wieder nicht warum.

Manchmal ist Pro Helvetia auch grosszügiger. Vor allem, wenn es um ganz Wichtiges geht wie etwa den Publikationsbeitrag von 3500 Franken an den ungarischen Verlag Kijarat aus Budapest für die Herausgabe der - oh haltet Euch fest - «Soziologischen Studie zur Situation der weiblichen Homo- sexualität». Dass so etwas Kulturförderung ist, habe ich überhaupt nicht verstanden.

Und gar nicht gewusst habe ich bisher, dass zum Beispiel Norwegen ein armes, auf Geld aus der Schweiz angewiesenes Land ist. Dort hat man den «Bokvennen Forlag, Oslo» mit 29'000 Franken beglückt für die Herausgabe der beiden Bände «Julie ou la nouvelle Heloise» von Jean-Jacques Rous- seau. Indessen wurde unter anderem auch ein bedeutungsvoller Anlass in unserem Land gesponsert: 6000 Franken für die «Europäische Frauensommerakademie» im Evangelischen Tagungs- und Studien- zentrum Boldern. The- ma dieses Happenings: «Computer, Kuh und Weiberwirtschaft» ... Etwas billiger zu stehen kam für Pro Helvetia wiederum die Reise eines Herrn Werner Ruzicka aus Duisburg zur Tagung «You Can Have It» nach Wien. Man hat ihm die Brieftasche aber immerhin mit 1200 Franken aufgemöbelt. Und so geht und liest es sich weiter auf 289 Seiten. Zum Schluss der Aufzählung noch eine fulminante Erfolgsmeldung aus diesem Pro Helvetia-Jahresbericht: Als zwei Schweizer Künstler- innen vor der Schweizer Botschaft in Kairo «die grauen Sicherheitspflöcke in Kunstwerke verwandelten», da seien, ich zitiere - «von der Bankangestellten bis zum Strassenputzer fast alle dabei gewesen». Es darf vermutet werden, dass jene ägyptischen Bankangestellten und Strassenputzer vor allem anwesend waren, um über die «Kunstwerke» zu lachen.

Doch jetzt habe ich noch die absolute Pointe auf Lager: Die Leute von Pro Helvetia wissen selber nicht so genau, für was ihre Stiftung eigentlich da ist. Im Vorwort des Jahresberichtes steht nämlich folgender Satz (Zitat): «Man muss den Bericht schon sehr aufmerksam durchgehen, um die grossen Linien der Tätigkeit und das dahinter stehende Förderkonzept herauszuspüren.» Leider ist mir dieses Heraus- spüren trotz aufmerksamstem Durchlesen nicht gelungen.

Schöne Weihnachten und ein gutes neues Jahr. Ein Päckli kann ich Euch nicht schicken, aber dafür wünsche ich allen einen guten Götti bei Pro Helvetia...

Ernst Tschanz