Nr. 29, 17. Dezember 2004
Jede Arbeitsmarkt-Reglementierung schadet dem
Werkplatz Schweiz
Personenfreizügigkeit mit Osteuropa
Nationalratsvotum
des Unternehmers Peter Spuhler vom 8. Dezember 2004
Ich habe weniger Probleme, meine Interessen offenzulegen, als gewisse
Kollegen, die vor mir gesprochen haben. Ich spreche zu Ihnen als Unternehmer,
der diese Märkte, über die wir heute sprechen, sehr gut kennt.
Ich bin seit einigen Jahren
in der Slowakei, in Ungarn und in Polen tätig, wo wir auch entsprechende
Produktionen betreiben. Mir liegt aber der Werkplatz Schweiz ausserordentlich
am Herzen; das ist mit ein Grund, dass ich mich 1999 bereit erklärt habe,
meinen Namen auf die Nationalratsliste setzen zu lassen. Wir haben in den
letzten fünfzehn Jahren von der Firma Stadler aus in der Schweiz gegen
tausend Arbeitsplätze neu geschaffen. Ich bin auch ein Befürworter
der Bilateralen I und möchte Ihnen hier mitteilen, dass wir rund 50 Prozent
des Umsatzes im Ausland generieren.
Kompetenz und Inkompetenz
Ich wurde von Herrn Cina (CVP-Fraktionspräsident) der Inkompetenz bezichtigt.
Er soll bitte zuerst einmal das Wort Wirtschaftspolitik buchstabieren lernen,
bevor er uns Inkompetenz vorwirft. Unsere Fraktion zählt immerhin zwanzig
selbständige Unternehmer. Für mich ist ein Unternehmer einer, der
sein Kapital in der eigenen Firma hat und diese operativ führt. In der
SVP-Fraktion sitzen zwanzig Unternehmer, ohne Rechtsanwälte und Bauern!
Ich möchte einmal wissen, wie viele Unternehmer bei der CVP-Fraktion
dabei sind. Wenn Sie auf fünf kommen ... (Zwischenruf: Einer!). Also
einer; herzlichen Dank! Seien Sie zukünftig vorsichtig, wenn Sie der
SVP-Fraktion Inkompetenz in Wirtschaftsfragen vorwerfen.
Wettbewerbsfähigkeit
Wenn ich jetzt die sachliche Seite anschaue - Freizügigkeitsabkommen,
Zusatzprotokoll, Personenfreizügigkeit, flankierende Massnahmen -, habe
ich zwei Herzen in meiner Brust. Mir ist klar, dass wir die Märkte in
Zentral- und Osteuropa brauchen, um das dringend notwendige Wirtschaftswachstum
in der Schweiz generieren zu können. Der Preis dafür darf aber nicht
sein, dass wir über die flankierenden Massnahmen unsere Konkurrenz- und
Wettbewerbsfähigkeit hier in der Schweiz unterlaufen und untergraben.
Das geht nicht! Die Schweiz hat im internationalen Wettbewerb nach wie vor
einen grossen Vorteil: unsere liberale Wirtschaftsordnung. Dieser Wirtschaftsordnung,
speziell dem Arbeitsrecht, müssen wir unbedingt Sorge tragen. Es kann
nicht sein, dass wir über die flankierenden Massnahmen diesen Vorteil
verlieren.
Es wurde bereits von diversen Vorrednern, von den Verbandsfunktionären,
erwähnt: Auch ich habe grösste Mühe mit der Politik und der
Position des Arbeitgeberverbandes, speziell mit Peter Hasler. Es kann nicht
sein, dass zwischen Gewerkschaften, Arbeitgeberverband und auch dem Bundesrat
bereits
ein Päckli geschnürt wird, bevor der politische Prozess beginnt.
Das darf nicht sein und kann nicht sein. Da müssen wir uns dagegen wehren,
speziell diejenigen in diesem Saal, die sich Wirtschaftsvertreter nennen.
Der falsche Weg
Herr Schneider-Ammann hat das Verhältnis zwischen Export und Binnenmarkt
erwähnt. Hier gibt es Zusammenhänge, die man nicht übersehen
darf. Wenn wir die Exportindustrie hier benachteiligen, dann leidet auch der
Binnenmarkt darunter; also schotten Sie diesen Binnenmarkt nicht einfach ab!
Wenn Sie
jetzt einmal die flankierenden Massnahmen betrachten, dann sticht sofort die
Allgemeinverbindlichkeit ins Auge. Machen Sie bitte nicht den gleichen Fehler
wie die Deutschen, die Flächentarifverträge eingeführt hatten
und heute auf mühsame Art und Weise wieder zurückbuchstabieren müssen.
Wir gehen hier mit diesen Anträgen bei den flankierenden Massnahmen genau
den gleichen falschen Weg. Fragen Sie Unternehmer in Deutschland, was das
Resultat ist: Arbeitsplatzverlust, Wohlstandsverlust!
Bis heute haben wir, also die Firma Stadler-Rail, immer versucht, in Aufträge
für die Exportmärkte in Osteuropa einen möglichst grossen Schweizer
Anteil mit zu integrieren, sei das in der Slowakei, sei das in Polen. Wenn
wir hier jetzt aber neue Kosten übernehmen müssen - und genau das
ist der Weg, der durch die neuen, verschärfenden Regelungen zur Allgemeinverbindlichkeit
von Gesamtarbeitsverträgen vorgezeichnet wird -, wenn wir diesen Weg
gehen, kann es sein, dass wir in einigen Jahren kostenmässig nicht mehr
konkurrenzfähig sind. Und dann können wir bei Aufträgen aus
jenen Ländern nicht mehr vierzig, fünfzig oder sechzig Prozent Schweizer
Anteil generieren, sondern
null Prozent! Die Arbeitsplätze, die wir heute hier in der Schweiz haben,
werden dann in diese Länder verlagert werden müssen. Ich hoffe,
dass wir dies nicht tun müssen, und bitte Sie darum, bei den flankierenden
Massnahmen nicht den beantragten, unflexiblen, KMU-feindlichen Lösungen
zuzustimmen.
Treten Sie ein für die bewährte, flexible, offene Lösung -
auf dass Probleme wie bisher auf sozialpartnerschaftliche Art und Weise gelöst
werden können. Ich bitte Sie - diejenigen, die wirklich ein Interesse
am Werkplatz Schweiz haben: Schützen Sie diesen Werkplatz Schweiz und
schütten Sie bei den flankierenden Massnahmen das Kind nicht mit dem
Bade aus!
Peter Spuhler, Nationalrat