Nr. 30, 22. Dezember 2000

Ein resistentes Land
Gewalt in den USA

Von Richard Anderegg, Washington

Zum Thema Gewalt in den USA sind Bände geschrieben worden. Es steht ausser Zweifel: Amerika ist ein Land mit vergleichsweise viel Gewalt. Zugleich ist es aber ein sehr tolerantes und gastfreundliches Land mit Sinn für Humor. Und es hat keine Angst vor Gewalt. Dies dürften auch die Gründe sein, weshalb die Vereinigten Staaten gegen Gewalt so resistent sind und gut mit dem Problem fertig werden.

Das jüngste Beispiel für angedrohte Gewalt in den USA sind die Äusserungen des schwarzen Pfarrers Jesse Jackson, der für den 21. Januar 2001, den Tag der Inauguration des neuen amerikanischen Präsidenten, unverhohlen Ausschreitungen in Aussicht gestellt hat.

Jesse Jackson war einmal ein Jünger Martin Luther Kings und gründete eine Bewegung in Chicago, die «Brotkorb» hiess und sich für bessere Lebensbedingungen und bessere Ausbildung der Schwarzen einsetzte. 1984 stellte sich Jackson als demokratischer Präsidentschaftskandidat in Primärwahlen zur Verfügung und errang einen Achtungserfolg. Dann aber verlegte er sich mehr und mehr auf das Feld der Agitation und wurde zu einer Symbolfigur der militanten farbigen Amerikaner, die ihre Parolen an jedem grösseren Anlass verkündete. Auch nach dem gerichtlich verfügten Stopp der Nachzählung der Stim- men in Florida trat Jackson als Protestführer der armen Demokraten in den schwarzen Quartieren auf und drohte, das Volk werde den republikanischen Präsidenten Bush nicht anerkennen. Die gleichen Kräfte, so die Ankündigung Jacksons, die vor einem Jahr in Seattle das Treffen der Welthandelsorgani- sation und im April 2000 eine Tagung des Internationalen Währungsfonds in Washington massiv gestört haben, würden sich auch am 21. Januar 2001 zur Inauguration von Präsident George Bush in Washing- ton einfinden und den Anlass «zu einem Volksfest der eigenen Art» machen.

Die Polizei Washingtons ist auf Ausschreitungen gut vorbereitet. Mehr als 10 000 Mann wurden zusammengezogen. Allgemein wird davon ausgegangen, dass die Amtseinsetzung George Bushs trotz der von Pfarrer Jackson angekündigten Störmanöver weitgehend ruhig über die Bühne gehen wird. Die Bewohner bleiben gelassen. Ihnen machen die angekündigten Demonstrationen wenig Eindruck; Gewalt ist ein lebendiges Stück des amerikanischen Alltags. Politische Beobachter rechnen damit, dass in den USA das Jahr 2001 trotz der Wahlgroteske kein besonders unruhiges Jahr werden wird. Amerika erlebte andere Zeiten, etwa die späten sechziger und frühen siebziger Jahre. Die Krawalle des Jahres 1967, die in Newark im Staat New Jersey und in der Autostadt Detroit teilweise zu eigentlichen Strassenschlach- ten ausarteten, forderten 70 Tote und rund 3000 Verletzte.

Der Vietnamkrieg mit der Tet-Offensive bescherte 1968 auch in der Innenpolitik unruhige Zeiten. Gleich- zeitig kämpften damals die Schwarzen für ihre Bürgerrechte. Präsident Johnson, 1964 glanzvoll gewählt, verzichtete anfangs 1968 auf eine Wiederwahl. Im April des genannten Jahres wurde der schwarze Bürgerrechtler Martin Luther King ermordet, was zu gewaltsamen Ausschreitungen schwarzer Demon- stranten führte, bei denen ganze Innenbezirke verschiedener Städte, darunter auch der Hauptstadt Washington verwüstet wurden. Zwei Monate später fiel Senator Robert Kennedy, der aussichtsreiche Kandidat der Demokraten für die Präsidentschaft, einem Mordanschlag zum Opfer. Protestkundge- bungen am Rande des demokratischen Wahlkonvents in Chicago eskalierten zur Strassenschlacht.

1968 war tatsächlich ein Jahr, in dem man sich um die innere Ruhe und Ordnung in den USA Sorgen machen konnte. Auch die damaligen Krisen verkraftete das Land jedoch gut. Zum Präsidenten gewählt wurde der Republikaner Nixon, alles andere als ein Liebling der staatskritischen Demonstranten. Seine Amtszeit begann verheissungsvoll; die Amerikaner begannen sich von Vietnam zurückzuziehen, im Juli 1969 landeten die ersten Amerikaner auf dem Mond und einen Monat später wühlten 400'000 halb- nackte bekiffte Blumenkinder unter ohrenbetäubendem Lärm im Schlamm des Woodstock-Festivals - von inneren Unruhen keine Spur mehr.

Konfliktgewohnt
Amerika ist gross, tolerant und erfahren genug, um Proteste, Demonstrationen, Ausschreitungen, Konflikte, selbst bürgerkriegsartige Krawalle in Städten weitgehend unbeschadet zu überstehen, ohne dass das normale Leben stark tangiert wird. Gewiss, allein im Jahre 1967 verzeichnete das Land 32'000 Opfer von Schusswaffen, davon 9300 von Morden, sowie 62'000 Verletzte wegen Schusswaffenge- brauchs. Gewiss, an der Präsidentenwahl in Florida kleben unübersehbare Schönheitsfehler. Aber «so what»; für den Amerikaner geht alles seinen gewohnten Lauf.

Selbst bei den grössten Unruhen, bei militanten Kundgebungen, bei Attentaten und wenn sich die Leidenschaften austobten: Nie wurde das Land funktionsunfähig. Allerdings sollte man in spannungs- geladenen Zeiten denjenigen, die es funktionsfähig erhalten, besser nicht im Wege stehen.

Richard Anderegg