Nr. 30, 22. Dezember 2000

«Sozialismus ist unmoralisch und unchristlich»
Vom wahren Christentum
Von Roland Baader, Waghäusel / D

In einem kürzlich erschienenen Buch mit dem Titel «Mehr als man glaubt» setzen sich der Wirtschafts- wissenschaftler Roland Baader und weitere Autoren mit den christlichen Fundamenten in Recht, Wirt- schaft und Gesellschaft auseinander. Auszüge aus den Gedanken Roland Baaders: Zum grossen Thema des Liberalismus «Freiheit, Moral und Staat» ist eine schlichte Aussage mit immens wichtigen Sätzen erschienen: «Die Menschen können vom Staat nicht gut gemacht - aber sehr leicht Ðschlechtð gemacht werden. Moralität bedingt Freiheit» (Lord Acton, in: Selected Writings, p. 512).

Man kann diesen einfachen Satz «Moralität bedingt Freiheit» auch anders formulieren, nämlich: Verhal- tensweisen und Handlungen können nur dann einen moralischen Wert haben, wenn sie freiwilliger Natur sind. Die logische Umkehrung lautet: Erzwungene Moral ist keine Moral, erzwungene Caritas ist keine Caritas, und erzwungene Nächstenliebe ist keine Nächstenliebe. Wobei unter «Zwang» nicht das verstanden werden darf, was man gemeinhin die üblichen «Zwänge des Lebens» nennt, «Zwang» steht hier vielmehr als Androhung oder Ausübung obrigkeitlicher Gewalt.

Unmoralischer Sozialstaat
Genau das aber, eine durch obrigkeitliche Gewalt erzwungene Moral, erzwungene Caritas und erzwun- gene Nächstenliebe, ist das entscheidende Charakteristikum nicht nur des Sozialismus, sondern auch des umverteilenden Sozialstaats. Es spielt dabei keine Rolle, ob die hinter dem Zwang stehenden Motive ehrlich gemeint oder (wie meistens der Fall) nur vorgetäuscht sind. Der Kern des Sozialismus und des weichspüler-sozialistischen Sozialstaats ist die verlogene oder gefälschte Moral. Präziser: Sozialismus und Sozialstaat sind unmoralische Systeme. Dass der Sozialstaat ethische Normen und moralisches Verhalten nicht nur verhindert und schwächt, sondern regelrecht zerstört, kommt am klarsten in der einfachen Formulierung zutage: «Warum soll ich meinem Nachbarn helfen, wenn es doch das Sozialamt und die Sozialhilfe gibt?»

Man kann dieses Zerstörungswerk auch anders erklären, nämlich indem man die alltäglichen und inzwischen geradezu geheiligten Vokabeln der politischen Kaste und der intellektuellen Kultur-Eliten von der «solidarischen Gesellschaft», der «sozialen Gerechtigkeit», der «Politik ausgleichender Gerechtig- keit» etc., etc. einmal in eine von allen politischen Scheinheiligkeiten und Schwammbegriffen entklei- dete Alltagssprache übersetzt. Die Botschaft der Parteien und Regierungen in den Sozial-, Umver- teilungs- und Interventionsstaaten lautet dann: Wenn Ihr, liebe Wähler, wollt, dass die Kosten der Schulbildung Eurer Kinder von anderen Leuten bezahlt werden, wenn Ihr wollt, dass andere die Kosten Eurer Gesundheits- und Altersvorsorge - ganz oder teilweise - tragen, wenn Ihr wollt, dass fremde Leute einen Teil Eurer Mieten, Eurer Kinderaufzuchtkosten, Eurer Kur-Aufenthalte und blauen Montage bezahlen, oder wenn Ihr ganz allgemein das Geld anderer Leute ohne vertragliche Gegenleistung haben wollt, dann kauft Euch keine Waffe, um diese anderen Leute damit zu bedrohen und auszurauben; brecht nicht in ihre Häuser ein, um sie zu plündern; erpresst sie nicht, raubt nicht, stehlt nicht und betrügt nicht. Kommt statt dessen zu uns, wählt unsere Partei, denn wir erledigen das alles für Euch auf eine elegante, stille und legale Weise, indem wir entsprechende Gesetze schaffen und alles auf dem ordentlichen Verwaltungswege durchführen. Das, was Ihr als private Bürger nicht tun dürft, also rauben, stehlen, erpressen, bedrohen, den einen wegnehmen, um andere damit beschenken und bestechen zu können, alles das dürfen wir, wenn wir diese Vorgänge «Gesetz» nennen und ein Paragraphenzeichen davorsetzen. Dann ist aus dem Unrecht nicht nur auf wundersame Weise «Recht» geworden, sondern - was noch wundersamer ist: Das alles gilt dann sogar als Ausdruck und Zeichen von hoher Moral, von Humanität, von Mitgefühl und edler Menschlichkeit. Es dient zwar alles nur unserem Macht- und Ansehensgewinn, aber das steht in den Gesetzestexten ja nicht dabei - und schliesslich habt auch Ihr damit das bekommen, was Ihr gewollt habt.

Fremdes Eigentum benutzen
Das ist die nackte Wirklichkeit, die hinter all den politischen Wortnebeln steckt. Und das ist und war zu allen Zeiten der Kern des politischen Geschäfts; auch in der Demokratie, denn «dass der Ursprung der Macht rechtmässig ist, schützt keineswegs vor deren Missbrauch» (Tzvetan Todorov in: «Die Freiheit des Einzelnen und das Gemeinwohl», NZZ vom 31.12.1999). In der gesamten Menschheitsgeschichte haben die Politiker anderer Leute Eigentum benutzt, um sich selber Macht zu kaufen. Und auch - oder gerade - in einem relativ freiheitlichen Gesellschaftssystem gilt: Je mehr Politiker zu geben versprechen, desto mehr ermächtigen sie sich im selben Atemzug, zu nehmen.

Wenn es im Blätterwald unseres Landes seit Jahren vom «Wertewandel» und vom «Werteverlust» tönt, dann sollte man die Ursachen zuallererst in dieser Perversion und in dieser Umwertung aller Werte durch die Politik des Sozial- und Wohlfahrtsstaates suchen, welche Unrecht in Recht, Gewalt in Frieden und Ungerechtigkeit in Gerechtigkeit umdefiniert hat - und zwar in Dimensionen, welche inzwischen den grössten Teil des gesamten Lebens der Menschen überwölben. Es kann nämlich nicht ausbleiben, dass in einer solchen aus Falschmünzerwerten aufgebauten politischen Ordnung nach und nach jeder einzelne Bürger auch für sich persönlich zum Gebrauch des moralischen Falschgeldes übergeht. Dieses ist der Ursprung und der Transformationsriemen der «Ellenbogengesellschaft» - und nicht die Marktwirtschaft, der man dieses Attribut fälschlicherweise zuschreibt. Der Markt ist eben nicht nur der Ort der Produktion und des Tausches von Gütern und Leistungen, sondern auch der wichtigste Ort - ja geradezu das Synonym für die freie, individuelle, persönliche Entscheidung; oder umgekehrt gespro- chen: Der Markt ist der Ort par excellence für die Abwesenheit von Befehl, Gewalt und Zwang. Kurz: Der Markt ist der Ort freiwilliger Kooperation und Interaktion - also der einzige öffentliche Ort, an dem die Herrschaft von Menschen über Menschen prinzipiell und konstitutionell nicht stattfindet. Sein Ordnungs- und Regelungssystem ist der Vertrag, nicht der Befehl. Es gibt keine Alternative zum Markt - ausser dem Befehl und dem zwingenden Gebot.

Wer das einmal in seiner ganzen Bedeutungstiefe begriffen hat, kann sich nur staunend fragen, wie es möglich und erklärlich ist, dass die christlichen Kirchen mehr und mehr das Vokabular des Marxismus und Sozialismus übernommen haben, wenn auch meistens nur die lieblich tönenden Worthülsen des Samtpfoten-Sozialismus im Sozial- und Wohlfahrtsstaat. Dabei steht das Wort «Solidarität» ganz obenan. Wahre Solidarität kann es aber nur als freiwilligen Impetus und als persönliche Entscheidung geben. Erzwungene Solidarität ist keine Solidarität, sondern Zwang und Gewalt. Und die Forderung nach erzwungener Solidarität ist nicht Ausdruck christlicher Nächstenliebe, sondern eine Art Auftrags- Diebstahl. So wie es beispielsweise zwischen Mord und Auftragsmord nur einen geringen strafrecht- lichen und überhaupt keinen moralischen Unterschied gibt, so besteht auch beim Diebstahl und bei der Gewaltanwendung im Namen einer erzwungenen Solidarität kein wesentlicher Unterschied darin, ob sie persönlich durchgeführt oder an Regierungsbeamte delegiert werden. Wenn ein angeblich moralisch integrer Mensch einen anderen oder eine Institution ausdrücklich oder stillschweigend damit beauftragt, zum vermeintlichen oder tatsächlichen eigenen Nutzen Zwang gegen andere Menschen anzuwenden und ihnen unter Androhung von Gewalt etwas wegzunehmen, was den Bestohlenen rechtmässig gehört, dann handelt es sich bei diesem Auftraggeber eben nicht um eine moralisch integre Person, sondern um einen scheinmoralischen Pharisäer, der im Namen des Guten Böses tut - oder dem zumindest zustimmt.

Sozialistische Kirchen
Die Kirchen folgen diesem Trend, statt sich ihm mit voller Kraft entgegenzustellen. Die sogenannten «Sozialworte» der Kirchen aus den Jahren 1994 und 1997 in Deutschland und 1998 in der Schweiz legen beredtes Zeugnis davon ab. Es sind Musterbeispiele für eine unsägliche Vulgär-Ökonomie und für eine der Realität enthobene Herzblut-Planwirtschaft. Im jüngsten Konsultationspapier der beiden grossen Schweizer Kirchen mit dem Titel «Welche Zukunft wollen wir?» versteigen sich die Autoren sogar zu dem Satz: «Eine Gesellschaft ist so weit "Reich-Gottes-verträglich", als sie sich nicht den Sachzwängen des Wettbewerbs unterwirft, sondern weltweit solidarisch an Wirtschaft, Gesellschaft, Politik und Kultur partizipieren lässt.»

Hier wird also der Wettbewerb nicht mehr als segensreiches Korrektiv gegen Herrschaft und Ausbeu- tung gesehen (es sei an das Wort des grossen Juristen Franz Böhm erinnert, der den Wettbewerb als das «genialste Entmachtungsinstrument der Weltgeschichte» bezeichnet hat); ja noch schlimmer: Der Wettbewerb wird auch nicht mehr als die unvermeidliche Lebens- und Ordnungsbedingung einer dies- seitigen Welt der Knappheiten gesehen, sondern als Erfindung kapitalistischer Habgier, welche den Aufbau eines irdischen Paradieses verhindert, den Traum von einer diesseitigen Welt, in der es - analog der im Evangelium verheissenen Fülle des Lebens - weder Rivalitäten noch Mangel gibt. Das ist schierer Marxismus; der innerweltlich verheissene Sprung «vom Reich der Notwendigkeit ins Reich der Freiheit».

Wahres soziales Christentum
Mein Fazit: Der wahre christliche Appell, was das sogenannte «Soziale» betrifft, darf nicht lauten: «Betreibe du, Staat, eine noch grössere Umverteilung, damit die Sozialhilfe-Zahlungen erhöht und auf noch weitere Kreise ausgedehnt werden können», denn damit degradieren sich die Kirchen zu einer Institution, die sich nahezu nahtlos in die Phalanx der tausend anderen Einrichtungen des Wohlfahrts- staates einreiht. Der Appell sollte vielmehr lauten: Lasse du, Staat, den Bürgern ihr Geld, damit sie unseren christlichen Gemahnungen an die persönliche Nächstenliebe und an die individuelle Hilfsbereit- schaft überhaupt noch nachkommen können - und damit sie diese Art des aktiven Christentums überhaupt wieder lernen können.

Roland Baader