Nr. 29, 8. Dezember 2006

Freiheit, Unabhängigkeit und Neutralität: Die Schweiz aus USA-Sicht 1942 (13. Folge)
Langsam keimt Hoffnung

Von Dr. Jürg Stüssi-Lauterburg, Windisch AG

Während sich Mitte 1942 die Stimmen jener allmählich mehren, die überzeugt sind, dass Hitler den Zweiten Weltkrieg nicht gewinnen kann, sieht sich die vom Dritten Reich eingeschlossene Schweiz unvermindert ernsten Devisen- und Versorgungsproblemen ausgesetzt. Probleme, denen die Briten mit etwas mehr, die Amerikaner mit zunehmend weniger Verständnis begegnen.

Am 1. Juni berichtete William Rappard aus London an Bundesrat Stampfli, an der Themse sei man sich des Sieges der Alliierten vollkommen sicher. Die demokratische Schweiz werde - wie sich aus einer anderen, vor allem von älteren Routiniers geprägten Meldung ergebe, die von jungen Abteilungschefs weniger und vom notorischen Kritiker der Schweiz John Garnett Lomax gewiss nicht geteilt werde - in London mit Wohlwollen betrachtet, auch wenn man Bern gelegentlich vorhalte, den Nationalsozialisten exzessive Konzessionen gemacht zu haben. Die patriotischen Worte Bundesrat von Steigers seien gut aufgenommen worden. Gleichzeitig wolle man den Einsatz schweizerischer Ressourcen zugunsten der Achsenmächte weiter einschränken. Überdies bestehe das Bestreben, die Bezahlung schweizerischer Exporte nach Grossbritannien mit einer Währung zu regeln, die nur auf dem britischen Markt verwendet werden könne. London sorge sich um das Pfund Sterling bezüglich Nachkriegszeit. Weiter meint Rappard, der Einbezug der Amerikaner habe die Gespräche in London verlangsamt.

Weiterhin Dollarprobleme

In Zürich schloss der amerikanische Konsul Maurice W. Altaffer am 3. Juni die Übersetzung einer siebenseitigen Studie über den gegenwärtigen Status des Dollars in der Schweiz ab. Das Original war in einem Wochenbericht der Privatbank Julius Bär & Co erschienen. Die Studie ging davon aus, dass der Weltkrieg das internationale Zahlungssystem zum Erliegen gebracht habe. Freier Kapitalverkehr sei nach dem Kriegsausbruch nur noch zwischen den europäischen Neutralen und den USA möglich gewesen, durch das im Juni 1941 auf den gesamten europäischen Kontinent ausgedehnte amerikanische Freezing nun aber praktisch unmöglich geworden. Freie Kapitaltransaktionen seien nur noch zwischen der Schweiz, Portugal und Schweden möglich. Das amerikanische Freezing sei nicht so sehr zum Schutz des Dollars als vielmehr aus politischen Gründen erfolgt und erschwere Zahlungen an Berechtigte in der Schweiz ungemein. In der Regel könnten in der Schweiz lebende Amerikaner auf die Freigabe von monatlich fünfhundert Dollar und in der Schweiz lebende Schweizer sowie nichtfeindliche Ausländer ("non-enemy aliens") auf kleinere Beträge zur Bestreitung des Lebensunterhalts hoffen.

Blockierte Dollars - deren Kurs etwa 3 Franken betrage - seien an sich handelbar, aber nicht für Schweizer Banken, welche sich an ein entgegenstehendes, von bürokratischer Nervosität diktiertes Gentlemens Agreement halten müssten. Vom amerikanischen Standpunkt aus seien jene Dollars illegal, welche in den USA bei Freunden und Verwandten lägen und dort nicht deklariert worden seien. Schliesslich existiere der vollkommen legale Notenmarkt, auf welchem der Dollar um bis zu 2 Franken gesunken sei und heute mit rund 2.35 gehandelt werde. Der tiefe Kurs sei eine Folge des Verbots des Imports von Dollarnoten in die USA, deren Freigrenze auf 1000 Dollar pro Reisenden festgesetzt worden sei.

Angesichts ihrer Goldvorräte hätten die USA und die Schweiz die solidesten Währungen der Welt und man frage sich, ob der Wertverlust der verschiedenen Dollar-Instrumente gerechtfertigt sei. Zwar seien die USA ein Krieg führendes und die Schweiz ein neutrales Land, aber die Schweizer Wirtschaft werde durch den Krieg stärker in Mitleidenschaft gezogen als die amerikanische. Nun nehme die Nationalbank nicht alle legitimen Dollars, sondern nur solche, welche für den Lebensunterhalt der Verkäufer nötig seien, zum Kurs von 4.35 minus Kommission herein, was eine Ungerechtigkeit sei. Anlagen im Ausland hätten stets eine grosse Rolle gespielt für den schweizerischen Wohlstand. Sie seien eine wichtige Reserve für die Nachkriegszeit. Es sei deshalb nicht richtig, nur von Kapitalflüchtlingen zu sprechen, welche ihre gerechte Strafe erhielten.

Die Wende von Midway

Ein zweites Thema, das die offiziellen Amerikaner in der Schweiz in den ersten Junitagen beschäftigte, waren die Folgen der Versuche mit chemischen Kampfstoffen im Kanton Uri. Der Gesandte Leland Harrison teilte am 5. Juni Konsul Altaffer mit, er habe die Meldung über diese Versuche sehr interessant gefunden und der mittlerweile zum General beförderte Militärattaché Barnwell Legge habe einen Bericht darüber ans War Department in Washington geschickt. Altaffer müsse keine besondere Nachrichtenbeschaffung aufziehen, solle aber melden, was er erfahre, auch über die Genossenschaft "Wilhelm Tell", der gemäss Presseberichten die Entschädigung der betroffenen Bauern übertragen worden sei.

Die Seeschlacht von Midway in der Mitte des Pazifiks, wo den Japanern der "entscheidende Schlag" gegen die US-Flotte klar misslang, wurde zwar in der Schweiz registriert, aber die welthistorische Dimension dieses Wendepunkts der Seekriegsgeschichte zunächst auch in informierten Kreisen kaum erfasst. Näher lag die sowjetisch-deutsche Front. Am 10. Juni sandte Konsul Altaffer die vierseitige Zusammenfassung eines Vortrags, den ein schweizerischer Russlandkenner vor einem militärischen Publikum gehalten habe, an die Gesandtschaft nach Bern. Der Russe kämpfe nicht mehr für den Kommunismus, sondern für sein eigenes Land und leiste deshalb dem Deutschen Widerstand, wo er nur könne. Vielleicht nicht untypisch für die damalige Stimmung mag der auf dem amerikanischen Konsulat eingegangene anonyme Brief sein, welcher von Konsul Walter H. Sholes aus Basel am 12. Juni an den Staatssekretär weitergeleitet wurde:

"Gott segne Präs. Roosevelt und sein ganzes Volk und brauche es zur Befreiung von Hitler und Teufelsjoch. England und Amerika kämpfen auch für die Freiheit der Schweiz. Ehre ihrem Willen und Mut zur Befreiung der Völker. Alle Völker Europas schmachten unter dem schweren Joche Hitlers und seiner Gesellen. Es leben die geeinten Demokratien, Gott führe sie zum Siege."

Im Unterschied zum Autor des Briefes konnten die Verantwortlichen weder anonym handeln noch ihren Gefühlen freien Lauf lassen.

Macht vor Recht

Am selben 12. Juni wandte sich das Erste Departement der Nationalbank ans Politische Departement und beschwerte sich über die Eingriffe britischer Konsulate in das Bankgeschäft. Dem Basler Bankhaus Dreyfus Söhne & Co war zugemutet worden, jeden Handel mit deutschen oder italienischen Wertpapieren und mit Dollar- und Pfundnoten einzustellen. Die Konsequenzen der Befolgung solcher Direktiven lagen auf der Hand. Man solle, schloss die Nationalbank, seitens des Politischen Departements den Banken Weisungen erteilen, auf solche Begehren grundsätzlich nicht einzugehen. Die Realität war allerdings auch für die Nationalbank klar:

"Alle diese von den angelsächsischen Mächten ergriffenen Blockademassnahmen und nebenher laufenden Verfügungen basieren nicht auf geschriebenen Rechtsgrundsätzen, sondern auf der tatsächlich ausgeübten Macht von im Kriege befindlichen Staaten, für welche ausschliesslich das eigene Interesse im Hinblick auf das Erringen der Kriegsziele massgeblich ist."

Jürg Stüssi-Lauterburg