Nr. 29, 7. November 2003

Die Hungersnot in der Ukraine 1932/1933
Stalins verschwiegener Völkermord

Von Dr. Olena Geissbühler-Moyseyenko, Sigriswil BE


Zum siebzigsten Mal jährt sich der grösste Völkermord des letzten Jahrhunderts. 1932/1933 verhungerten Millionen ukrainische Bauern, wurden willkürlich erschossen oder starben
während der Deportation.

Die Ukraine war 1933 ein Todeslager unglaublichen Ausmasses. 45 Millionen Menschen hungerten und 11 Millionen Menschen verhungerten, wurden erschossen oder deportiert. Die genauen Zahlen weiss niemand.
Aber in den letzten zwölf Jahren, nach dem Untergang der Sowjetunion, wurden viele Archivdokumente entdeckt und veröffentlicht, Berichte der Partei- und Staatsorgane der bolschewistischen Staatsmacht wie auch zuvor geheime Akten des Deutschen Auswärtigen Amtes. Gemäss heutiger Schätzung waren damals über elf Millionen Tote zu beklagen. Die Menschen starben, weil sie sich dem Kommunismus entgegenstellten.

Bewusst inszeniert

Diese Hungersnot fand in der Ukraine, der Kornkammer Europas statt. Sie war nicht verursacht durch eine natürliche Katastrophe, durch eine Dürre oder eine Epidemie, sie war nicht Folge kriegerischer Handlungen. Die Hungersnot war eine bewusst inszenierte, sorgfältig geplante und konsequent
durchgeführte Handlung Stalins.
Diese Hungersnot hatte hauptsächlich politische Gründe. Zum einen ging es um die Kollektivierung der Landwirtschaft. Stalin wollte den massiven und unerwarteten Widerstand der ukrainischen Bauern gegen die Kollektivierung (in Wahrheit Enteignung) brechen und die Opposition gegen die Moskauer
Politik der kolonialen Ausbeutung ausmerzen. Ausserdem wollte er den ukrainischen Nationalismus, also den Wunsch der Ukrainer nach Wiederherstellung von Unabhängigkeit, Selbständigkeit und Freiheit, niederringen und dazu das kulturelle und soziale Leben, die Basis des ukrainischen Widerstandes, zerstören. Und gleichzeitig wollte er die wohlhabenden, unabhängigen Bauern definitiv unterjochen.
Mit der Kollektivierung der Landwirtschaft kam die Agrarproduktion unter die vollständige Kontrolle Stalins. Abgabenquoten für Vieh und Getreide wurden festgesetzt. Um den massiven Widerstand der ukrainischen Bevölkerung zu brechen, wurden 1932 die schon übermässigen Abgabequoten (die sogenannten Getreideeinzugs-Lieferungen) massiv erhöht und zusätzliche Sonderlieferungen
verordnet. Wurden die Abgabequoten nicht erfüllt (in Wirklichkeit konnten sie gar nicht erfüllt werden), wurde den Säumigen Sabotage vorgeworfen, was die Beschlagnahmung aller Nahrungsmittel (inklusive Saatgut) sowie Massenverhaftungen, Deportationen und Hinrichtungen bewirkte. Jeder Widerstand der Bauern wurde als Sabotage definiert.

Wehrlos ausgeliefert

Verzweifelte Menschen, die, um zu überleben, Getreide versteckten, wurden gnadenlos eliminiert. Hausdurchsuchungen und Kontrollen wurden durch Stossbrigaden fanatischer Jungkommunisten durchgeführt. Die Strafe für vorgeworfenen «Diebstahl sozialistischen Eigentums» war willkürliche
Erschiessung oder Deportation. Kinder wurden, wenn sie ihre Eltern verrieten, zu «Helden der Sowjetunion» ernannt. Während die Menschen verhungerten, wurde das Getreide zu Schleuderpreisen ins Ausland verkauft. In die leeren Häuser der toten Ukrainer wurden Russen einquartiert.
All diese Massnahmen führten zu einer katastrophalen Versorgungslage, die in einem eigentlichen Massensterben endete. Die Ukraine war den kommunistischen Schergen wehrlos ausgeliefert ­ und der Westen schaute untätig zu. Der Sommer 1933 war der Höhepunkt der Katastrophe. Millionen verhungerten, Millionen wurden erschossen, Millionen deportiert.
Die Hungersnot war während der Sowjetzeit tabu und wurde von Stalin geleugnet. Viele damalige westliche Intellektuelle, Künstler und Politiker verharmlosten, beschönigten oder ignorierten die Vorgänge in der Ukraine. Der Westen wollte zu jenem Zeitpunkt die Sowjetunion aus politischen Gründen nicht unter Druck setzen oder verärgern. Ausländische Reporter durften nicht in die Ukraine reisen. Die Ukraine war völlig isoliert, sie wurde völlig im Stich gelassen.

Hunger als Waffe

Aber es gab doch Schriftsteller, die über die Hungersnot schrieben. Zum Beispiel Lev Kopelev, der in seinem Buch «Aufbewahren für alle Zeit» schreibt: «Ich war selbst dabei, suchte nach verstecktem Getreide und glaubte an die grosse sozialistische Umgestaltung. Wir alle erfüllten eine revolutionäre Pflicht, wir vollbrachten eine historische Tat.» Und Boris Pasternak: «Was ich sah, liess sich in Worten
nicht ausdrücken.» Weitere berichteten, auch Alexander Solschenizyn, auch George Orwell, auch Arthur Koestler; sie und viele mehr haben über die Verbrechen an den Ukrainern geschrieben.
Sehr lesenswerte Bücher sind: «Ernte des Todes ­ Stalins Holocaust in der Ukraine 1929­1933» (The Harvest of Sorrow, 1986) von Robert Conquest. Und auch «Erinnerung an den Roten Holocaust» von Paul Rothenhäusler und Hans-Ueli Sonderegger (2000).
Schon unter Lenin war der Hunger 1919 als politische Waffe eingesetzt worden. Auch damals waren die Folgen verheerend, für das Land wie auch für die Menschen. Stalin und seine Anhänger nutzten die Hungerwaffe für den Kampf um den Sozialismus und gegen die freien Bauern in der Ukraine. Andrej
Sacharov schrieb einmal über die «Ukrainophobie» Stalins, der der Meinung war, dass man das ukrainische Volk mit Stumpf und Stiel ausrotten sollte, dass dies wegen der grossen Bevölkerungszahl aber nicht möglich sei.
Stalin siegte, er brach den Widerstand des ukrainischen Volkes. Aber zu welchem Preis: elf Millionen Tote und ein verwüstetes Land, das sich bis heute nicht vollständig erholt hat. Der rote Terror ermöglichte den Kommunisten damals die Unterdrückung der Ukraine, womit sie sich an der
Macht zu halten verstanden.

Ewiges Gedenken

Heute ist die Ukraine frei, aber dieses Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Tatsache geworden in den dreissiger Jahren des letzten Jahrhunderts, hat
seine Spuren hinterlassen. Die Grosse Hungersnot wird im Westen als Wahrheit anerkannt, bald auch von der Uno. Stalins verschwiegener und vom Rest der Welt ignorierter Völkermord ist eine verbriefte Tatsache. Heute gedenken wir der elf Millionen Toten, die zu den Opfern des Roten Holocaust zählen.
Es ist nie zu spät für Wiedergutmachung. Und es ist nie zu spät, sich der Opfer zu erinnern.
Ewiges Gedenken ­ Witschnaja Pamniat!


Olena Geissbühler-Moyseyenko