Nr. 29, 17. Oktober 2008

Glossen von Arthur Häny
Die Gratiszeitungen


«Ich habe dir eine bittere Nachricht», sagt Barbara mit einem Lächeln und hält Hannes die Gratiszeitung ‹News› entgegen. Und in der Tat steht da auf der Titelseite gross gedruckt zu lesen: ‹Bitter: Schoggi bald deutlich teurer›. ‹Das trifft dich schmerzlich, nicht wahr?›»

«Es kommt vielleicht meiner Figur zugut», meint Hannes lachend. «Du hast doch letzthin bemerkt, sie sei etwas ausladend geworden.»

«Man soll die Hoffnung, schöner zu werden, nie aufgeben», scherzt Barbara. «Auf derselben Titelseite macht eine junge Diva namens Victoria Furore. Und weisst du womit? Nur mit einer neuen Frisur!»

«Das mag ja angehen für diese glamouröse Prominenz! Für uns bejahrte Semester wird das Schöner-Werden schon schwieriger, trotz dem überwältigenden Angebot von Kosmetik-Produkten. All dieser äusserliche Party-Rummel war uns schon immer zuwider. Wir versuchten von Anfang an einen anderen Weg zu gehen, den Weg nach innen. ‚Im Innern ist ein Universum auch!’ hat schon Goethe gesagt.»

«O ja, aber in diesem Universum triffst du dann wahrscheinlich keine von diesen Party-Schönheiten an!» meint sie. «Aber was die Gratiszeitungen betrifft – wir wollen gerecht sein. Auch gewichtigere Persönlichkeiten werden darin abgelichtet. Sieh da, auf Seite 2, kein Geringerer als unser Bundespräsident! Sitzt auf einem Stuhl zwischen lauter knienden, im Gebet verharrenden Muslimen und streckt beide Hände vor sich hin. Was soll das wohl bedeuten?»

«Möglicherweise auch ein Gebet. Übrigens erstaunt mich immer wieder die Überfülle von farbigen Bildern. Manchmal quellen sie so auf, dass es den Texten schwindlig wird und ihre Seitenränder zu schlingern beginnen. Immer bekommt der Leser direkt vor Augen geführt, um wen oder um was es sich handelt. Er braucht sich gar nichts selber vorzustellen; alles wird ihm gratis und franko ins Haus geliefert.»

«Oder ins Tram oder den Bus! Übrigens, diese vielen Bilder – weisst du, woran sie mich erinnern? An die Biblia pauperum, die Bibel der Armen im Mittelalter. Da malte man all die erbaulichen biblischen Geschichten an die Kirchenwand, damit das arme Volk, das nicht lesen konnte, doch auch etwas habe vom Christentum…»

«Wir haben inzwischen doch grosse Fortschritte erzielt!» lacht Hannes. «Jetzt können nämlich alle Leute lesen!»

«Sollte man meinen», sagt Barbara. «Aber wir haben gar kein Recht, uns über die Pendler mit ihren Gratiszeitungen lustig zu machen. Denn auch wir selber, seien wir doch ehrlich – auch wir selber füllen oft eine müde Viertelstunde mit solcher Lektüre aus. Wir fühlen uns manchmal so müde, so ausgelaugt – dass wir uns in einen bequemen Sessel setzen und in einer Gratiszeitung lesen… Und dabei stünden gute Bücher zu Dutzenden rings an den Wänden herum…»

«Zugegeben», sagt er, «aber die sind halt unbequemer, die wollen mehr von uns! Die müssen wir mit unserer eigenen Vorstellungskraft illustrieren! Doch über die Leute, welche nur die News, das ‹.ch›, das ‹20minuten› oder den ‹Blick am Abend› lesen, will ich mich durchaus nicht lustig machen. Sie sind froh, sich auf dem Weg zur Arbeit oder auf dem Heimweg rasch über alles Aktuelle informieren zu können. Und wirklich, die Gratiszeitungen liefern ihnen zuverlässig die landläufigen Neuigkeiten, besonders im Bereich von Politik, Sport und Unterhaltung.»

«Sie bringen grosso modo dasselbe, was abends auch die Tagesschau bringt.»

«Nur die Ereignisse bringen sie – aber sie durchleuchten sie nicht. Dazu fehlt ihnen die Zeit und der Raum. Sie hasten Tag für Tag hinter den Neuigkeiten her, die sich verkaufen lassen. Nicht anders als die Illustrierten und die ganze Boulevardpresse... Das Problem sind für mich eigentlich nicht die Leser dieser Blätter, sondern ihre Produzenten. Die geben vor, den Leser dort ‚abzuholen’, wo seine Interessen lägen, beim Prominentenklatsch, beim Spitzensport oder bei Sex and Crime. Sieh dir nur einmal die Titel einzelner Berichte an: ‹Mädchenleiche in Reisetasche gefunden› oder hier: ‹Fleischlieferer wirbt mit nackter Frau›. Natürlich ist es leicht, auf diesem Gebiet Interesse zu erregen. Aber sind das wirklich die Interessen der Leser? Hätten nicht viele von ihnen etwas Besseres verdient?»

«Vielleicht», sagt sie, «aber machen wir uns nichts vor! Das Bedürfnis nach Nervenkitzel, nach sinnlich erregender Unterhaltung war schon immer und überall enorm. Denk nur an die alten Römer. Die breite Masse verlangte dort ‹panem et circenses›, Brot und Spiele. Die blutrünstigen Todeskämpfe der Gladiatoren befriedigten die niedrigsten Instinkte der Zuschauermassen. Ähnlich wie bei uns die Boxkämpfe.»

«Ja, sogar ein grosser Philosoph wie Seneca hat sich diese Gladiatorenspiele mit Interesse angesehen, wenn er sich auch davon distanzierte… Im Vergleich zu jenen grausamen Schlächtereien kommen mir diese Zeitungen harmlos vor!»

«Übrigens haben sie bestimmt auch ihr Gutes!» meint Barbara. «Unsere vielen Ausländer können hier gratis Deutsch lernen. Die einzelnen Artikel sind ja korrekt formuliert. Ihr Wortschatz ist für Leute, die sich die deutsche Sprache erst aneignen müssen, schon recht beträchtlich. Und die Bilder helfen dem Verständnis nach.»

«Du hast recht», sagt Hannes. «Aber es irritiert mich immer wieder dasselbe Problem: dass man den Leuten nichts Besseres bietet, dass man sie festnagelt auf einer tiefen Bewusstseinsstufe! Wie können sie auf wesentlichere Gedanken kommen, wenn sie immer wieder auf eine ‹Mädchenleiche in der Reisetasche› stossen?»

«Du machst dir da zu viele Sorgen», meint sie. «Die Blätter bringen ja auch viel seriösere Sachen! Und übrigens, kennst du die Geschichte von dem lustigen Lügenbaron von Münchhausen, der sich an seinem eigenen Schopf aus dem Sumpf gezogen hat? Physikalisch ist das unmöglich, aber psychisch ist es möglich! Ich meine: wer sich ernstlich nach etwas Besserem sehnt, der wird es auch finden. Es liegt aber nicht an jeder Tramhaltestelle stapelweise auf. Schon die grossen Tageszeitungen durchleuchten die Dinge gründlicher – und wie mannigfach ist erst das Angebot unserer Buchhandlungen, wie immens die Fülle fundierter Information in unseren Bibliotheken! Wer ernstlich sucht, der wird auch finden. Dann kann man ihm mit dem Heiligen Augustinus zurufen: ‹Tolle, lege!› Nimm es zur Hand und lies!»